Unglaubliche Debütsaison

Das Jahr der Pinguins

Das Wort, das die Verantwortlichen der Fischtown Pinguins in diesen Tagen am häufigsten bemühen, ist schnell gefunden. Es lautet: „unglaublich“.
17.03.2017, 00:00
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Von Helge Hommers
Das Jahr der Pinguins

Applaus, Applaus: Pinguins-Torhüter Gerald Kuhn bedankt sich am Ende einer sensationellen Premierensaison in der DEL bei den treuen Fans in der Eisarena.

Frisch, CF Photo Art

Das Wort, das die Verantwortlichen der Fischtown Pinguins in diesen Tagen am häufigsten bemühen, ist schnell gefunden. Es lautet: „unglaublich“.

Nach Ansicht von Trainer Thomas Popiesch habe der Verein „einen unglaublichen Job“ geleistet; auch die Stimmung in der Bremerhavener Eisarena sei „unglaublich“ gewesen. Laut Geschäftsführer Hauke Hasselbring habe man bei der Kaderzusammenstellung ein „unglaublich gutes Bauchgefühl“ bewiesen. Und für Teammanager Alfred Prey endete am Mittwochabend eine „unglaubliche Spielzeit“.

Vor allem aber war es für die Pinguins eine historische DEL-Saison. Historisch, weil es die erste ihrer Vereinsgeschichte war und sie als erster Aufsteiger der DEL-Geschichte gleich mal ins Playoff-Viertelfinale einzogen. Dass sie die Saison am Mittwoch mit 0:4-Siegen und einer 2:8-Klatsche gegen den EHC Red Bull München abschlossen – es war ein Schönheitsfehler. Mehr aber auch nicht, wie Prey sagt: „Dieses eine Spiel wird nicht so sehr in Erinnerung bleiben wie das ganze Jahr – denn das war das Jahr der Pinguins.“

Großer Anteil der Fans

Die Fans in Bremerhaven haben ihren Teil dazu beigetragen. Weil sie ihr Team selbst bei Niederlagen gefeiert haben. „Ohne die Unterstützung der Zuschauer wäre diese Leistung nicht möglich gewesen“, sagt Trainer Popiesch. Für die Pinguins-Anhänger war die Saison „wie eine einzige lange Party“, sagt der Fanbeauftragte Sebastian Gloddek. Und ergänzt: „Ein großer Traum ist in Erfüllung gegangen.“

Vor dem ersten Spieltag waren die Bremerhavener als Verein mit Mini-Etat, der aus der „Eishockey-Diaspora“ (Teammanager Prey) irgendwo aus dem hohen Norden kommt, belächelt worden. Hasselbring und Prey verpflichteten 17 neue, mehr oder wenige bekannte Spieler, aus denen Popiesch ein Team zusammenstellte. Zu Diskussionen war es dabei nur selten gekommen, wie Geschäftsführer Hasselbring sagt: „Es ist schon beängstigend, wie oft wir einer Meinung sind“. Und auch der Großteil der Experten bewies Einigkeit: In der Überzeugung, dass mehr als der letzte Tabellenplatz für die Bremerhavener nicht drin sein würde.

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52 Hauptrundenspiele und sechs Playoff-Partien später sind nun der Sensations-Aufsteiger. Die drei Hauptverantwortlichen des Erfolgs erlebten es vor allem bei der diesjährigen DEL-Gala vor zwei Wochen in Köln. „Nahezu jeder hat Lobeshymnen auf Bremerhaven gesungen. Das war für uns ein Riesenmoment“, erzählt Prey. Dass die Stimmung aber ebenso schnell wieder kippen kann, ist ihm bewusst. „Heute kannst du König und morgen Bettler sein“, sagt er.

Um das zu verhindern, tüfteln die Pinguins-Verantwortlichen bereits am Kader für die nächste Saison – obwohl ein Urlaub „durchaus angebracht wäre“ (Popiesch). Viele Spieler waren im vergangenen Sommer nach Bremerhaven gewechselt, um sich, wie Prey sagt, „für ein Jahr ins Schaufenster einer Topliga zu stellen“. Und die meisten Spieler nutzten ihre Chance. Doch Erfolge wecken zugleich Begehrlichkeiten: Torjäger Jack Combs beispielsweise steht Gerüchten zufolge bei so ziemlich allen DEL-Topteams auf dem Zettel, während den Grizzlys Wolfsburg ein Interesse an Torhüter Gerald Kuhn nachgesagt wird.

Finanzielle Sprünge sind nicht drin

Umso wichtiger sind daher Spieler, die ein Zeichen setzen – so wie Kapitän Mike Moore. Der NHL-erfahrene Verteidiger hatte angeblich mehrere hoch dotierte Angebote aus der DEL vorliegen; er entschied sich jedoch für die Pinguins und verlängerte Ende Februar seinen Vertrag bis 2019. Der 32-Jährige hatte seinen Schritt damit begründet, dass Bremerhaven genau der Ort sei, den er und seine Frau seit Langem gesucht hätten. Schließlich seien sie dort „unglaublich gut“ – da war wieder dieses Lieblingswort – aufgenommen worden. Für Prey ist Moore einer der Profis, die nicht nur spielerisch eine hohe Bedeutung haben. „Mike hat Herz und Charakter. Und für unsere Art von Eishockey brauchen wir solche Typen“, sagt er. Finanzielle Sprünge sind jedenfalls keine drin; der Etat von 3,5 Millionen Euro wird sich nicht groß verändern.

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Damit sind die Pinguins weiterhin DEL-Schlusslicht – Vereine wie München, Köln und Mannheim haben in etwa das Dreifache zur Verfügung. Im Fanlager ist man aber überzeugt, dass Hasselbring und Prey erneut eine schlagkräftige Truppe zusammenstellen werden. „Ich weiß nicht, wie sie es machen – aber ich bin froh, dass sie es ­machen“, sagt der Fanbeauftragte Gloddek. Mit dem Schicksal, dass ihr Verein Spieler, die anderswo übersehen wurden, weiter­entwickelt und schließlich ziehen lassen muss, haben sich die Pinguins-Anhänger ­abgefunden. Prey gibt aber zumindest für die kommende Saison Entwarnung: „Den Großteil des Kaders werden wir behalten“, sagt er.

Das Erreichte in der nächsten Saison zu wiederholen, ist ihm zufolge jedoch „unmöglich“. Abstiegssorgen werden die Pinguins aber nicht haben – die DEL-Statuten sehen weder Abstieg noch Aufstieg vor. Die Fans ordnen ihre Erwartungshaltung den finanziellen Möglichkeiten entsprechend ein, wie Gloddek sagt: „Wir müssen uns nicht jedes Jahr für die Playoffs qualifizieren – die Großen zu ärgern reicht uns schon.“ So wie in diesem unglaublichen Jahr eben.

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