Forscher untersuchen Atemluft in der Eishalle

Drei Puppen könnten Tausende Fans glücklich machen

Damit endlich wieder Zuschauer in die Eisarena dürfen, messen jetzt Wissenschaftler die Bewegung der Atemluft auf der Tribüne. Am Montag begannen die Untersuchungen. Es folgt noch ein zweiter Schritt...
21.06.2021, 20:11
Lesedauer: 4 Min
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Drei Puppen könnten Tausende Fans glücklich machen
Von Jean-Julien Beer
Drei Puppen könnten Tausende Fans glücklich machen

Die Atemluft im blauen Licht: So sah der wissenschaftliche Versuch am Montag in Bremerhaven aus.

Jasmin Wagner

Auf den ersten Blick wirkte es so, als säßen wieder Zuschauer in der Eisarena in Bremerhaven: mit Trikot der Fischtown Pinguins, mit Fanschals und Mützen. Doch diese „Fans“ waren drei Schaufensterpuppen, die von Wissenschaftlern des Fraunhofer Heinrich-Hertz-Instituts am Montag auf der Tribüne platziert worden waren. Das Team um Professor Wolfgang Schade will durch verschiedene Versuche und Messungen herausfinden, wie sich die Atemluft in der Eisarena ausbreitet. Die Untersuchungen sollen dazu beitragen, dass bald wieder Zuschauer beim Eishockey dabei sein können, erklärt Othmar Gimpel, Geschäftsführer der Stadthalle Bremerhaven, die auch die benachbarte Eisarena betreibt: „Wir wollen ausloten, wie eine Rückkehr der Fans trotz Pandemie möglich werden kann.“

Dazu wurde ein zweistufiger Plan entwickelt. Erst die Messungen des Fraunhofer-Instituts – und später soll als zweiter Schritt bei einem öffentlichen Training der Pinguins ein neues Konzept zur Nachverfolgung ausprobiert werden (siehe Randtext).

Bei der wissenschaftlichen Untersuchung am Montag stieß eine Puppe Aerosole aus und simulierte dabei eine normale menschliche Atmung. Zwei weitere Puppen atmeten Luft ein: eine auf dem Sitz gleich nebenan, die andere in der Reihe davor. Die Messungen wurden über mehrere Stunden in verschiedenen Varianten durchgeführt: mit Schutzmaske und ohne, mit und ohne Schirmmütze sowie bei unterschiedlichen Einstellungen der Belüftungsanlage. Die Ergebnisse sollen bis Ende der Woche vorliegen, sagt Professor Schade, der vergleichbare Studien bereits in anderen Stadien, Konzerthallen und Sportarenen in Deutschland durchgeführt hat.

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Drei Puppen auf der Tribüne: der Versuchsaufbau in der Eisarena.

Foto: Jean-Julien Beer

Eigentlich forscht Schade im Bereich der Elektromobilität. Doch die Pandemie trieb ihn an, sein wissenschaftliches Können einzubringen und zu Lösungen beizutragen. „Es ist wichtig, der Bevölkerung zu erklären, was beim Ein- oder Ausatmen in einer Halle passiert“, sagt Schade, denn: „Wenn unsere Gesellschaft nicht auf Dauer in einer Pandemie leben möchte, muss man den Problemen mit intelligenten Maßnahmen begegnen. Das ist unsere Motivation: Ich hoffe, dass unsere wissenschaftliche Arbeit dazu beiträgt, dass Menschen wieder in die Fußballstadien, Konzerthallen oder Eisarenen gehen können.“

Bei seinen bisherigen Forschungen stieß Schade mit seinem Team auf vergleichbare Erkenntnisse. Zum Beispiel, dass viele Zuschauer in einer Arena nicht automatisch schlecht sind. „Viele Menschen auf engerem Raum erzeugen Wärme, und die führt dazu, dass die Luft schneller nach oben steigt, auch die Atemluft“, erklärt Schade. Unter der Hallendecke wird sie von der Belüftungsanlage abgesaugt. Schade: „Viele Personen in einer Halle sind also nicht schlecht, wenn man es so betrachtet. Gleichzeitig erhöht sich mit der Anzahl der Personen natürlich aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein Infizierter dabei ist.“

