Frauen-WM in Frankreich Ein Sport, zwei Welten

Es ist bekannt, dass es einen Unterschied zwischen Frauen und Männern in der Berufswelt gibt, doch im Fußball zeichne sich diese Ungleichheit extrem ab, so die Wolfsburger Torhüterin Almuth Schult.
05.06.2019, 22:09
Lesedauer: 6 Min
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Von Ronny Blaschke

Die Wolfsburger Torhüterin Almuth Schult spielt seit sieben Jahren für das deutsche Nationalteam. Ihr Kollege Manuel Neuer gehört seit 2009 zur Auswahl des DFB. Trotzdem lernten sich beide erst im vergangenen März kennen. Per Zufall in einem Hotel in Wolfsburg, im Rahmen eines Männerländerspiels. Neuer war mit den Erfolgen von Schult vertraut. „Ich hoffe, dass es noch mal einen offiziellen Anlass gibt, dass sich Spieler und Spielerinnen kennenlernen“, sagt Almuth Schult.

Almuth Schult schätzt das Umfeld des Nationalteams, die Betreuung und Reisebedingungen. Aber bei Prämien, Vermarktung und Vernetzung beobachte sie Stagnation. Schult kann es nachvollziehen, dass es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt. Aber muss der so groß ausfallen? Für den Gewinn der Weltmeisterschaft 2018 hätte jeder Nationalspieler 350 000 Euro vom DFB erhalten. Bei den Spielerinnen würden nun bei der WM in Frankreich jeweils 75 000 Euro fließen.

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Das wäre die mit Abstand bislang höchste Prämie für deutsche Fußballerinnen, aber noch immer weniger als ein Fünftel, was die Männer erhalten würden. Wird das Team von Martina Voss-Tecklenburg die am Freitag beginnende WM nutzen, um eine neue Blüte des Frauenfußballs einzuleiten?

Der deutsche Frauenfußball erreichte seinen Höhepunkt vor und während der heimischen WM 2011. Umfangreiche Werbekampagnen, beachtliche Fernsehquoten, steigende Zuschauerzahlen in der Bundesliga. Vereine wie der 1. FFC Frankfurt, Turbine Potsdam und der VfL Wolfsburg glänzten in der Champions League. Doch seit vier, fünf Jahren geht der Trend nach unten. Der Zuschauerschnitt in der Bundesliga ist auf 833 gefallen, weniger Besucher kamen zuletzt vor neun Jahren. „Das ist schon sehr traurig“, sagt Almuth Schult. „Da könnte in der Kommunikation wesentlich mehr passieren.“

Den Maßstab setzt aktuell Olympique Lyon aus dem WM-Gastgeberland Frankreich, mit sechs Champions-League-Siegen in zehn Jahren. In Deutschland dominieren der VfL Wolfsburg und der FC Bayern – mit einstelligen Millionenbudgets. Klubs wie Borussia Dortmund, Schalke 04 oder Hertha BSC halten sich aus dem professionellen Frauenfußball fern. Kritik gibt es daran kaum. Anders in den USA: Dort klagten Nationalspielerinnen gegen ihren Verband wegen „finanzieller Diskriminierung“.

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Von nichts kommt nichts

Alina Schwermer, Sportjournalistin bei der Berliner taz, sagt: „Frauenfußball ist etwas, was nicht von selber kommt, sondern wo man wahnsinnig viel reinstecken muss. Das hat man in Deutschland schleifen lassen. Und um Fans an einen Frauenverein zu binden, brauche ich eine durchgehende Erzählung.“

In Spanien wird eine solche Erzählung geschaffen. Die erste Frauenliga gewann ein Energieunternehmen als Hauptsponsor und verkaufte ihre Fernsehrechte für drei Millionen Euro pro Saison. Das Spiel zwischen Atlético Madrid und dem FC Barcelona verfolgten im Stadion 60 000 Zuschauer, vor dem Fernseher 400 000. Etliche Mädchen meldeten sich in Vereinen an. Auch in England legte der Verband einen Wachstumsplan vor, mit einem Ligasponsor und mit einer besseren Abstimmung zwischen Männern und Frauen für Trainingsbedingungen und Anstoßzeiten.

Eine Bedingung für die englischen Klubs: Auch Spielerinnen müssen von ihrem Sport leben können. Eine Seltenheit, wie FIF-Pro nahelegt. Im Jahr 2017 befragte die Profivereinigung weltweit 3 600 Spitzenspielerinnen. Ihr durchschnittliches Monatsgehalt: 540 Euro. 18 Prozent von ihnen stuften sich als professionell ein. Wie können deutsche Vereine diesem Trend entgegenwirken?

Ein Besuch in Potsdam. Der 1. FFC Turbine hat einen großen Anteil an der Etablierung des Frauenfußballs. Seit 2004 haben die Brandenburgerinnen sechsmal die deutsche Meisterschaft gewonnen, dreimal den Pokal, zweimal die Champions League. Diese Titel haben aber nicht zu einer deutlichen Entwicklung der Strukturen geführt. Turbine hat einen Jahresetat von einer Million Euro, die Geschäftsstelle drei Angestellte. Der Klub ist auf 100 kleine und mittelgroße Sponsoren angewiesen. „Im Moment jemanden zu finden, der nur aus Interesse am Frauenfußball Sponsor wird, da liegt die Chance vielleicht bei fünf oder sieben Prozent“, sagt Vereinspräsident Rolf Kutzmutz. „Unser Bestreben ist, die vorhandenen Partner zu halten.“

Seit 2013 haben Wolfsburg und der FC Bayern die Meisterschaft unter sich ausgemacht. Reine Frauenfußballklubs wie Turbine Potsdam oder der 1. FFC Frankfurt müssen ihre Nachteile mit einer geschickten Vermarktung ausgleichen. Turbine kooperiert mit zentralen Förderern der Potsdamer Stadtgesellschaft: Sparkasse, Energieerzeuger, Immobilienwirtschaft. Einige Spielerinnen absolvieren eine Ausbildung bei der Polizei oder in einer Krankenkasse.

