Das kontroverse Thema "Backe" Eine klebrige Angelegenheit

Delmenhorst·Landkreis Oldenburg. Handballer nennen es "Backe", "Patte" oder "Klebe" - das Harz, das den Ball griffiger macht. Für die meisten Sportler ist es unverzichtbar, in vielen Hallen herrscht jedoch ein Haftmittelverbot.
17.09.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Gunnar Schäfer

Delmenhorst·Landkreis Oldenburg. Handballer nennen es "Backe", "Patte" oder "Klebe" - das Harz, das den Ball griffiger macht. Für die meisten Sportler ist es unverzichtbar, in vielen Hallen herrscht jedoch ein Haftmittelverbot. Aktuell wird das Thema "Backe" in der Handballszene wieder kontrovers diskutiert. Auslöser war der Rückzug des TV Schiffdorf aus der Verbandsliga, nachdem ihm die Reinigung der durch Haftmittel verschmutzten Halle mit rund 1700 Euro in Rechnung gestellt worden war.

Als der Hallenhandball in den 50er- und 60er-Jahren populär wurde, kauften die Sportler sich Baumharz in Gärtnereien. "Wir haben damals aber wenig Harz genommen, denn bei den richtigen Lederbällen brauchte man nicht viel ,Backe'", erinnert sich Werner Rohlfs, Trainer der Drittliga-Handballerinnen der HSG Hude/Falkenburg. Das Baumharz war bis in die 90er-Jahre die einzige Substanz, die Trickwürfe, Dreher oder Unterhandwürfe überhaupt möglich machte.

Allerdings traten unschöne Nebeneffekte auf: Das Harz ließ sich kaum aus den Trikots waschen, der Hallenboden war übersät von dicken Flecken, und auch Türklinken sowie Turnbänke blieben nicht davon verschont. Diese Verunreinigung der Hallen war den chronisch klammen Kommunen zunehmend ein Dorn im Auge. Einige Gemeinden sprachen deshalb ein generelles "Backe-Verbot" aus und wiesen ihre Hausmeister an, dieses durchzusetzen. Mancherorts endeten Spiele daraufhin sogar vorzeitig, weil die Hausmeister das Licht einfach ausschalteten. Einige Mannschaften wurden zudem mit einem Trainingsverbot belegt.

Einfallsreiche Spieler

Jedoch ließen sich auch die Spieler immer mehr einfallen, denn sie wollten nicht auf die "Backe" verzichten. Es wurden Taschen an die Bank gestellt, in denen sich der Topf mit dem Haftmittel befand. Einige schmierten die "Backe" an Flaschenhälse, sodass sie während der Trinkpause auch die Hände einreiben konnten. Ebendiese schwitzigen Hände sind nämlich das Grundproblem der Handballer. In den oft stickigen Hallen werden die Hände feucht und die Bälle somit rutschig. "Die Zuschauer wundern sich immer wieder über Ballverluste. Das liegt aber auch an den rutschigen Bällen. Die Industrie hat noch keinen Ball erfunden, mit dem man auf Dauer ohne ,Backe' spielen kann", meint Thorsten Stürenburg, Trainer des Verbandsligisten TS Hoykenkamp.

Immerhin werden inzwischen wasserlösliche Harze angeboten, zu denen die entsprechenden Reinigungsmittel gleich mitverkauft werden. Befürworter der Haftmittel sagen, dass der Handball ohne "Backe" langsamer und für die Zuschauer unattraktiver wäre, weil die Bälle öfter aufgetippt und viele Würfe ihr Ziel verfehlen würden. Daher steht in Skandinavien die "Backe" beispielsweise überhaupt nicht zur Diskussion: Bereits ab der E-Jugend werden die dort als Harpiks bekannten Mittel verwendet. Dabei stehen neben den Auswechselbänken zwei Metalltonnen, in denen sich der Klebstoff für die Hände befindet. Jeder Ball wird damit regelrecht eingekleistert. Ein Grund dafür, dass die skandinavischen Jugendspieler für ihren technisch anspruchsvollen Handball bekannt sind.

In den Gemeinden rund um Delmenhorst wird mit den Haftmitteln dagegen sehr unterschiedlich umgegangen. In Neerstedt darf nur die erste Mannschaft aus der Oberliga mit "Backe" spielen. Hinterher müssen dann die Spieler zusammen mit einer Reinigungskraft die Halle sauber machen. "Im Training benutzen wir keine ,Backe'. Es ist ja noch genügend am Ball", erzählt TVN-Trainer Dag Rieken. Bei den Frauen der HSG Hude/Falkenburg läuft es ähnlich. Sie müssen als Drittligist laut Vorgaben des Deutschen Handball-Bundes (DHB) eine Halle zur Verfügung stellen, in der "Backe" verwendet werden darf. Also müssen die HSG-Spielerinnen nach jedem Heimspiel zum Reinigen ausrücken - ganz gleich, ob sie in der Halle am Huder Bach oder in der Halle Am Steinacker in Ganderkesee gespielt haben. In der Gemeinde Ganderkesee gilt ansonsten ein striktes Haftmittelverbot, sodass in den Hallen am Ammerweg und in Heide kein Harz erlaubt ist.

Thema in Vertragsverhandlungen

Für viele Handballer ist ein Verzicht jedoch undenkbar: "Ohne Backe würde ich nicht spielen", sagt der neue Trainer des Verbandsligisten HSG Grüppenbühren/Bookholzberg, Majk Skoric. Für seine Spieler ist das Harz in der Halle am Ammerweg jedoch verboten. "Das macht es uns schwerer, neue Akteure zu verpflichten. Das Thema ,Backe' wird oft in Vertragsverhandlungen besprochen. Ich kenne viele Spieler, die nur dort spielen, wo sie erlaubt ist", berichtet Skoric.

In das gleiche Horn bläst Andre Haake, der Spielertrainer des Landesligisten HSG Delmenhorst. "Für mich war vor dem Wechsel nach Delmenhorst wichtig, dass ich zumindest ab und zu weiter mit Harz spielen darf", betont er. Allerdings hat das Delmenhorster Schul- und Sportamt die Nutzung von Haftmitteln mit einem Schreiben vom 7. Oktober 2003 in seinen Hallen untersagt. Ausnahmen bleiben jedoch möglich. "Seit dem Schreiben haben wir von unseren Hausmeistern zu diesem Thema nichts mehr gehört. Was diese mit den Vereinen vereinbaren, ist ihre Sache", erklärt ein Mitarbeiter des Schul- und Sportamtes.

Somit bleibt die "Backe" wohl auch weiterhin ein kontroverses Thema unter Handballern. Der Hoykenkamper Trainer Stürenburg macht etwa einen radikalen Vorschlag, um gleiche Voraussetzungen zu schaffen: "Man sollte ein generelles Haftmittelverbot in allen Klassen ab der Bundesliga aussprechen, dafür aber den Ballumfang verkleinern." Aufgrund internationaler Verflechtungen dürfte diese Idee allerdings kaum umzusetzen sein. Die Unterschiede im Umgang mit der "Backe" zwischen einzelnen Spielklassen und Gemeinden bleiben also vorerst bestehen. Es sei denn, die Nutzung von wasserlöslichen Harzen wird irgendwann vom DHB für alle Klassen vorgeschrieben.

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