Heike Laurinat Ehrgeizig bis zur letzten Sekunde

Ein Leben ohne Fußball konnte sich Heike Laurinat nie vorstellen. Doch jetzt macht die 51-Jährige Schluss. Nach 38 Jahren mit vielen Titeln und Erfolgen, aber auch jeder Menge Spaß.
04.06.2018, 17:50
Lesedauer: 3 Min
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Von Thorin Mentrup

Brinkum. Diesen Moment gönnte ihr nicht nur Marcel Flämig von Herzen: Wenige Minuten vor dem Abpfiff des letzten Saisonspiels der Frauen-Landesliga-Meisterrunde beim TuS Schwachhausen II holte der Trainer des Brinkumer SV Heike Laurinat vom Feld. Es war Laurinats letzte Auswechslung. Ihre Laufbahn endet nach 38 Jahren. In Zukunft will die 51-Jährige kürzertreten.

Ihre Mitspielerinnen nahmen Laurinat in den Arm und applaudierten ihr. Und die Bremerin selbst? Sie wäre am liebsten auf dem Feld geblieben. „Ich weiß, dass es mein Moment sein sollte. Aber ich habe es nie gemocht, ausgewechselt zu werden“, erklärt sie. Ihr Ehrgeiz war auch in ihrem letzten Spiel bei einer Elfer-Mannschaft ungebrochen. Fußball war immer Laurinats Leben. Wenn selbst im Amateurbereich über Typen, über An- und Wortführer, über Spielerinnen und Spieler, die vorangehen, diskutiert wird, konnten in Brinkum Trainer Marcel Flämig und sein Co „Shorty“ Schulze nur lachen und abwinken. Sie hatten dieses Problem nicht. Sie konnten sich auf eine verlassen, die in ihrem Sport schon fast alles gesehen hat und bis zum Schluss voranging. „Heike kniet sich immer rein“, weiß Flämig den Einsatz Laurinats zu schätzen. Sie war aber auch mit ihrer Persönlichkeit wertvoll für die Mannschaft: „Wie sie positiv auf alle einwirkt, ist schon enorm.“

In den vergangenen Monaten führte Heike Laurinat dennoch einen inneren Kampf. „Ich weiß gar nicht, ob ich damit zurechtkomme, wenn ich das Ganze hier nicht mehr habe“, sagt sie, während sie mit dem Arm einen großen Halbkreis in Richtung des Spielfeldes zeichnet, auf dem ihre Mitspielerinnen gerade das letzte Trainingsspiel der Saison bestreiten. „Eigentlich kenne ich gar nichts anderes als Fußball. Deshalb habe ich auch ein bisschen Angst vor der neuen Situation“, sagt die Bremerin, die in der gerade beendeten Saison beim BSV noch einmal durchgestartet ist und sich selbst mit dem 6:2-Sieg bei Schwachhausens Reserve einen tollen Abschied beschert hat. „Mit einer Bomben-Leistung“, fügt Flämig hinzu.

Als Jugendliche hat Laurinat mit dem Fußballspielen angefangen, damals noch auf der Straße, ehe sie als 18-Jährige bei Eintracht Bremen ihre Vereinslaufbahn startete. „Das waren schöne Zeiten“, blickt sie auf aufregende und vor allem titelreiche Saisons zurück. Einige Meisterschaften und Pokalsiege stehen in der sportlichen Vita Laurinats, die im Fußball in Bremen und umzu weit herumgekommen ist. Eintracht, der Polizei SV oder TuRa Bremen, aber auch der SV Dreye und zum Abschluss der Brinkumer SV sind nur einige Stationen. Bis in die Oberliga hat sie es geschafft. An Ehrgeiz hat es Heike Laurinat nie gemangelt. „Auf dem Platz zählte für mich nur Fußball.“ Doch auch der Spaß sei nie zu kurz gekommen.

Deshalb wollte Flämig sie auch unbedingt in seinem Team haben. Er lockte sie vor wenigen Jahren zum SV Dreye. Da hatte Laurinat die 40 längst hinter sich gelassen. „Er hat sich wirklich sehr bemüht. Kein Trainer hätte mich in meinem Alter noch genommen“, glaubt die Spielerin. „Eigentlich war ich zu alt, um noch mal auf dem großen Feld zu spielen. Aber ich bin eine Kämpferin“, nennt Laurinat eine ihrer wichtigsten Charaktereigenschaften. Sie lässt sich nicht unterkriegen. Mit ihrer Mentalität stand sie bis zuletzt ihre Frau. Dabei hatte sie doch eigentlich im Sturm begonnen. „Je älter du wirst, desto weiter hinten spielst du“, lacht sie. Auf sie war auch in der Defensive immer Verlass – meist über die kompletten 90 Minuten. Das hat sich in all den Jahren nicht verändert. Anderes dagegen schon: „Ich kann nicht mehr einfach so von null auf 180 starten. Ich muss mich länger warm machen, ich brauche mehr Trainingszeit, um auf das gleiche Level wie die anderen zu kommen“, spürt Laurinat das Alter. „Mein Körper ist einfach anders.“ Die Partien auf Kunstrasen merke sie noch Tage später. Manchmal stand Laurinat Gegenspielerinnen gegenüber, „die meine Töchter sein könnten“, wie sie selbst sagt. Das sei ein komisches Gefühl. „Manchmal“, gibt sie ehrlich zu, „komme ich nicht mehr hinterher.“ Dann muss sie ausspielen, was sie in Hülle und Fülle hat: Erfahrung. „Ich kann gut antizipieren und habe den Überblick“, erklärt sie.

Dennoch reifte zuletzt der Entschluss, nach fast vier Jahrzehnten etwas anders zu machen. „Jetzt kann ich erhobenen Hauptes gehen“, passt der Zeitpunkt für Laurinat. Verbands- oder Landesliga will sie nicht mehr spielen. „Irgendwann ist Schluss“, weiß sie. Sie wagt eine Reise ins Ungewisse. Komplett dem Fußball den Rücken kehren wird sie aber nicht. Sie kann sich vorstellen, als Betreuerin dem Team erhalten zu bleiben, außerdem will sie eine zweite Mannschaft beim Brinkumer SV aufbauen. „Wer Lust hat, kann gerne kommen“, betont sie und fügt an, wofür sie das beste Beispiel ist: „Das Alter ist vollkommen egal.“

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