Schach-Ehepaar Jürgens Ein Remis für den Hausfrieden

Wenn Vera und Peter Jürgens am Wohnzimmertisch sitzen, wird auch schon mal Schach gespielt. Beide sind Meister dieses Sports, beide sind für die SF Lilienthal in der Liga aktiv, beide sind vernarrt in Schach.
26.12.2018, 17:47
Lesedauer: 4 Min
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Von Karsten Hollmann

Lilienthal. Mitten auf dem Wohnzimmertisch steht ein großes Schachbrett, das gleichzeitig auch Schachcomputer ist. Dort hat sich das in einem schmucken Einfamilienhaus in Syke wohnende Ehepaar Vera und Peter Jürgens von den Schachfreunden (SF) Lilienthal schon so manches heftig umkämpftes Duell geliefert. „Wenn ich gewinne, kannst du mir nicht einfach nur gratulieren, sondern sagst nur, dass ja alles gut sei“, wirft Peter Jürgens seiner Ehefrau vor.

„Es macht einfach Spaß, dich zu ärgern“, erwidert Vera Jürgens. Ihr Mann könne auch noch schlechter verlieren als sie selbst. Mit wilden Spielzügen und vielen Sprüchen versucht die Großmeisterin ihren Mann aus dem Konzept zu bringen. „Ich spiele gerne Harakiri, damit Peter neue Ideen entwickeln muss“, lässt Vera Jürgens wissen. Der Ausgang der Begegnungen sei dabei völlig offen. Mal gewinnt der eine, mal die andere.

Nur bei Turnieren steht das Ergebnis der Partie bereits vorher fest. „Wir einigen uns immer von vornherein auf ein Remis“, versichert Fide-Meister Peter Jürgens. Weil die Veranstalter dies bereits wüssten, spielen diese – wenn überhaupt – bereits gleich am Anfang gegeneinander. „Schach kann ein sehr brutaler Sport sein, bei dem man einen echten Killerinstinkt entwickeln muss“, verrät Peter Jürgens. Deshalb sei es für den Hausfrieden besser, sich mit einem Remis zu trennen.

Kennengelernt haben sich die Eheleute bei einem mehrtägigen Turnier in Berlin im Jahre 1989. Dabei sollte Vera Jürgens eigentlich zeitgleich für Bulgarien bei der U 20-WM in Kolumbien starten. Sie entschied sich dann aber doch für Berlin und trat dort mit ihrer Schwester Jenny und deren Mann Lars Bo Hansen an. Peter Jürgens hielt aber den riesigen und breitschultrigen Hansen für den Partner seiner späteren Frau und traute sich deshalb in den ersten Tagen gar nicht an diese heran. „Mein späterer Schwager hat mir mit seiner mächtigen Statur ganz schön Angst eingejagt“, sagt der Beamte. Kurz vor dem Turnierende nahm Peter Jürgens dann aber doch all seinen Mut zusammen und sprach die in der Nähe von Sofia aufgewachsene Schachspielerin an.

Zwei Jahre später heirateten die beiden standesamtlich in Deutschland und kirchlich in Bulgarien. „Wir wollten es beiden Familien recht machen“, sagt Peter Jürgens. Der gemeinsame Sohn Stefan (24) ist bereits zum Studium nach Bremen ausgezogen, Tochter Sophie (9) lebt noch bei ihren Eltern. Sophie Jürgens hat auch schon Blut geleckt und spielt mit ihren Eltern gerne „Räuberschach“, bei dem derjenige das Spiel gewinnt, der keine Figuren mehr auf dem Brett hat. Sophie hat sogar bereits einen Pokal im Schach gewonnen.

