14-Jähriger will Surfweltmeister werden

Ein Bremer auf dem Meer

Lennart Neubauer hat ein großes Ziel: Er will eines Tages Surfweltmeister werden. Der gebürtige Bremer lebt seit vielen Jahren auf der griechischen Insel Naxos und gilt als eines der größten Surf-Talente.
26.10.2018, 21:40
Lesedauer: 5 Min
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Ein Bremer auf dem Meer
Von Elena Matera
Ein Bremer auf dem Meer

Hoch über dem Meer und ein Lächeln auf den Lippen: Windsurfer Lennart Neubauer bei den Windsurf-Weltmeisterschaften auf Fuerteventura.

Tom Brendt

Lennart Neubauer will aufs Meer – und das schon, seit er denken kann. Er liebt die Wellen, das Wasser, den Wind und sein Surfbrett. Von seinem Fenster aus hat der 14-Jährige die perfekte Sicht auf den Strand von Naxos, einer griechischen Insel im Ägäischen Meer. Die Sonne scheint, der Himmel ist klar. Es gibt weiß getünchte Häuser und Palmen, Touristen sonnen sich selbst im Oktober noch am Strand. Naxos ist Lennart Neubauers Zuhause. Bremen ist zwar sein Geburtsort, doch seit er nur wenige Monate alt ist, lebt er auf der griechischen Insel. Seine Mutter Iris Neubauer ist mit ihm nach Naxos ausgewandert.

Gespräche mit dem jungen Bremer und seiner Mutter laufen via Skype, einem Kommunikationstool, mit dem man Video-Telefonate führen kann. Während des Gesprächs dreht Lennart Neubauer immer wieder den Laptop herum und zeigt die von Palmen gesäumten Straßen, die weißen Häuser, den blauen Himmel und natürlich das Meer. Neubauer trägt Shorts und ein T-Shirt. Das warme, sonnige Naxos steht in einem starken Kontrast zu dem kalten Oktobertag in Bremen.

Sein großes Ziel ist es, Windsurf-Weltmeister bei den Männern zu werden, und zwar in allen drei Windsurf-Disziplinen: Freestyle, Wave und Slalom. Neubauer ist sich sicher, dass er es in ein paar Jahren schaffen wird. Und dafür trainiert er hart. Da Naxos kein gutes Gebiet für Slalom und Waves ist, muss Neubauer oft in andere Trainingsgebiete fahren. Seine Mutter ist immer mit dabei.

Ein großes Ziel

Doch die Reisen zu den Wettbewerben und Trainingsorten kosten viel Geld. Iris Neubauer ist alleinerziehend und arbeitet in einem Schmuckgeschäft. Sie möchte ihren Sohn unterstützen, doch sie muss dafür sparen. Einen Sponsor, der die Reisen mitfinanziert, gibt es noch nicht. Lennart Neubauer hat großes Talent. Er ist Windsurfer, belegt in seiner Altersklasse stets die vorderen Plätze und er hat ein großes Ziel: den Weltmeistertitel in der Alterskategorie der Erwachsenen zu holen.

Bei den diesjährigen Weltmeisterschaften auf Fuerteventura durfte er bereits zum ersten Mal bei den Männern mitsurfen. Durch seine guten Leistungen konnte sich Neubauer für eine Wildcard qualifizieren. Die Karte ermöglicht es auch jungen Surfern, bei den Erwachsenen starten zu können. Mit den Weltbesten zu surfen – ein Ereignis, das er nicht so schnell vergessen wird. Auf die vorderen Plätze hat er es nicht geschafft. Noch hat er Nachteile wegen seines Körpergewichts und seiner Größe. Gegen den starken Wind kommt der Teenager nicht so gut an wie die Männer.

In der U 15-Klasse sicherte er sich hingegen gleich zweimal den Weltmeistertitel, in den beiden Windsurf-Disziplinen Freestyle und Wave. Normalerweise surft Lennart Neubauer nur im Freestyle, da er dies am besten auf Naxos üben kann. Dass der Bremer auch den Titel im Wave, also in den großen Wellen, erreichte, verblüffte alle, selbst Neubauer – denn auf Naxos gibt es keine großen Wellen. Wegen dieser Siege durfte der junge Surfer zusätzlich in der Klasse der 15 bis 16-Jährigen starten. Erst im Finale verlor er dann gegen den 16-jährigen Franzosen Corto Dumond. Wenn Lennart Neubauer vom Windsurfen und seinen bisherigen Erfolgen spricht, leuchten seine Augen. Er ist selbstbewusst und lacht viel. Seine Mutter Iris Neubauer blickt ihn während des gesamten Gesprächs immer wieder stolz an.

