Ein Racketlon-Selbstversuch Ein Sport für echte Schlägertypen

Syke·Delmenhorst·Huchting. Ich gebe es zu, ich bin nicht gerade ein Konditionswunder. Es ist also durchaus ein wenig gewagt, dass ich mir für unseren aktuellen Selbstversuch ausgerechnet den Rückschlagsport-Marathon namens Racketlon ausgesucht habe.
05.01.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Ein Sport für echte Schlägertypen
Von Malte Bürger

Syke·Delmenhorst·Huchting. Ich gebe es zu, ich bin nicht gerade ein Konditionswunder. Es ist also durchaus ein wenig gewagt, dass ich mir für unseren aktuellen Selbstversuch ausgerechnet den Rückschlagsport-Marathon namens Racketlon ausgesucht habe. Doch bei den dritten inoffiziellen Delmenhorster Stadtmeisterschaften bietet sich eine der ganz wenigen Gelegenheiten in der Region, sich einmal in dieser noch jungen Sportart auszuprobieren. Und genau das denken auch 23 weitere Aktive, die sich jeweils mit Tischtennis-, Badminton-, Squash- und Tennisschläger bewaffnet in den Wettkampf stürzen.

Für mich geht es blendend los - ich erwische ein Freilos für die erste Runde. Während sich mein noch zu ermittelnder Konkurrent also schon einmal verausgaben darf, kann ich entspannt dem Treiben in der Halle folgen. In allen Ecken wird geschmettert, geflucht und gejubelt. An einer Stelle ist das monotone Klacken der Tischtennis-Ballwechsel zu hören, einige Meter weiter durchschneidet das Zischen der Federbälle die Ruhe, beim Squash wackelt indes in regelmäßigen Abständen lautstark die Rückscheibe. Doch genau das macht den Charme einer solchen Veranstaltung aus, auf engstem Raum sind vier verschiedene Rückschlagsportarten zu bestaunen - sofern die Bedingungen stimmen, denn alle vier Spielflächen sollten unter einem Dach zu finden sein, damit die Aktiven zügig die Sportart wechseln können. Auch deshalb findet die Delmenhorster Meisterschaft gar nicht in Delmenhorst statt, wo ein Sportcenter dieser Art fehlt, sondern in Huchting. Ein Umstand, der auch Teilnehmer aus dem weiteren Umland anlockt.

Besuch aus der Nationalmannschaft

Auch ein wahrer Experte in Sachen Racketlon hat sich eingefunden. Veranstalter Stefan Mackowiak hat Lars Bosselmann, Mitglied der Deutschen Nationalmannschaft und aktueller Weltranglistensiebter, gewinnen können, um in einem Showmatch sein Können zu demonstrieren. So punktgenau wie in diesen Minuten sollten die meisten Bälle den restlichen Tag über nur noch selten ihr Ziel finden. Dennoch ist Mackowiak rundum zufrieden. "Wir haben erstmals 24 Teilnehmer dabei, vielleicht bekommen wir im nächsten Jahr 32 Spieler zusammen." Ursprünglich hatte er die in seinem Freundeskreis aufgekommene Idee eines Turniers im kleinen Rahmen umsetzen wollen, mittlerweile hätten sich aber immer mehr Personen gemeldet, um dabei zu sein. Auch Sponsoren hat er gewinnen können, die kleinere Sachpreise zur Verfügung stellen. "Aber in erster Linie ist und bleibt das ein Spaßturnier, auch wenn man natürlich gewinnen will."

Und dann ist es so weit, mein erstes Duell steht an. Ich habe es mit einem Verbandsliga-Handballer zu tun, der auch am Schläger ein gute Figur abgibt. Trotzdem läuft es für mich perfekt. Im Tischtennis verbuche ich einen klaren 21:9-Erfolg, im Badminton folgt ein 21:15-Sieg. Da ich mich im Squash mit 21:5 durchsetze, ist mein Vorsprung bereits vor dem abschließenden Tennissatz so groß, dass selbst eine 0:21-Niederlage nicht schmerzen würde. Wir spielen dennoch, die Partie geht ebenfalls an mich.

