Hamburg taumelt Zweiter Liga entgegen

Die Uhr für den Bundesliga-Dino HSV läuft ab

Die Lage des HSV ist ernst. Tabellenletzter. Seit 14 Spielen nicht gewonnen. Jede Menge Unruhe im Klub. Fans, die den Spielern mit Gewalt drohen. Der Dino des Fußball-Oberhauses ist schwer krank.
29.03.2018, 08:40
Lesedauer: 6 Min
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Von Heiko Oldörp
Die Uhr für den Bundesliga-Dino HSV läuft ab

Die Fans des HSV sind über den Tabellenplatz ihres Vereins nicht erfreut.

Reuters

Wer sich rund um das Hamburger Volksparkstadion nicht so gut auskennt, der trifft sich mit Kumpels oder Kollegen vor Bundesligaspielen des Hamburger SV am Fuß von Uwe Seeler. Die überdimensionale Skulptur vor dem Nordost-Eingang ist schließlich jedem ein Begriff und mit ihren Maßen von 5,30 Meter Höhe, 2,30 Meter Breite und 5,15 Meter Länge einfach nicht zu übersehen.

Unübersehbar sind derzeit allerdings auch die neun Grabkerzen, die unter dem vier Tonnen schweren Denkmal für Hamburgs bekanntesten und beliebtesten Fußballer stehen. Waren es womöglich Fans des FC St. Pauli, die sich hier auf Kosten des Stadtrivalen einen Scherz erlaubt haben? Oder schlichtweg zur Einsicht gekommene eigene Anhänger? Egal. Das Bild passt zur Gesamtsituation dieses Hamburger Sport-Vereins im Frühjahr 2018. Die Lage ist so ernst wie noch nie. Tabellenletzter. Seit 14 Spielen nicht mehr gewonnen. Bereits sieben Punkte Rückstand auf Relegationsplatz 16. Jede Menge Unruhe im Klub. Und Fans, die den Spielern mit Gewalt drohen. Kurzum: Der Dino des Fußball-Oberhauses ist schwer krank.

Größer könnte Kontrast zwischen glorreicher Vergangenheit und grauer Gegenwart nicht sein

Oberhalb von Uwe Seelers Fuß befindet sich an der Ecke Osttribüne/Nordtribüne der Eingang zum „Arena Store“, wie der Fanshop genannt wird, zum Restaurant „Die Raute“ und zum Vereinsmuseum. „Nur der HSV“ steht mit Großbuchstaben über der Glastür. Links und rechts sind zwei rechteckige Bildschirme in den weißen Metallrahmen eingepasst. Ein Clip zeigt Fotos und Videos von Stadt und Verein. Erst Uwe Seeler, den Fans auf Schultern über den Rasen tragen. Dann Horst Hrubesch, der jubelnd den Europapokal der Landesmeister in den Athener Nachthimmel reckt. Auf die beiden HSV-Legenden folgt Dennis Diekmeier in einer Spielszene – größer könnte der Kontrast zwischen glorreicher Vergangenheit und grauer Gegenwart nicht sein.

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Und noch heftiger als es HSV-Mäzen Klaus-Michael Kühne vergangene Woche anlässlich der Eröffnung seines Luxushotels in der Hansestadt getan hat, kann man gegen den eigenen Verein kaum austeilen. „Noch vor einem Jahr hätte ich gesagt: Hamburg hat drei Perlen – die Elbphilharmonie, unser neues Hotel und den HSV“, betonte Kühne. „Jetzt“, so der Milliardär weiter, „hat es leider nur zwei Perlen.“ Zugleich ließ der Mann, der im Verein mit mehr als 100 Millionen Euro seit Jahren schon Finanzlöcher stopft, ein klares Bekenntnis zum Klub vermissen. „Man kann immer geben, man kann immer nehmen. Das Leben ist lang, das Leben ist bewegt“, philosophierte der 80-Jährige. Es kämen auch mal bessere Zeiten. Derzeit jedoch „haben wir keine guten Zeiten, was den Fußball betrifft“.

Warum eigentlich nicht?

Aber warum eigentlich nicht? Wann begann diese seit Jahren andauernde Abwärts-Spirale? Wann wurden entscheidende Fehler gemacht? Und wer sind die Hauptverantwortlichen? Viele sehen den Hauptgrund ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt, als der HSV seine erfolgreichste Saison seit 26 Jahren spielte: 2008/2009. Im Uefa-Cup und im DFB-Pokal standen die Hamburger jeweils im Halbfinale, scheiterten aber in beiden Wettbewerben am Nordrivalen Werder Bremen. Die Bundesliga beendete der HSV auf Platz fünf. Sportlich lief es bestens, doch in der Chefetage krachte es kräftig. Zwischen Vorstandsboss Bernd Hoffmann und Sportchef Dietmar Beiersdorfer gab es ein Kompetenz-Gerangel. Ergebnis: Beiersdorfer zog nach sieben Jahren auf seinem Posten die Konsequenzen und verließ am 23. Juni 2009 den Verein.

Maskottchen in der Bundesliga

Auch das HSV-Maskottchen Dino Hermann mag nicht mehr hinsehen: Der Hamburger SV ist akut abstiegsbedroht und könnte das erste Mal in seiner Vereinsgeschichte in die zweite Liga abrutschen.

