Bilanz der Sixdays in Bremen

Ein Telefonanruf und seine Folgen

Vor gar nicht so langer Zeit bekam Sixdays-Gewinner Theo Reinhardt einen Anruf - er solle bei den Sixdays starten. Das kam für ihn überraschend - der Rest ist jetzt Geschichte, und zwar eine schöne.
17.01.2018, 21:10
Lesedauer: 4 Min
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Ein Telefonanruf und seine Folgen
Von Jörg Niemeyer
Ein Telefonanruf und seine Folgen

Fuhren bei den Sixdays 2018 nicht immer, aber am Ende vornweg: Theo Reinhardt (l.) und Kenny de Ketele.

Frank Thomas Koch

Es ist irgendwann im Herbst gewesen, als Theo Reinhardt von Erik Weispfennig einen Anruf erhielt, der dem Radprofi im ersten Moment die Sprache verschlug. Der Sportliche Leiter der Bremer Sixdays wollte dem 27-Jährigen eigentlich nur mitteilen, dass er in Bremen im Januar an der Seite von Kenny De Ketele fahren sollte. Der Belgier gilt weltweit als einer der besten Bahnfahrer, bildet mit seinem Landsmann Moreno De Pauw ein ganz starkes Team, das das Sechstagerennen in Rotterdam gerade mit vier Runden Vorsprung gewonnen hatte, und ist einer der heißen Medaillenanwärter bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio.

Mit diesem Riesen des Bahnradsports, dem WM-Silber- und -Bronzemedaillengewinner der WM 2017 in Hongkong, sollte der Berliner, immerhin deutscher Meister im Zweier-Mannschaftsfahren, in der ÖVB-Arena antreten. Da kann einem schon mal für einen Moment der Atem stocken. „Es macht sehr viel Druck, mit Kenny zu fahren“, sagt Theo Reinhardt auch noch, als das Bremer Rennen zwei Stunden hinter ihnen liegt und dem Berliner zumindest auf den Sechstagerennbahnen seinen bislang größten Erfolg beschert hat. Partner eines Topstars zu sein, ist Ehre und Bürde zugleich.

GER, Sixdays Bremen 2018

Ein Team, das aufgrund der Magen-Darm-Probleme von Leif Lampater (rechts) seine Klasse erst unter Beweis stellen konnte, als es im Kampf um den Sieg zu spät war. Moreno De Pauw (links), hier von Lampater angezogen, glänzte vor allem im 500-Meter-Zeitfahren.

Foto: nordphoto / Ewert

Neun Rennen ohne Sieg

Theo Reinhardt hat dem Druck standgehalten. Sechs Tage Seite an Seite mit einem der Besten der Branche; mit einem, der ursprünglich viel lieber mit seinem Stammpartner Moreno De Pauw gefahren wäre als mit dem vergleichsweise unerfahrenen Deutschen; mit einem, der die Kommandos gibt und auch Lehrmeister und nicht nur Teamgefährte ist: Das muss man im Kopf erst mal aushalten können. „Er hat mich auf der Bahn manches Mal gerettet“, sagt Reinhardt. Mit der Routine aus 68 Sixdays und elf Siegen und mit der Gabe versehen, Rennsituationen blitzschnell erfassen und auf sie reagieren zu können, war De Ketele im Team 9 mit den schwarzen SWB-Trikots der Chef – von einem Kompagnon, der bis Dienstag auf die vergleichsweise bescheidene Erfahrung aus neun Sechstagerennen ohne Sieg verweisen konnte.

Ohne exzellenten Partner kann aber auch der beste Chef ein Sechstagerennen nicht gewinnen. Erik Weispfennig hatte Team 9 von Beginn an zu den Sieganwärtern gezählt. Und weil Theo Reinhardt im Gegensatz zum Vorjahr, als er mit Verletzungsproblemen am Gesäß schon vor dem Finalabend in Bremen vom Sattel steigen musste, diesmal von Anfang bis Ende fit war, fuhr das Duo auch die ganze Zeit um den Gesamtsieg mit. „Es war eine harte Woche“, sagt Reinhardt, dem am frühen Mittwoch, zwei Stunden nach Mitternacht, weder die Strapazen des anstrengenden letzten Abends noch die Champagnerduschen während der Siegerehrungszeremonie anzumerken sind.

