Autor Schulze-Marmeling über Werders jüdischen Präsidenten Alfred Ries und den Umgang des deutschen Fußballs mit der NS-Zeit

„Ein energetischer Mann mit Visionen“

Herr Schulze-Marmeling, lange Zeit tauchten Juden in der deutschen Fußballgeschichte überhaupt nicht auf. Wie kam es dazu?Dietrich Schulze-Marmeling: Die jüdischen Fußball-Aktivisten wurden in der NS-Zeit aus der Geschichte herausgeschrieben. Und da anschließend häufig dieselben Leute die Feder führten wie in den NS-Jahren, wurden sie in der Regel auch nicht wieder hineingeschrieben.
10.01.2018, 00:00
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„Ein energetischer Mann mit Visionen“
Von Thorsten Waterkamp
„Ein energetischer Mann mit Visionen“

Dietrich Schulze-Marmeling

Thomas Strack

Herr Schulze-Marmeling, lange Zeit tauchten Juden in der deutschen Fußballgeschichte überhaupt nicht auf. Wie kam es dazu?

Dietrich Schulze-Marmeling: Die jüdischen Fußball-Aktivisten wurden in der NS-Zeit aus der Geschichte herausgeschrieben. Und da anschließend häufig dieselben Leute die Feder führten wie in den NS-Jahren, wurden sie in der Regel auch nicht wieder hineingeschrieben.

Haben Sie ein Beispiel?

Repräsentativ für diesen Umgang mit der Geschichte war das Buch „Geschichte des deutschen Fußballsports“, das 1954 in der „Schriftenreihe des Deutschen Fußball-Bundes“ erschien. Autor war Carl Koppehel, von 1937 bis 1945 und von 1951 bis 1958 Pressewart des DFB. Auf den 28 A4-Seiten, die sich dem Zeitraum 1933 bis 1945 widmeten, kam das Wort „Nationalsozialismus“ genau einmal vor – im Kontext eines Organisationsnamens. Der Ausschluss der Juden aus dem deutschen Fußball und die Rolle, die der DFB und seine Klubs spielten, blieben unerwähnt. Julius Hirsch tauchte in einem Spielkader auf, die Ermordung des jüdischen Nationalspielers war indes keiner Erwähnung wert. Ähnlich wurden andere jüdische Aktivisten behandelt: Ihr Name wird genannt, ihre jüdische Identität und ihr Schicksal nicht.

Werder hatte mit Alfred Ries einen jüdischen Präsidenten, der während der NS-Zeit aus Deutschland flüchtete. Nach dem Krieg kehrte er zurück und war Werders Präsident bei der ersten Meisterschaft 1965. Trotzdem geriet er in Vergessenheit.

Ich bin mir nicht sicher, ob Antisemitismus dabei eine Rolle gespielt hat. Aus dieser Zeit sind auch Präsidenten anderer Fußballklubs zwischenzeitlich weitgehend in Vergessenheit geraten.

Im Fall Ries könnte ein Grund gewesen sein, dass ihm später vorgeworfen wurde, er habe mit den Nationalsozialisten kollaboriert…

Was den Fall Ries anbelangt: Jüngste Recherchen von Arthur Heinrich (Politikwissenschaftler, Anm. d. Red.) enden ergebnisoffen. Man müsste aber ohnehin berücksichtigen, dass sich ein jüdischer Bürger hier in einer völlig anderen Situation befand als ein sogenannter arischer Bürger.

Sie haben 2011 das Fußballbuch des Jahres geschrieben: „Der FC Bayern und seine Juden“. Darin spielt der frühere Bayern-Präsident Kurt Landauer eine wichtige Rolle. Auch er war in Vergessenheit geraten. Gibt es weitere Parallelen mit Ries?

Alfred Ries ist zweifelsohne eine sehr wichtige Person in der Geschichte Werders – ähnlich wie Kurt Landauer beim FC Bayern. Aber er hat auch – wie Landauer – über die Grenzen seines Vereins hinaus gewirkt: beim DFB als Presse- und Werbereferent wie als 2. Vorsitzender des DSB, Vorläufer des heutigen DOSB. Ähnlich wie Landauer ein energetischer Mann mit Visionen.

Landauer ist mittlerweile wieder sehr präsent. Es gibt eine Stiftung, die seinen Namen trägt. Kann Werder vom FC Bayern lernen, wie sich die Erinnerung an einen jüdischen Präsidenten aufrechterhalten lässt?

Soweit ich weiß, hat Werder hier schon einiges getan. So wird Ries beispielsweise im Wuseum gewürdigt. Es ist nur so: Alles, was der FC Bayern auf diesem Feld macht, erregt weitaus mehr Aufmerksamkeit. Und bekanntlich war es ein langer Weg, bis ­Landauer in der Erzählung der Bayern-­Geschichte den ihm gebührenden Platz fand.

Gibt es heute neben dem FC Bayern weitere positive Beispiele für Erinnerungskultur?

Mittlerweile sehr viele. Und häufig geht dies auf die Initiative von Fans zurück. Ich weiß von entsprechenden Aktivitäten bei Hertha BSC, dem HSV, Mainz 05, Fortuna Düsseldorf, Eintracht Frankfurt, dem 1. FC Nürnberg, Schalke 04, Borussia Dortmund und Göttingen 05. Und diese Aufzählung ist mitnichten vollständig. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang: die Initiative „Nie wieder! Erinnerungstag im deutschen Fußball“.

Das Interview führte Christoph Bähr.

„Vergessene Vergangenheit? Jüdische Akteure im Fußball“ lautet der Titel einer Podiumsdiskussion, die das Fanprojekt Bremen und die Heinrich-Böll-Stiftung veranstalten. Sie findet an diesem Donnerstag ab 19 Uhr in der Bremischen Bürgerschaft statt. Der Eintritt ist frei.

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