Foto: dpa

Das dadurch entstandene Vakuum auf höchster sportlicher Ebene hat Hoffmann längst auf seine Schultern genommen. Er hätte nach dem Aus von Beiersdorfer viel stärker darauf drängen sollen, einen neuen Sportvorstand zu installieren, ließ er erst kürzlich wieder wissen. 2009 hingegen fungierte Hoffman zunächst selbst ein Jahr lang als Sportchef und war somit die erste von insgesamt sieben Personen, die seitdem diesen Posten innehatten – und trotzdem keine Stabilität in den Verein brachten. Einen Oliver Kreuzer bezeichnete Klaus-Michael Kühne im August 2013 gar als „Drittliga-Manager“, der seiner Aufgabe „nicht gewachsen“ sei. Und wer erinnert sich nicht an Peter Knäbel, dem im Sommer 2015 ein Rucksack mit Gehaltslisten und Scoutings-Reports gestohlen wurde, der im Hamburger Jenischpark wieder auftauchte? Land und Liga lachten. Typisch HSV.

15 verschiedene Trainer

Die Fehlbesetzungen auf der Manager-Position hatten natürlich Auswirkungen auf die Trainer. Denn jeder neue Sportchef wollte seinen eigenen Mann als Coach installieren. So hat der HSV seit dem Beiersdorfer-Rückzug vor fast neun Jahren 15 verschiedene Chef- oder Interimstrainer gehabt. Allein in der Saison 2013/14 waren es vier. Mirko Slomka rettete den HSV schließlich in der Relegation gegen Greuther Fürth vor dem Abstieg, Bruno Labbadia ein Jahr später gegen den Karlsruher SC. Vor zehn Monaten hieß der Held dann Markus Gisdol. Hamburg gewann am letzten Spieltag durch ein Tor von Luca Waldschmidt in der 88. Minute 2:1 gegen den VfL Wolfsburg, schickte somit die Niedersachsen in die Relegation.

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Doch nach jeder Rettung kehrte nie Ruhe ein. Und durch die ständige Rotation auf dem Chefsessel sind dem HSV große Talente verloren gegangen. Ein Jonathan Tah beispielsweise wurde in Hamburg geboren, fing 2009 in der HSV-Jugend an, bekam unter Slomka aber keine Chance. Mittlerweile ist Tah in Leverkusen Nationalspieler geworden. Mit einem Kerem Demirbay konnte Labbadia nichts anfangen. Darüber freuen sich jetzt die Hoffenheimer, bei denen der Mittelfeldmann Leistungsträger ist. Und mittlerweile ist allen in Hamburg klar, dass sie einen Michael Gregoritsch im Sommer nie zum FC Augsburg hätten ziehen lassen sollen. Dort hat der Österreicher in dieser Saison bereits elfmal getroffen. Fiete Arp könnte der Nächste auf dieser Liste sein. Der 18-Jährige gilt als HSV-Juwel. Bei einem anderen Verein, in einem ruhigen Umfeld, könnte er womöglich reifen, die nächsten Schritte seiner bislang so viel versprechenden Entwicklung machen. In Hamburg hingegen scheint das in dieser völlig verunsicherten Mannschaft unmöglich.

Gegen Drittligisten gescheitert, der 78 Minuten in Unterzahl spielte

Dass der HSV diesmal noch schlechter dasteht als in den Vorjahren, war im Sommer noch nicht zu erahnen. Unter Gisdol wurden in der vergangenen Rückrunde 25 Punkte geholt. Und der Coach klang voller Euphorie, als er zum Abschluss des Trainingslagers sagte: „Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, mit der Mannschaft hier zu arbeiten und zu sehen, welche Fortschritte wir gemacht haben.“

Wenige Tage später scheiterte der HSV in der ersten DFB-Pokalrunde 1:3 am Drittligisten VfL Osnabrück – obwohl der Gegner 78 Minuten in Unterzahl spielen musste. Zum Bundesligaauftakt besiegte Hamburg Augsburg durch einen Treffer von Nicolai Müller 1:0. Doch kaum jemand sprach über das Ergebnis. Das große Thema war der Kreuzbandriss von Müller. Der hatte sich die schwere Verletzung nicht etwa in einem Zweikampf zugezogen, sondern – kein Witz – beim Torjubel. Müller fehlt seitdem verletzungsbedingt. Weder im Sommer noch im Winter hat der HSV auf diesen Verlust reagiert. Dabei war Müller der Schlüsselspieler im Gisdol-System. Er brachte zusammen mit Filip Kostic nach Balleroberung Tempo ins Spiel.

„Ich war guten Glaubens, dass wir gut aufgestellt in die Saison 17/18 gehen würden – das hat sich als Trugschluss herausgestellt. Die Verantwortung dafür übernehme ich“, sagte Aufsichtsrats-Chef Heribert Bruchhagen nach seiner Entlassung Anfang des Monats. Er habe sich, so Bruchhagen, von der vergangenen Rückrunde blenden lassen.

Doch der HSV ist seit Jahren von einer negativen Aura umgeben. Warum dieser Verein mit dieser Stadt, diesem Stadion, diesen Fans – und daher diesen Möglichkeiten – nun wohl unabwendbar erstmals absteigt, ist selbst für Hardcore-Anhänger schlichtweg nicht zu erklären. Einige führen es gar auf den Weggang vom Trainingsgelände am Ochsenzoll in Norderstedt zurück. Denn die neue Stätte, direkt am Stadion, steht in unmittelbarer Nähe zu einer Deponie – und somit sei der ganze Untergrund dort eben kontaminiert.

Noch atmet der Bundesliga-Dino. Aber er atmet schwer. Und es besteht kaum Hoffnung auf abermalige Rettung. Sein Ableben scheint nur noch eine Frage von Wochen zu sein. Doch in Hamburg sind sie vorbereitet. Die Grabkerzen stehen bereits – unterm Fuß von Uwe Seeler.

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