Alle zwei Jahre kurz anhaltende Aufmerksamkeit

Doch die Konkurrenz der Sportvereine in der Region ist groß, auch am Luftschiffhafen in Potsdam, wo etliche Sportler um dieselben Trainingsplätze buhlen, neben Turbine auch das American-Football-Team der Potsdam Royals. „Es ist ein ständiger Kampf um die Trainingszeiten und um die Qualität der Plätze“, sagt Rolf Kutzmutz. „Wenn zum Beispiel am Sonntag ein Spiel der Royals ist, dann dürfen wir freitags schon nicht mehr auf die Fläche und können kein Abschlusstraining machen.“ Unvorstellbar im Männerfußball.

Alle zwei Jahre schafft es der Frauenfußball aus seiner Nische heraus, bei Europa- und Weltmeisterschaften. Oft wurden Fußballerinnen in Kampagnen als betont weiblich präsentiert. Erst in jüngerer Vergangenheit begegneten Sponsoren diesen Klischees mit Ironie, zum Beispiel in einem Spot der Commerzbank. Noch immer lässt die Wirtschaft Potenzial ungenutzt.

Laut dem Forschungsunternehmen Nielsen Sports interessieren sich in Deutschland zehn Millionen Frauen im Fernsehen für Sport. Beim Männerfußball sind fast 40 Prozent des TV-Publikums weiblich. Trotzdem gibt es wenig Werbung, die sich an Frauen richtet. Und auch Nationalspielerinnen haben selten Einzelsponsoren. Die Medienforscherin Daniela Schaaf benennt Ursachen: „In den Entscheidungspositionen der Sport- und Medienallianz sitzen fast ausschließlich Männer.“ In der gesamten Sportberichterstattung in Deutschland – TV, Print, Radio – kommen nur in 15 Prozent aller Berichte Sportlerinnen vor.

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Ohne Fernsehpräsenz sind Klubs wie Turbine Potsdam auf die regionale Wirtschaft angewiesen. Präsident Rolf Kutzmutz möchte nicht übermäßig viele Freikarten verteilen. Stattdessen setzt er mit Partnerunternehmen auf Rabatt- oder Lotterieaktionen. Kutzmutz plädiert in Marketingfragen auch für einen engeren Austausch zwischen den zwölf Bundesligavereinen. Er fände es gut, wenn alle großen Klubs in Deutschland eine Frauenabteilung fördern würden: „Das gehört zur Solidarität dazu. Ob die nun erste Bundesliga spielen: dahingestellt. Und dann sollten sie auch schauen, dass Frauen nicht immer das fünfte Rad am Wagen sind, die abgetragenen Trikots bekommen oder die aussortierten Bälle.“

Dass Spitzenfußballerinnen medial kaum präsent sind und dem Nachwuchs sichtbare Vorbilder fehlen, hat Konsequenzen: Bei den Mädchen bis 16 sind vierzig Prozent weniger Teams angemeldet als im Jahr 2010. „Der DFB könnte die Vereine stärker in die Pflicht nehmen“, sagt die Journalistin Alina Schwermer. „Das kann man über Lizenzen und strukturelle Vorschriften regeln. Indem man zum Beispiel auch bei den Frauen ein Nachwuchsleistungszentrum einfordert.“ Oder dass es im Trainingswesen eine bessere Abstimmung zwischen Frauen und Männern gibt.

Die MeToo-Bewegung hat in den vergangenen zwei Jahren in etlichen Bereichen die Benachteiligung von Frauen thematisiert, im Fußball nur in wenigen Ländern, in Australien, den Niederlanden oder Skandinavien. Im Oktober 2017 glich in Norwegen der erste Fußballverband die Zahlungen für Nationalspieler und -Spielerinnen an. „Wir haben mit den Nationalspielern gesprochen. Und sie waren sofort bereit, auf einen kleinen Teil ihrer Zahlungen zu verzichten“, berichtet der ehemalige Profi Tom Fodstad, der im norwegischen Verband für Sponsoren und Marketing zuständig ist.

Fodstad möchte die Diskussion allerdings nicht aufs Geld reduzieren: „Unser Verband hat schon vor Jahrzehnten um weibliche Mitglieder geworben. In unserem Vorstand sitzen vier Männer und vier Frauen. Auch bei unseren Jugendteams achten wir auf die gleichen Bedingungen.“ Beim DFB heißt es, eine finanzielle Umverteilung zwischen Männern und Frauen sei verbandsrechtlich kompliziert. Außerdem suchte der Verband lange vergeblich nach einem Hauptsponsor für seine Nationalspielerinnen.

Bei der WM wird die Fifa 26 Millionen Euro an Prämien ausschütten, etwa doppelt so viel wie beim vergangenen Turnier. Bei den Männern hatte 2018 allein Weltmeister Frankreich 32 Millionen Euro erhalten. Die Wolfsburger Torhüterin Almuth Schult und ihre Kolleginnen wollen sich beim DFB und in der Bundesliga weiter für eine Lohnannäherung einsetzen. Noch ist der Weg weit, wie eine internationale Erhebung zeigt. Nach dem Global Sports Salaries Survey verdienen Spielerinnen in der Bundesliga durchschnittlich 39 000 Euro pro Saison. Bei den Männern sind es rund 48 000 Euro – allerdings pro Spiel.

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