Jens Weinreich über den Fifa-Skandal Eher ein Mafia-Clan als ein Sportverband

Joseph Blatter will nicht von der Macht lassen. Seine Uneinsichtigkeit und Selbstverliebtheit tragen pathologische Züge.
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Joseph Blatter will nicht von der Macht lassen. Seine Uneinsichtigkeit und Selbstverliebtheit tragen pathologische Züge. Der Präsident des Fußball-Weltverbandes (Fifa), der bald ins neunte Lebensjahrzehnt geht und gegen den ein Strafverfahren läuft, benimmt sich nicht anders als jene Despoten, unter denen er viele Freunde hat: etwa in Nordkorea oder Simbabwe. Unmittelbar nach den spektakulären Rücktrittsforderungen der vier US-Sponsoren Coca-Cola, McDonald’s, Visa und Anheuser Bush InBev ließ Blatter am Freitag über seinen US-Strafverteidiger ausrichten, er könne dem Ersuchen leider nicht nachkommen, weil er als Fifa-Reformer gebraucht werde. Geht es noch irrer?

Blatter ist eine jämmerliche Gestalt, die in den meisten Ländern des Planeten die Verhaftung fürchtet und deshalb nur noch nach Russland reist, die aber weiterhin in der mondänen Fifa-Zentrale auf dem Zürichberg gewisse Geldflüsse steuert: In seinen Jahrzehnten dürfte der von der Macht besessene Blatter eine dreistellige Millionensumme in die Dienste von Propaganda-Knechten, Lobbyisten, Spindoktoren und Winkeladvokaten investiert haben, um sich von Skandal zu Skandal zu hangeln. Er heuerte und feuerte nach Gutdünken, ließ fürstliche Abfindungen zahlen – und all diese Millionen gingen dem Fußball verloren.

Mit jedem Tag mehr, den Blatter im Amt verharrt, steuert die geist- und führungslose Fifa ihrem Untergang entgegen. Diskussionen über mögliche Nachfolger verbieten sich, weil sie das Thema kolossal verfehlen. Denn Mafia-Gruppierungen lassen sich nicht reformieren – man kann sie nur zerschlagen. Und darum geht es seit dem 27. Mai 2015, als in Zürich ein halbes Dutzend Fußballfürsten verhaftet wurden und kurz darauf in New York die US-Justiz erste Anklageerhebungen präsentierte. Die Schlinge der Strafverfolgungsbehörden in den USA, der Schweiz, Uruguay, Brasilien, Südafrika und anderen Nationen zieht sich weiter zu. Auf die Arbeit der sogenannten Fifa-Ethikkommission kann man getrost verzichten. Diese hausinterne Truppe hat sich oft genug und in verschiedenen Zusammensetzungen blamiert und wurde als Erfüllungsgehilfin der Bosse enttarnt.

Strukturen und Usancen im Fifa-Reich erfüllen alle Voraussetzungen, um das Konstrukt Fifa als kriminelle Vereinigung zu charakterisieren. Das US-Justizministerium, die Bundespolizei FBI, die Steuerbehörde IRS, Staatsanwälte und Richter behandeln die Fifa als RICO (Racketeer Influenced Corrupt Organization), als von Gangstern dominierte korrupte Organisation.

Das ist entscheidend. Denn die Fifa, ihre Nationalverbände sowie die kontinentalen Verbände fallen damit unter den RICO Act, ein Gesetz aus dem Jahr 1970, das die rechtlichen Optionen erweiterte, gegen organisierten Kriminalität vorzugehen. Auf Grundlage des RICO Acts wurden aufsehenerregende Strafprozesse inklusive gigantischer Schadenersatzklagen durchgezogen, etwa gegen die US-Tabakindustrie, gegen Umweltsünder, gegen Mafia-Clans – und nun eben gegen die Fifa.

In dieser Tradition geht auch die Schweizer Bundesanwaltschaft vor. Das ist neu. Das sorgt im olympischen Sport-Establishment für Angst und Schrecken, denn schließlich gibt es andere Weltverbände mit mafios anmutenden Strukturen und einigen per Strafbefehl gesuchten Figuren – im Handball, im Volleyball, in der Leichtathletik, im Boxen, im Ringen ...

Schon wird in Feuilletons über einen angeblichen Justiz-Imperialismus der Amerikaner fabuliert. Im Falle der Fifa ist das völliger Unsinn. Zuerst waren journalistische Enthüllungen, etwa über die vielen Dutzend Millionen Dollar, die amerikanische Fifa-Funktionäre abzweigten. Dafür interessierten sich FBI und IRS, sie handelten und eröffneten Verfahren.

Diese Fifa – und mit ihr das komplette Führungssystem des Weltfußballs – muss zerschlagen und unter externer Führung neu aufgebaut werden. Wer nach den lautstarken Forderungen der US-Sponsoren voreilig meint, der Druck der Geldgeber wirke mehr als die strafrechtlichen Ermittlungen, hat nichts verstanden. Denn die Rücktrittsforderungen an Blatter sind eine Folge des juristischen Drucks. Dadurch, dass die Fifa mit einer kriminellen RICO gleichgesetzt wurde, laufen amerikanische Fifa-Sponsoren Gefahr, mit in den Strudel gezogen zu werden. Die Börsenaufsicht SEC hat längst Druck gemacht.

Es kann für den organisierten Fußball nicht schlechter, sondern nur besser werden. Und irgendwann, eher früher als später, wird auch Blatter weichen müssen. Wann das passiert, ist nicht mehr wichtig. politik@weser-kurier.de

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