Eiserne Frau

Kurz vor dem Ziel begann Lena Ischebeck zu weinen. Die Bremer Triathletin hat am Iron Man auf Hawaii teilgenommen - und durchgehalten.
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Eiserne Frau
Von Alice Echtermann

Kurz vor dem Ziel begann Lena Ischebeck zu weinen. Die Bremer Triathletin hat am Iron Man auf Hawaii teilgenommen - und durchgehalten.

Kurz vor dem Ziel begann Lena Ischebeck zu weinen. Stundenlang hatte sie durchgehalten, hatte sich durch Wasser und über Asphalt unter der heißen Sonne gequält – und jetzt endlich war es geschafft. Die Bremer Triathletin belegte bei ihrem ersten Ironman in Kopenhagen prompt den zweiten Platz in ihrer Altersklasse. Beim Zieleinlauf realisierte sie ihren Erfolg zuerst gar nicht. „Beim Laufen ist einem irgendwann alles egal, da denkt man nicht mehr daran: Welche Platzierung habe ich jetzt? Sondern man will einfach, dass es aufhört“, sagt die 24-Jährige. Dann habe ihre Mutter ihr zugerufen, dass sie auf dem zweiten Platz lag. „Da kam ein unbeschreibliches Gefühl hoch, das war Nervenkitzel pur.“

Doch es sollte noch besser werden. Der Ironman in Kopenhagen ist Teil einer weltweiten Wettkampfserie. Auch in Deutschland, in Frankfurt, fand in diesem Jahr wieder einer der berühmten Langdistanz-Triathlons statt, mit 3,86 Kilometern Schwimmen, 180,2 Kilometern Radfahren und 42,195 Kilometern Laufen. Nur die besten Athleten aus aller Welt qualifizieren sich bei diesen Wettkämpfen für die berühmte Ironman-Weltmeisterschaft am 10. Oktober in Kailua Kona auf Hawaii.

Und Lena Ischebeck ist dabei. In ihrer Altersklasse der 18- bis 24-Jährigen gibt es nur wenige Teilnehmerinnen, daher bekommt bei jedem Ironman nur die Beste den Starterplatz für Hawaii. Ischebeck hatte ganz einfach Glück: Die Erstplatzierte von Kopenhagen verzichtete. Als die Bremerin bei der Siegerehrung am Tag nach dem Wettkampf davon erfuhr, flossen erneut Freudentränen. „Wenn man mit dem Triathlon anfängt, kennt man den Ironman Hawaii. Das ist natürlich wie ein Ritterschlag, wenn man da mitmachen darf“, sagt sie und strahlt über das ganze Gesicht.

Für Lena Ischebeck war klar, dass sie diese Chance jetzt nutzen muss: Im nächsten Jahr kommt sie in eine höhere Altersklasse – und dort hätte ihre Zeit von zehn Stunden und 48 Minuten bei Weitem nicht für die Qualifikation zur WM gereicht.

Lena Ischebeck hat im Triathlon eine steile Karriere hingelegt. Vor drei Jahren meldete sie sich zum ersten Mal gemeinsam mit ihrem Vater Hannes Ischebeck für einen Volkstriathlon an – spontan, ohne besonderen Grund und vor allem völlig untrainiert. Sie beherrschte damals nicht einmal richtig den Kraulstil beim Schwimmen, erzählt sie, trotzdem kam sie gut durch. Von da an wollte sie nicht mehr aufhören. Heute trainiert sie gemeinsam mit ihrem Vater und ihrem Freund Alexander Stange bei den Uni Triathlöwen Bremen. „Deshalb ist Triathlon für mich auch kein Einzelsport, sondern wir machen das immer alles zusammen“, sagt Ischebeck. In diesem Jahr wurde sie bereits Bremer Landesmeisterin. Dann kam im August der zweite Platz in Kopenhagen – der bislang größte Erfolg der Studentin, für den sie hart trainiert hat.

