Nach der Handball-WM

Eine Event-Halle, das wär's

Die Handball-Begeisterung während der WM war groß, auch in Bremen. Wie könnte man den Boom nutzen - und in Bremen wieder höherklassigen Männer-Handball anbieten? Mit einer attraktiven Halle, sagen viele.
28.01.2019, 19:31
Lesedauer: 3 Min
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Von Olaf Dorow und Olaf Kowalzik

Und nun? War es ein Rausch, ein sehr schöner zwar, aber eben nur ein Rausch? Einer, bei dem der Kater umgehend, und schon vor dem Ende, eingesetzt hat? Weil die deutschen Handballer bei dieser rauschhaften und begeisternden Handball-WM dann ja doch nicht ins große Finale gekommen sind und das kleine verloren haben? Wird also die Handball-Begeisterung so schnell abklingen, wie sie angeschwollen ist – und wird der Handballsport in der Hackordnung der Sportarten in Deutschland wieder zurückzurücken haben auf seinen Platz, der sich nicht sehr nahe dran befindet an jenem von König Fußball?

Kann sein. Und König Fußball will auch niemand ernsthaft vom Thron stoßen, wenn man sich zum Beispiel am Tag nach dem Finale durch die Bremer Handball-Szene telefoniert. Aber dass diese WM, in der ein immer größer werdendes Publikum eine Mannschaft voller Typen immer mehr gemocht hat, gar nix bewirkt hat, und erst recht keine Nachhaltigkeit schaffen kann, das kann man nach diesen Telefonaten auch nicht behaupten.

„Ich glaube schon, dass der Effekt diesmal etwas nachhaltiger ist“, sagt Tim Schulenberg. Er ist nicht nur Bremens Landestrainer und Trainer des Jugend-Bundesligisten HC Bremen, er ist auch im sogenannten Lehrer-Trainer-Modell an der Sportbetonten Schule an der Ronzelenstraße aktiv. An diesem Montagmorgen lag in seinem virtuellen Postfach eine Mail, die ans Präsidium des Bremer Handball-Verbandes (BHV) gesendet worden war. Schulenberg ist da auch im Verteiler. In der Mail habe ein Verein angefragt, was man denn in Sachen Handball-AGs in der Schule so machen könne.

Handball in den Schulen, in den Grundschulen – das ist so ein zentrales Thema, wenn es um die Effekte der WM-Begeisterung geht. „Ohne Jugendarbeit keine Leuchttürme“, sagt Schulenberg. Der Satz funktioniert auch, wenn man ihn umdreht. Ohne Leuchttürme keine Jugendarbeit. Der Handball braucht eine Basis, die Basis braucht Vorbilder. BHV-Präsidentin Monika Wöhler sagt: „Nachhaltigkeit erreichen wir nur, wenn wir uns im Schulsport auch positionieren können.“

Die Präsidentin weist darauf hin, dass es seit dem letzten Sommer im Vorstand des Deutschen Handball-Bundes (DHB) extra einen Posten für Mitgliedergewinnung gibt. Sie spricht von einer jüngst ausgetragenen Handball-WM in den Grundschulen. Von einem „Trikot-Tag, an dem die Handballer an einem festen Termin ihr Trikot mit in die Schule bringen und dort ihren Mitschülern präsentieren.“ Die Kinder seien bei der Grundschul-WM sehr aufgeregt und total begeistert gewesen, berichtet Torben Pilger. Der Verbandsliga-Spieler der HSG Schwanewede/Neuenkirchen ist im Hauptberuf Erzieher an der Lesumer Schule Am Mönchshof.

Wöhler legt den Finger gleichzeitig in die Wunde. Die Abschaffung der Sportlehrerausbildung an der Bremer Uni sei „ein massiver Fehler“ gewesen. Ohne kompetente Sportlehrer sei es ungleich schwerer, Kinder für Sport zu begeistern. Und haben Vereine es noch schwerer, neue Übungsleiter zu rekrutieren. Da macht auch der Handball keine Ausnahme. „Grundsätzlich sind wir in Bremen bei der Nachwuchsarbeit auf einem guten Weg, aber alle Vereine haben mit Hallenkapazitäten und Trainermangel zu kämpfen“, sagt Annika Bartels, Jugendwartin der SG Findorff.

Um den Handballsport in Bremen, wo in den 1990-er Jahren mit dem TuS Walle eines der stärksten Damen-Teams der Welt zu großen Würfen ansetzte, auf eine neue Stufe zu bekommen, sollten aber nicht nur staunende Kinder-Augen während der tollen WM in strukturellen Fortschritten münden. Sagen viele in der Szene. „Bremen täte gut daran, eine Event-Halle für 1000 bis 2000 Zuschauer für alle Sportarten, zum Beispiel in der Überseestadt, zu bauen“, sagt Matthias Ruckh, Trainer des Oberligisten ATSV Habenhausen. Eine solche Mehrzweckhalle könne sich für Doppelspieltage und ähnliche Veranstaltungen lohnen. „Das würde Event-Sponsoren eher anziehen anstelle eines Spiels in einer Schulturnhalle“, glaubt Ruckh.

Ruckh ist der Enkel des 2017 verstorbenen Detmar von Salzen, der einst den Bundes- und Zweitligisten TV Grambke gemanagt hat. „Bei Grambke haben damals 250 000 Mark, überwiegend von Privatpersonen investiert, gereicht, um hochklassig zu spielen. Heute könnte man damit in Euro nicht einmal in der dritten Liga mithalten“, sagt Ruckh. Thomas Gerster, der über die Jahre als Organisator immer wieder hochklassige Handball-Events nach Bremen geholt hat, sagt in Bezug auf die Bremer Sehnsüchte nach einem neuen TV Grambke im Männer-Handball: „Dazu bedarf es Sponsoren und einer entsprechenden Halle um die 1700 bis 2000 Zuschauer.“ Gersters verbaler Nadelstich: „Wer heute etwas in der Halle 7 ausrichten möchte, der muss bei den Hallenkosten von 15 000 Euro ja noch Geld mitbringen.“

Eine attraktive Halle, das wär's – sagt auch Tim Schulenberg. „Wenn wir so eine Plattform hätten, wäre das sehr attraktiv. Sowohl für die Vereine als auch für die Zuschauer“, sagt er. Er könne die Empfehlung, sich für solch eine Halle zu engagieren, nur unterstützen.

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