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Der junge Surfer führt ein Leben, das so ganz anders ist, als das Leben der Gleichaltrigen. Wenn er nicht zur Schule gehen muss, ist Neubauer bis zu sieben Stunden täglich auf dem Wasser. Auch während der Schulzeit findet er Zeit zum Trainieren. Doch das funktioniert nur mit Disziplin. Um sechs Uhr stellt er sich den Wecker, damit er zwei Stunden für die Schule lernen kann. Dann hat er auch nachmittags genug Zeit zum Windsurfen. Dass der Schüler zahlreiche Stunden auf dem Wasser verbringt, sieht man ihm deutlich an. Lennart Neubauer ist braun gebrannt, seine Haare sind blond von der vielen Sonne – ein richtiger Surfertyp.

Ein großer Teil von Neubauers Familie lebt in Bremen. Der 14-Jährige versucht, so oft wie möglich in die Hansestadt zu reisen. Für Neubauer ist das belebte Bremen ganz anders als die friedliche griechische Insel. „Vor allem im Winter ist auf Naxos wenig los. Ohne Wind ist es dann besonders langweilig. In Bremen kann man sich immer irgendwie beschäftigen“, sagt Neubauer.

Vor vier Jahren stand Lennart Neubauer zum ersten Mal auf einem Windsurfbrett, in diesem Jahr startete er bei den Männern in der Weltmeisterschaft. Eine Entwicklung, die seine Mutter Iris Neubauer sich niemals erträumt hätte. 2014 bekam sie Surfstunden zum Geburtstag geschenkt. Da sie keine Zeit dafür fand, schickte sie ihren Sohn zu den Stunden. Dessen damaliger Surflehrer erkannte sofort: Der Junge hat Talent, der muss gefördert werden.

Die absolute Freiheit

Iris Neubauer traute dem Ganzen zunächst nicht, doch sie hörte schließlich auf den Rat. Der damals zehnjährige Schüler war sofort Feuer und Flamme. Er fing an, täglich zu üben, selbst bei geringer Windstärke oder im Winter. Seine Mutter sah ihm dabei oft zu. „Anfangs war es sehr schwer für mich, mein Kind draußen auf dem Meer zu sehen. Dann siehst du eine Welle, den Körper untertauchen und zählst die Sekunden, bis der Kopf wieder zu sehen ist“, sagt sie. Seitdem ihr Sohn den Wasserstart perfekt beherrscht, ist sie beruhigter. Sie weiß: Egal wie er fällt, er schafft es immer wieder, auf das Brett zu klettern und das Segel hochzuziehen.

Für Lennart Neubauer bedeutet Windsurfen die absolute Freiheit. Er hat keinen Trainer, der ihm vorschreibt, was er zu tun und was er zu lassen hat. Der junge Windsurfer entscheidet jeden Tag für sich selbst, wie er sein Training gestalten möchte. Seine Lieblingsdisziplin: der Freestyle. Dabei geht es darum, die ausgefallensten Tricks mit Brett und Segel zu zeigen. Neubauer bringt sich die meisten Manöver selbst bei, indem er etwa Videos ansieht und die Bewegungen nachahmt. Einer seiner Lieblingstricks ist Kabikuchi. Mit Brett und Segel wirbelt der Surfer dabei durch die Luft. Der Trick gilt in der Windsurfszene als hoch kompliziert. „Ich bekomme da viel Höhe und verbringe sehr viel Zeit in der Luft. Es ist, als würde ich für einen kurzen Moment fliegen können“, sagt Neubauer.

Hinaus aufs Meer

Für seine Zukunft hat Neubauer schon konkrete Pläne. Sobald er die Schule beendet hat, möchte er erst einmal als Profiwindsurfer leben. In einem eigenen Van will er die europäischen Meisterschaften bereisen – das machen die Profiwindsurfer so. Er kann diesen zukünftigen Lebensabschnitt als Profi kaum erwarten. In Deutschland möchte Lennart auch wieder leben, spätestens für sein Studium. Er will in Kiel Bootsbau studieren. Die Stadt ist perfekt zum Windsurfen, hat er gehört. Auch seine Mutter kann sich vorstellen, wieder nach Bremen zu ziehen, um ihrem Sohn nah zu sein. Doch erst möchte Lennart Neubauer den WM-Titel bei den Erwachsenen holen und das Leben als Profiwindsurfer auskosten.

Lennart Neubauer dreht erneut den Laptop herum und zeigt, wie windig es geworden ist. Die Wellen werden größer und rollen auf den weißen Sandstrand, die Palmen wiegen sich im Wind – perfekte Bedingungen für ein nächstes Training. Lennart Neubauer ist ungeduldig. Er schnappt sich Brett und Segel und sagt auf Wiedersehen – denn auch jetzt er will nur eines: hinaus aufs Meer.

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