Für Hawaii muss sie dieses Trainingspensum nun weiter aufrechterhalten. Jeden Tag steigt Lena Ischebeck entweder aufs Rad, geht laufen oder zieht ihre Bahnen im Unibad und seit dessen Schließung im Achterdieksee. Bei einem solchen Pensum sind freie Wochenenden eine Illusion. Ein Glück, wenn Partner und Familie dasselbe Hobby haben. „Wenn mein Freund nicht auch Triathlon machen würde, wäre es gar nicht möglich, eine Beziehung zu führen“, erklärt Ischebeck. Ausgehen mit Freunden fällt auch meistens weg: „Du kannst halt nicht mehr Party machen, weil du weißt, dass du am Samstag früh raus und aufs Rennrad musst.“

Der Ironman fordert seinen Tribut. Ein Leben wie ihre Mitstudenten an der Universität kann Lena Ischebeck nicht führen. Sie studiert Deutsch, Sachkunde und Mathematik auf Grundschullehramt, nebenher gibt sie Unterricht an einer Grundschule und Kurse im Kinderturnen beim TV Eiche Horn. Dazwischen muss sie trainieren. Es hat einen Grund, weshalb in ihrer Altersklasse so wenige Sportlerinnen dieses Leben wählen: „Es ist eine enorme Belastung für den Körper. Sich so auf Ausdauer zu drillen, das wollen nicht viele machen.“

Warum tut sie sich das an? Diese Frage stellt sich die junge Frau auch selbst jedes Mal nach einem Wettkampf, wenn jede Faser in ihrem Körper schmerzt. Nach dem Ironman in Kopenhagen hatte sie den Muskelkater ihres Lebens. „Ich konnte mir an die Wange fassen, und es tat weh“, erzählt sie und klingt dabei vor allem: stolz. Dass sie es geschafft hat, dass ihr Wille noch stärker war als ihr Körper.

Denn im Grunde sei sie schon nach dem zweiten Teil des Ironman, den 180 Kilometern auf dem Rad, körperlich am Ende gewesen, erzählt sie. Danach habe sie nur noch der Wille vorangebracht. Der Marathon ist für Lena Ischebeck daher die härteste Etappe. „Du redest dir ein: Komm Lena, nur noch 20 Kilometer! Der Körper kann nicht mehr, aber mental bist du so fit und so hart, dass du dir denkst: Ich schaff’ das jetzt!“ Unterwegs trinkt sie Zuckerwasser, isst Obst und hat für den Notfall immer ein Brötchen dabei – denn Hunger bedeutet beim Triathlon das Aus. Und dann kommt der Moment, in dem sie durchs Ziel läuft und alle Schmerzen vergessen sind: „Es fühlt sich an, als würde man schweben“, sagt sie. „Und auf diesen Moment freu’ ich mich ganz doll wieder. Dieser Moment führt dazu, dass man sich immer wieder zum Triathlon anmeldet.“

Nun also Hawaii. 30 Grad im Schatten, 90 Prozent Luftfeuchtigkeit und 27 Grad Wassertemperatur: Das ist eine andere Sache, als im eisigen Achterdieksee zu schwimmen oder bei Bremer Schietwetter zu joggen. Die Ironman-Weltmeisterschaft wird für Lena Ischebeck ein Abenteuer mit vielen Ungewissheiten. Daher reist sie gemeinsam mit ihrem Freund schon vor dem Wettkampf auf die Insel, um in dem tropischen Klima zu trainieren.

Den größten Respekt hat sie vor dem Schwimmen im offenen Meer, denn das hat sie noch nie getan. „Wenn ich im See schwimme, sind da Fische oder Aale, allerhöchstens. Wenn ich im offenen Meer schwimme, weiß ich ja nicht, ob unter mir irgendwelche gefährlichen Tiere sind. Dann die Strömung und der Wellengang – das kann ich gar nicht einschätzen.“ Und dann erzählt sie noch, dass im vergangenen Jahr einige Schwimmer beim Ironman von einer Robbe gebissen wurden, die ihr Revier verteidigen wollte. Immerhin war es kein Hai – trotzdem: Den Pazifik wird Lena Ischebeck auf keinen Fall unterschätzen. Genauso wenig wie die anderen Dinge, auf die sie sich in Bremen nicht vorbereiten kann: die Berge und Lavafelder, durch die die Rad- und Laufstrecken in Kailua Kona führen.

Insgesamt muss Lena Ischebeck am Renntag 226 Kilometer in maximal 16 Stunden zurücklegen. In Kopenhagen schaffte sie das in zehn Stunden und 48 Minuten – aber Kopenhagen ist nicht Hawaii. Deshalb hat sich die Bremerin diesmal auch kein bestimmtes Ziel gesetzt: „Ich freue mich einfach nur auf das Rennen und genieße, dass ich dabei sein darf.“

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