Auch bei Vera und Peter Jürgens war jeweils ein Elternteil daran „schuld“, dass sie mit dem Schachspielen begannen. Während es bei Vera Jürgens Mutter Maria war, löste bei Peter Jürgens dessen Vater Herbert die Begeisterung für den Sport aus. „Ich war als Kind von der Vielfalt der Figuren fasziniert“, verrät Peter Jürgens. Vor allem das Pferd, also der Springer, habe es ihm angetan. „Ich finde es sehr schade, wenn der Ehepartner das Interesse für Schach nicht teilen kann“, spricht der Familienvater aus der Erfahrung, die er mit seinen eigenen Eltern machte. Mittlerweile schätzen beide an ihrem Hobby, dass es das Gehirn auf Trab halte. „Mit zunehmendem Alter lässt die Leistung des Gehirns aber nach“, räumt Peter Jürgens ein. „Schach ist aber dennoch die beste Prävention gegen eine Demenzerkrankung“, ergänzt Vera Jürgens. Die 49-Jährige hält sich aber auf vielen Gebieten geistig fit. Gerade ist sie dabei, ein Fernstudium der Psychologie abzuschließen. Zudem gibt sie aktuell an drei verschiedenen Schulen in AGs Schach-Unterricht.

„Es macht mir Spaß, wenn die Schüler ein Interesse für Schach entwickeln und Freude daran haben“, betont Vera Jürgens. Sie hat zudem bereits ein halbes Dutzend Romane verfasst, drei unter ihrem Namen, drei unter einem Pseudonym. Die Titel können allesamt auch online bestellt werden. „In meinen Büchern geht es auch um Spiritualität und um Philosophie. Meine Leser sollen sich Gedanken machen und auch immer etwas Lehrreiches aus meinen Büchern mitnehmen“, erklärt die Großmeisterin. Sie habe auch bereits sehr gute Kritiken von ihren Lesern erhalten und wolle ihre Bücher demnächst über eine eigene Homepage besser vermarkten. „Viele Leute denken aber leider, dass man nicht zwei verschiedene Sachen gleich gut hinbekommen kann“, ärgert sich Vera Jürgens. So entwirft sie auch noch Schach-Kalender und tritt gelegentlich als Übersetzerin für russisch und bulgarisch bei Gerichten auf.

Die Eheleute Jürgens haben unter anderem schon für Vereine in Hannover, Lemgo und Hannover gespielt. Vera Jürgens trat jahrelang für einen Hamburger Klub in der 1. Frauen-Bundesliga an. Im Jahre 2000 zogen sie von Nienburg in ihr jetziges Haus in Syke. Das Ehepaar bestritt auch Punktspiele für den TuS Syke. „Die Sparte war aber innerhalb des Vereins eine Art fünftes Rad am Wagen“, teilt Peter Jürgens mit. Deshalb sei die Anfrage von Lilienthals Vorsitzendem Detlef Pott vor ein paar Jahren gerade recht gekommen.

Aber auch Fußball interessiert die Familie: Während Sohn Stefan ein großer Werder-Fan wurde, hängt Peter Jürgens immer noch an seiner alten Liebe Arminia Bielefeld. „Als Kind war ich häufig auf der Bielefelder Alm zu Gast“, sagt der gebürtige Bielefelder.

Im Hinblick auf seinen 1500 Euro teuren Schach-Computer ist Peter Jürgens etwas eigen. Er deckt das Brett mit den Figuren regelmäßig mit einem Tuch ab, damit keine Lichtflecken auf dem Brett entstehen. „Dies hätte schließlich eine Wertminderung zur Folge“, sagt der 55-Jährige, der den Ex-Weltmeister Anatoli Karpov bewundert. Aber Jürgens Computer sei in der Lage, auch den aktuellen Schach-Weltmeister zu besiegen.

Auch wenn die Jürgens Schwester und Schwager Jenny und Lars Hansen in deren Heimat Florida besuchen, ist Schach ein großes Thema. Dort gebe es in Parks große Freiluft-Felder, auf denen für Geld Schach gespielt werde. „Wenn ich mich da nicht als Großmeisterin zu erkennen gebe, könnte ich bestimmt den einen oder anderen Dollar einspielen“, vermutet Vera Jürgens.

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