Grün-Gold-Formation

Ein heißer Tanz

Die Grün-Gold-Formation ist erneut nur Zweiter geworden in der Bundesliga. „Nur“ Zweiter. Für das Projekt Titelverteidigung vor eigenem Publikum bedeutet das für den amtierenden Weltmeister aber enormen Druck.
18.02.2019, 18:44
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Ein heißer Tanz
Von Olaf Dorow
Ein heißer Tanz

„This is me“: Dazu tanzt die Bremer Grün-Gold-Formation. In der Bundesliga liegt sie derzeit auf dem ungewohnten zweiten Rang.

Witke/nordphoto

Rund 5000 Tickets wird es geben für diesen Abend am 7. Dezember in der ÖVB-Arena. Rund die Hälfte der Karten ist schon weg. „In der ersten und zweiten Kategorie geht nix mehr“, sagt Jens Steinmann. Er ist der Vorsitzende des Grün-Gold Clubs. Des amtierenden Weltmeisters der Latein-Formationen, der an diesem 7. Dezember die Weltmeisterschaften des Jahres 2019 ausrichten wird. Ob in der ersten oder zweiten Kategorie, oder von irgendwo sonst in der großen Bremer Halle, der Bremer Weltmeister dann auch bewundert, beklatscht oder auch einfach nur betrachtet werden kann – ist eine offene Frage.

Am Wochenende hatte sich in Bremerhaven, im dritten von fünf Bundesliga-Turnieren, an der Spitze erneut die Formation des TSZ Velbert gegen den Dauer-Champion Grün-Gold Bremen durchgesetzt. Es war knapp diesmal. Die Wertung, die aus dem noch jungen Wertungssystem namens „Judging System 3.0“ hervorging, leuchtete nicht jedem ein, doch es hieß am Ende nun mal: 34,813 Punkte für Velbert, 34,564 für Bremen. Damit ist Velbert der Titel nur noch sehr theoretisch entreißbar.

Und für Bremen ist damit eine lange nicht gekannte Situation entstanden. Eine Weltmeisterschaft in Bremen ohne Weltmeister aus Bremen ist zwar immer noch nicht sehr wahrscheinlich. Ist aber nicht vollkommen unwahrscheinlich. Die Regularien des Deutschen Tanzsport-Verbandes (DTV) sehen vor: Nur der Bundesliga-Sieger und der Sieger beim Turnier um die Deutsche Meisterschaft dürfen bei der WM starten. Gastgeber zu sein, oder Titelverteidiger zu sein, reicht nicht aus. Sind Bundesliga- und Meisterschafts-Sieger identisch, darf auch der Zweite der Deutschen Meisterschaften starten. Heißt für die Grün-Gold-Formation von Erfolgstrainer Roberto Albanese: Anfang November in Hamburg, da muss sie das Turnier um die nationale Meisterschaft gewinnen. Oder Zweiter werden, wenn Velbert gewinnt.

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Wie Roberto Albanese die Sache jetzt angeht, ist keine offene Frage. Er wird sie, nun ja, albanese-like angehen. Also voller Wucht und extrem motiviert. „Das Gute ist doch jetzt“, sagt er, „dass der Druck so hoch ist, dass wir uns extrem entwickeln müssen.“ Er bezieht das nicht nur auf die Tänzer. Auch auf sich selbst. Er ist lang genug Trainer, um einen Sportler-Spruch sagen zu können, der so gültig ist, wie er abgedroschen klingt. „Im Sport helfen Niederlagen“, sagt er. „Ich werde eine positive Situation daraus machen“, kündigt er an. Jetzt erst recht: Klingt noch etwas abgedroschener, aber so sieht‘s 2019 jetzt halt aus bei Bremens Erfolgs-Mannschaft, nominiert für den Titel „Mannschaft des Jahres 2018“. Albanese hat das ja auch schon erlebt, dieses Gestärkt-aus-einer-Niederlage-Herausgehen. Er erzählt davon, wie sein Team 2006 den WM-Titel errungen habe und in der anschließenden Bundesliga-Saison nur Zweiter hinter der TSG Bremerhaven geworden sei. 2007 wurde Grün-Gold Deutscher Meister, Europameister, und – gemeinsam mit der TSG Bremerhaven – bei den Weltmeisterschaften auf Rang eins gesetzt. Seine Mannschaft, die im vorigen Dezember in China das bereits neunte WM-Gold für Grün-Gold geholt hatte, müsse diese Bundesliga-Niederlage nun abschütteln, sagt Albanese, „und halt lernen, noch stärker zu werden“. Individuell wie als Tanz-Truppe. Sie ist Grün-Gold, sie ist wie Bayern im Fußball. Immer Gejagter. Und so, wie für Fußballklubs das Match gegen den FC Bayern oft genug das Spiel des Jahres ist, so werden die Grün-Gold-Auftritte auf den Tanzflächen der Republik kritisch genug beäugt. Vielleicht schaut dann auch der eine oder andere Wertungsrichter besonders genau hin, vielleicht sogar unbewusst.

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„Ehrlich gesagt“, sagt Albanese, im Nachhinein sei die Niederlage gegen den Dauerkonkurrenten Velbert, „doch ganz gut“. Die Stimmung in der Tanzszene sei doch zunehmend eine Art Abwinken oder Schulterzucken gewesen, ein Kann-man-nix-Machen. Auch wieder ähnlich zu dem, wie im Fußball vielerorts über den FC Bayern abgewunken wird. Rein zufällig ist es in diesem Jahr auch im deutschen Fußball so spannend wie schon lange nicht mehr und der FC Bayern aktuell nur Nummer zwei. Dass das dem deutschen Fußball schadet, hat noch niemand gesagt. Zumindest kein ernst zu nehmender Beobachter der Szenerie. Für den DTV sagte am Wochenende in Bremerhaven Schatzmeister Markus Sonyi in die Radio-Bremen-Kamera: „Wir haben zwei Weltspitzen-Teams. Und wenn es da diesen engen Leistungswettbewerb gibt, kann das nur gut sein für den deutschen Tanzsport.“

So wird zurzeit also, um im Bild zu bleiben, sehr eng getanzt. Und für Grün-Gold sei sowohl die Motivation der Tänzer als auch der Druck, mit dem sie umzugehen haben, noch merklich höher als im Vorjahr, sagt Grün-Gold-Chef Steinmann. Albeneses Team ist einstweilen vom Gejagten zum Jäger geworden. Bevor es dann am 9. November in Hamburg, beim Meisterschafts-Turnier auf dem Parkett des ebenfalls ambitionierten Bundesligisten Blau-Weiss Buchholz, zum Show-down kommen wird, stehen erst einmal noch die letzten beiden Turniere der diesjährigen Bundesliga-Saison an. Am 2. März in Ludwigsburg – und am 16. März in Bremen. Der Grün-Gold-Club empfängt in der Messehalle 7 auf der Bürgerweide die nationale Konkurrenz. Steinmann hofft da auf kräftige Unterstützung des Bremer Publikums. Das Bremer WM-Projekt kann Rückenwind gut gebrauchen.

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