GER, Sixdays Bremen 2018

Souverän auch mit der Startpistole: Frank Baumann, Werders Geschäftsführer Sport, schoss am Finalabend die Charity-Aktion „Dein Rotes Fahrrad“ des Deutschen Roten Kreuzes an.

Foto: nordphoto / Ewert

Frisch geduscht und in sich ruhend, wie ein stiller Genießer, sitzt Theo Reinhardt jetzt in der Hotellobby und möchte seinen Sieg noch ein bisschen feiern. Die großen Emotionen, sagt er, seien bei ihm wohl auch deshalb nicht zu sehen, weil er einigermaßen kaputt sei. Wen könnte es wundern nach einer Finaljagd in der ÖVB-Arena, in der De Ketele/Reinhardt erst fünf Runden vor Schluss die siegbringende Runde auf die Konkurrenz gutmachten? „Dass das dann so klappte, war natürlich super“, sagt er und strahlt.

Die 54. Bremer Sixdays endeten mit einer Großen Jagd, die das Publikum begeisterte. Fünf Mannschaften hatten sich um 22.45 Uhr noch Chancen auf den Gesamtsieg ausrechnen dürfen – sie alle befanden sich in der gleichen Runde und waren nur durch die Punkte voneinander getrennt. Der Australier Leigh Howard und der Franzose Morgan Kneisky waren am frühen Abend, nach dem Erreichen der 300er-Grenze, mit der dritten Bonusrunde noch in den erlauchten Kreis eingezogen und hatten auf einmal sogar die größten Siegchancen.

GER, Sixdays Bremen 2018

GER, Sixdays Bremen 2018

Foto: nordphoto / Ewert

Stimme heiser geschrien

Besser hätten die Vorzeichen nicht sein können für eine Finaljagd, die von ständigen Attacken und von entsprechend hohem Tempo geprägt war. Achim Burkart (Achern) und Yoeri Havik (Niederlande) sicherten sich den ersten Rundengewinn der 60-minütigen Jagd. Als nach gut 50 Minuten die Uhr abgestellt wurde und die Glocke für die noch zu fahrenden 50 Runden ertönte, hatte es sagenhafte 50 Rundengewinne gegeben. Inzwischen aber war aus dem Kandidaten-Quintett ein -Trio geworden: Howard/Kneisky und Stroetinga (Niederlande)/Ghys (Belgien) waren trotz aller Widerstände und eigener Ausreißversuche so weit zurückgefallen, dass sie für den Sieg und für die Plätze zwei und drei nicht mehr infrage kamen.

Der Showdown konnte beginnen. Burkart/Havik, nach Hälfte der Jagd vom sich vor Begeisterung heiser schreienden Bahnsprecher Edgar Mielke als „die Sensation hier schlechthin“ angepriesen, Christian Grasmann (München)/Jesper Mørkøv (Dänemark) und De Ketele/Reinhardt würden die drei Podiumsplätze unter sich ausmachen. 27 Runden vor Schluss setzte Jesper Mørkøv zur Attacke an, wurde aber vom heranfliegenden Feld mit Yoeri Havik an der Spitze gleich wieder gestellt – es sollte die Vorentscheidung sein.

GER, Sixdays Bremen 2018

GER, Sixdays Bremen 2018

Foto: nordphoto / Ewert

20 Runden vor Schluss bahnte sich dann die Entscheidung an: Kenny De Ketele hatte genau den richtigen Moment abgepasst, um aus dem Pulk herauszupreschen. Weil die Verfolger sich nicht einig waren, sprinteten De Ketele/Reinhardt dem Feld langsam aber sicher davon, um sich unter dem Jubel des Publikums fünf Runden vor Schluss und nach 166 gut gemachten Metern hinten am Feld wieder anzuschließen. Es war der Rundengewinn und damit der Sieg!

„Die letzten Runden habe ich dann nur noch genossen“, sagt Theo Reinhardt, „am Ende war es eine einzige Triumphfahrt.“ Von der hatte er seine Familie in Berlin kurz nach Mitternacht noch informiert. „Heute Abend hat die cleverste Mannschaft gewonnen“, lobte Erik Weispfennig das Siegerduo. Und irgendwie durfte sich auch der Sportliche Leiter als Gewinner fühlen: Mit seinem Anruf im Herbst hatte er die Weichen für Reinhardts ersten Sixdays-Erfolg gestellt.

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