Sportdirektor Peter Knäbel ersetzt den entlassenen Josef Zinnbauer als HSV-Trainer Ein Mann, zwei Jobs

Hamburg. Die Entscheidungsträger des Hamburger SV haben sich Zeit gelassen mit ihrer Entscheidung. Um 19.
23.03.2015, 00:00
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Von Hendrik Buchheister

Die Entscheidungsträger des Hamburger SV haben sich Zeit gelassen mit ihrer Entscheidung. Um 19.26 Uhr verschickte der Verein am Sonntagabend die Meldung, mit der das Publikum schon den ganzen Tag gerechnet hatte: die Meldung von Josef Zinnbauers Ende als Trainer des wankenden Traditionsklubs. Nach der 0:1-Niederlage gegen Hertha BSC am Freitag, einem „Sechs-Punkte-Spiel“, wie Zinnbauer selbst das Treffen mit einem Abstiegs-Konkurrenten genannt hatte, sahen Vereinschef Dietmar Beiersdorfer und Sportdirektor Peter Knäbel keine Alternative mehr zur Freistellung des ehemaligen U23-Trainers.

Überraschender als der Vertrauensentzug für Zinnbauer nach sechs Spielen ohne Sieg und dem Absturz auf den Relegationsplatz ist sein Ersatz: Anstatt einen Übergangstrainer von außerhalb zu engagieren, wird Sportchef Knäbel die Mannschaft bis zum Ende der Saison übernehmen. Seine Mission: den ersten Abstieg der Vereinsgeschichte zu verhindern.

Knäbel besitzt eine Fußballlehrer-Lizenz, hat mit der Arbeit an der Seitenlinie aber wenig Erfahrung. Von 1995 bis 1998 war er Jugendtrainer beim 1. FC Nürnberg, von 1998 bis 2000 diente er dem Schweizer Klub FC Winterthur als Spielertrainer. Man muss keine presserechtlichen Beschwerden fürchten, wenn man behauptet: Den HSV zu retten, ist mit großem Abstand die bisher schwerste Aufgabe in Knäbels Trainer-Karriere.

Für ihn spricht laut Klubchef Beiersdorfer, dass er „die Mannschaft und die Umstände am besten“ kennen würde und in der Lage sei, „sofort zu handeln“. Diese Eigenschaften hat Knäbel dem ehemaligen HSV-Profi Thomas von Heesen voraus, der ebenfalls als Interimstrainer im Gespräch war. Und um nichts anderes als Soforthilfe geht es dem Klub.

Eigentlich waren die Verantwortlichen überzeugt von Zinnbauer, von seiner Idee vom Fußball, seinem Umgang mit der Mannschaft, seinem Einsatz. Beiersdorfer bescheinigte Zinnbauer zum Ende der Zusammenarbeit „große Leidenschaft und maximales Engagement“, und es handelt sich dabei um mehr als die obligatorischen höflichen Worte, die man einem Trainer bei der Entlassung mit auf den Weg gibt.

Zumindest bis zum Ende der Saison hätten Beiersdorfer und Knäbel gerne mit Zinnbauer weitergemacht. Alleine schon, um das Bild des Hamburger SV als größtem Chaos-Verein zwischen Elbe und Isar zu entzerren. Sie wollten den zweiten Trainerwechsel im Laufe einer Saison und den insgesamt zehnten Tausch an der Seitenlinie seit 2010 vermeiden. Doch nach der Niederlage gegen Hertha BSC und den Siegen der Tabellenkeller-Konkurrenz Stuttgart und Freiburg wurde die Angst vor dem Abstieg so konkret, dass sich die Führungsmannschaft zum Handeln gezwungen sahen. Alleine schon, um einen Impuls zu setzen, wie es in der Krisen-PR heißt.

Wie so oft bei Trainerwechseln ist der Trainer selbst nicht der Hauptschuldige an der prekären Lage. Auf Zinnbauer trifft das in besonderem Maße zu, denn den Hamburger SV zu betreuen, ist einer der schwersten Jobs, die das Fußball-Business zu bieten hat. Zinnbauer musste mit einer Mannschaft arbeiten, an der sich die fehlende Kontinuität ablesen lässt. Außerdem hatte er wichtige Spieler wie Pierre-Michel Lasogga oder Lewis Holtby wegen Verletzungen nur unregelmäßig zur Verfügung. Zinnbauer versuchte, eigene Einflüsse einzubringen mit der Integration von Spielern aus dem Nachwuchs wie Ashton Götz, Ronny Marcos und Mohamed Gouaida.

Gescheitert ist er daran, dass er keine Balance hinbekommen hat zwischen Abwehr und Angriff, zwischen Spielzerstörung und Spielgestaltung. Gegen Mannschaften wie Hannover, Mönchengladbach oder Dortmund kamen die Hamburger zu Punkten, weil sie mit voller Mannstärke verteidigten. Als Zinnbauer gegen den FC Bayern eine Zwei-Stürmer-Variante wagte und mutiger spielen ließ, rannte die Mannschaft ins Verderben und handelte sich beim 0:8 die höchste Niederlage der Vereinsgeschichte ein.

Jetzt soll also Knäbel die Mannschaft durch den Abstiegskampf lotsen, der nach der Länderspielpause mit einem schweren Programm weitergeht: Die kommenden Gegner sind Leverkusen, der VfL Wolfsburg und Werder Bremen. Nebenbei will der Sportchef die Planungen für die neue Saison vorantreiben. Seit Wochen sind für die spielfreie Zeit Gespräche mit den Profis geplant, deren Verträge im Sommer auslaufen. Unter anderem sind Rafael van der Vaart, Heiko Westermann und Marcell Jansen betroffen. Knäbel muss sich um Gegenwart und Zukunft zugleich kümmern.

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