Bei den Messungen in Bremerhaven geht es darum, wie viel Prozent der Aerosole aus der Atemluft von einer benachbarten Person eingeatmet werden. „Da ist es ein erheblicher Unterschied, ob es zehn Prozent sind oder nur ein Prozent“, erklärt der Professor und rechnet vor:  „Um sich zu infizieren, muss man eine gewisse Menge an Viren einatmen. Wenn ein Mensch 3000 Aerosole pro Minute ausatmet und davon nur ein Prozent beim Nebenmann ankäme, wären das nur 30 Aerosole. Man geht davon aus, dass jedes zehnte Aerosol mit einem Virus behaftet sein kann. Das wären hier also zum Beispiel drei Viren pro Minute und damit etwa 180 Viren pro Stunde.“ Doch wie viele Viren muss man einatmen, um zu erkranken? „Darüber gehen die Meinungen weit auseinander“, weiß Schade aus Diskussionen mit anderen Forschern, „manche Wissenschaftler gehen von 300 aus, andere von 30.000.“

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Angesehener Experte: Professor Wolfgang Schade vom Fraunhofer Institut.

Foto: Jasmin Wagner

Selbst bei der Delta-Variante des Coronavirus mit einer 50 Prozent höheren Ansteckungswahrscheinlichkeit, die er in seine Berechnungen einfließen lässt, kam Schade mit seinem Forscherteam zuletzt in vergleichbaren Hallen auf einen Wert von immer noch unter 300 belasteten Aerosolen, die ein Besucher im schlimmsten Fall einatmen könnte. „Ein Restrisiko gibt es natürlich immer“, sagt er, „das haben Sie aber überall im Leben, sogar wenn Sie bei Grün über eine Ampel gehen.“ Schade betont: „Ich bin kein Virologe, sondern Physiker. Wir erarbeiten experimentelle Werte, die nicht auf Simulationen beruhen, sondern vor Ort gemessen werden.“ Und die damit sehr nah an der Realität sind.

Bei ausverkauftem Haus kommen 4600 Zuschauer in die Bremerhavener Eisarena. Geschäftsführer Gimpel hofft, dies bald wieder erleben zu können: „Wenn beide Tests erfolgreich verlaufen, wäre das eine Grundlage, um in Abstimmung mit den Behörden perspektivisch auch bei neuen Infektionswellen oder auch bei anderen Pandemien eine Schließung der Arena für Zuschauer zu vermeiden.“ Rund 2500 Euro kosten die Untersuchungen des Fraunhofer-Instituts für die Eisarena in Bremerhaven, die Stadthallen GmbH als Betreiber übernimmt diesen Betrag. Gimpel hebt hervor: „Wir möchten allen Fans so bald wie möglich einen sicheren Besuch in der Eisarena ermöglichen.“

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Öffentliches Training mit Nachverfolgung

Am 9. August gibt es in Bremerhaven das zweite Experiment, das dabei helfen soll, die Eisarena wieder fürs Eishockey-Publikum öffnen zu können. Dann wird es ein öffentliches Training der Fischtown Pinguins mit mindestens 500 Fans geben. Das Besondere dabei: Alle Zuschauer bekommen einen kleinen "Tracker", der genau aufzeichnet, mit welchem anderen "Tracker" sie längeren Kontakt hatten. Sollte ein Zuschauer im Ernstfall infiziert sein, ließen sich auf diese Weise sehr schnell die relevanten Kontaktpersonen in der Eishalle herausfiltern. Das örtliche Gesundheitsamt würde dadurch nicht stärker belastet, auch nicht bei einer ausverkauften Eisarena. Stehen genügend Geräte zur Verfügung, können auch mehr Fans zum öffentlichen Training kommen.

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