Der Bundesliga-Check: Für Guardiola wird im dritten Bayern-Jahr alles vom Verhältnis zu den Spielern abhängen Eine Frage des Vertrauens

München. Am Montag hat Pep Guardiola letztmals öffentlich üben gelassen vor dem Ligaauftakt am Freitag gegen den Hamburger SV. Da in Bayern Schulferien sind, hatten sich besonders viele junge Zuschauer eingefunden.
13.08.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Maik Rosner

Am Montag hat Pep Guardiola letztmals öffentlich üben gelassen vor dem Ligaauftakt am Freitag gegen den Hamburger SV. Da in Bayern Schulferien sind, hatten sich besonders viele junge Zuschauer eingefunden. Guardiola genießt bei ihnen, bei allem Respekt vor einer Autoritätsperson, kein ganz so hohes Ansehen wie beispielsweise Thomas Müller oder Mario Götze. Man darf wohl annehmen, dass der Fußballlehrer für die Kinder in erster Linie ein Mann mit Glatze und grau meliertem Bart ist. Und beobachten konnten sie nun, dass die Hände um diesen Bart außergewöhnlich schnell wirbeln können. So etwas haben die Schüler bisher wohl bei keinem Lehrer gesehen. Außer vielleicht, sie haben Franck Ribérys Streiche in der Schule ausprobiert.

Welche Scherze der Filou schon mit Guardiola getrieben hat, ist im Detail nicht bekannt. Aber auch das darf man wohl annehmen: Der Franzose hätte die Kinder auf seiner Seite. Ribéry finden sie lustig. Guardiola dagegen vielleicht manchmal eher komisch. Ein Frechdachs gewinnt gegen eine Autorität bei Kindern immer – und meistens ebenso bei den Erwachsenen. Das weiß auch der dreifache Vater Guardiola. Vielleicht ist das in seiner dritten und womöglich letzten Saison beim FC Bayern seine größte Sorge. Als er zuletzt auf seinen Vertrag bis Saisonende und eine Verlängerung angesprochen wurde, äußerte Guardiola ja einen wichtigen Satz, der zwischen all den anderen Sätzen voller Zweifel etwas unterging. Er sagte: „Es hängt von meinen Spielern ab, ob wir alle zufrieden sind.“

Guardiola hat sich immer als Trainer verstanden, der Verantwortung für seine Spieler trägt. Er unterließ es schon beim FC Barcelona, seine Profis öffentlich zu kritisieren. Auch beim FC Bayern ist das so, von dezenten Ausnahmen abgesehen. Lieber lobt der Katalane seine Kicker, egal, was er wirklich denkt. Für Guardiola ist nicht das Vertrauen der Klubführung, der Zuschauer oder der Medien die unabdingbare Basis, sondern das Vertrauen seiner Spieler. Erst wenn dieses schwindet, hat er keine Chance mehr, das weiß der 44-Jährige.

Vielleicht erklärt das nicht nur sein Zögern in der Vertragsfrage. Sondern auch, warum er seiner Belegschaft nun noch mehr schmeichelt. „Die Spieler waren Wahnsinn, sie wollen immer, auch bei 36 Grad“, sagte er nach dem kargen 3:1-Pokalsieg beim Fünftligisten FC Nöttingen, „es ist egal, dass sie manchmal gut spielen und manchmal nicht so gut. Sie spielen mit Charakter, Enthusiasmus und Seriosität.“ Guardiola sprach auffallend konzentriert, die Hände ruhten.

Zuletzt hatte Guardiola sehr gereizt gewirkt und fast schon überdreht. Er spürt den besonderen Druck in dieser Saison, in der er neben dem vierten Meistertitel des Vereins in Folge möglichst auch den Pokal gewinnen und erstmals mit den Münchnern über das Halbfinale in der Champions League hinauskommen soll. Und er ahnt wohl, dass es weniger von ihm abhängt, ob diese hohen Erwartungen erfüllt werden. Jetzt tragen vor allem die Profis Verantwortung für Guardiola.

Es ist das Jahr der Spieler, und ob die gesamte Mannschaft hinter ihm steht, ist eine der Fragen, die den Trainer beschäftigen. Mit Müller gab es Reibereien, auch Götze hat seine Unzufriedenheit erkennen lassen, als er sagte, man werde sehen, ob „er“, der Trainer, künftig „öfter mit mir spricht“.

Auch über diese Beispiele hinaus sind dem Vernehmen nach Zweifel angebracht, wie intakt das Binnenklima ist. Zumal Guardiola, wie Jérôme Boateng berichtet, die Spieler schon mehrfach ermahnt habe: „Wenn einer die Situation nicht akzeptiert, ist er falsch hier und kann gehen.“ Richtig sei die intern schärfere Wortwahl, findet Boateng, „wir müssen alle an einem Strang ziehen, sonst geht es nicht.“ Das dürfte entscheidend sein in dieser Saison, in die die Bayern noch einmal verstärkt ziehen, mit Arturo Vidal, Douglas Costa und Joshua Kimmich. Weshalb Guardiola aber noch mehr Härtefälle moderieren muss.

Wie das gelingt, dürfte großen Einfluss haben, glaubt Oliver Kahn, der Druck-Experte. „Bei Guardiola wird immer sehr viel über Taktik und Spielphilosophie geredet, dabei geht es beim FC Bayern vor allem um Atmosphäre“, sagte der ehemalige Torwart dem „kicker“. Guardiola sehe derzeit „sehr stressbelastet“ aus und wirke „unausgeglichen“. Kahns Folgerung: „Wenn er diesen Schritt zu mehr Gelassenheit nicht schafft, wird er der Dauerbelastung irgendwann nicht mehr standhalten. Man kann nicht jeden Tag mit höchster Drehzahl fahren. Ich selbst habe erlebt, wohin das führt, gerade bei Bayern.“

Ein großer Vorsprung in der Liga sei erneut möglich, befand Kahn weiter, „außer die Mannschaft reibt sich in der Zusammenarbeit mit Guardiola auf und findet nicht zusammen“. Dass diese Gefahr besteht, weiß der Trainer aus Barcelona. Er spürt, dass seine Spieler ihn vielleicht weniger brauchen als er sie. Die latente Ohnmacht, sie treibt ihn gerade besonders um, bei diesem Druck.

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