Mein Minimalziel habe ich also erreicht, ich wollte unbedingt ins Viertelfinale. Und trotz des klaren Sieges: Es war bereits richtig anstrengend. Hat man sich gerade auf die Technik der einen Disziplin eingeschossen, ist der Satz auch schon vorbei, und nach einer zwei-, dreiminütigen Pause geht es auf das nächste Feld. Erschöpft lasse ich mich auf einem Stuhl nieder - und merke, dass ich viel zu schnell auskühle. Also springe ich wieder auf, um mich bis zur nächsten Runde einigermaßen warm zu halten.

Dort bekomme ich nun einen deutlich größeren Brocken vorgesetzt. Carsten Glander ist für die Tennis-Asse des TC Blau-Weiß Delmenhorst im Einsatz und verfügt über reichlich Landesliga-Erfahrung. Ich habe es dagegen in meiner "Karriere" nie über die Bezirksebene hinaus geschafft. Unser Tischtennis-Duell beginnt ausgeglichen, mit reichlich Schnitt schieben wir uns bis zum 4:4 in schier endlosen Ballwechseln die Zelluloidkugel hin und her. Ich entschließe mich zu mehr Risiko, will selbst die Punkte bestimmen und wage etliche Angriffsbälle, die leider knapp ihr Ziel verfehlen. Plötzlich steht es 6:21. "Der Unterschied war keinesfalls so groß, wie es das Ergebnis ausdrückt. Du hast in einigen Situationen Pech gehabt", gibt Glander beim Abklatschen zu. "Ich habe dagegen einfach erstmal nur sicher reingespielt und wenig riskiert, da es schließlich um jeden Punkt geht." Treffer, versenkt. Schade, dass mir diese eigentlich simple taktische Marschroute während der vorherigen 27 Ballwechsel nicht selbst eingefallen ist.

Und das soll sich rächen. Im Badminton und Squash muss ich Punkte gutmachen, will ich überhaupt noch eine kleine Chance aufs Erreichen der Vorschlussrunde haben. Beide Male ergattere ich eine Führung, verpasse dann aber, sie konsequent auszubauen. So gelingen zwar 21:17- und 21:18-Siege, doch es war deutlich mehr drin. Von den 15 Punkten, die ich nach der Tischtennis-Partie im Rückstand lag, habe ich so immerhin sieben wieder aufholen können. Leider geht es nun zum Tennis, wo ich rein rechnerisch gewinnen müsste, um weiterzukommen. Ich bin Realist genug, um zu wissen, dass das nichts werden sollte.

Auf einmal lerne ich jedoch die ganze Brutalität des Racketlon kennen. Nicht nur, dass ich 2:1 nach Disziplinen führe, aber dennoch in der Punkterechnung zurückliege. Nein, ich liefere plötzlich ein gutes Tennismatch ab. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und einem 2:7 komme ich zurück und gleiche beim 10:10 erstmals aus. Bis zum Schluss halte ich mit, verliere lediglich mit 18:21. Ärgerlich nur, dass meinem Gegenüber auf Grund meiner Patzer im Tischtennis nun bereits 14 Zähler genügten, um ins Halbfinale einzuziehen.

Enttäuscht lasse ich mich auf einen Stuhl sinken, dieses Mal bleibe ich einfach sitzen - und komme kaum wieder hoch. Die Vorstellung jetzt noch ein weiteres Mal vier Sätze spielen zu müssen, erscheint mir völlig abwegig. Es hatte also doch sein Gutes, in dieser Runde ausgeschieden zu sein.

Und immerhin erreicht mein Kontrahent schließlich sogar das Finale, wo er allerdings die Segel streichen muss. Mit Debütant Felix Lingenau, einem Verbandsliga-Tischtennisspieler aus Hude, ist nach rund sieben Stunden der Turniersieger gefunden. Dieser hatte vor dem allerersten Ballwechsel des Tages übrigens noch augenzwinkernd orakelt: "Das ist eigentlich genau die richtige Sportart für mich, in spätestens drei Jahren bin ich Weltmeister."

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