Eishockey

„Spieler aus irgendeinem Zauberhut“

Im WK-Interview spricht Eishockey-Experte Patrick Ehelechner über Philosophie und Stil der Fischtown Pinguins. Und über deren Erfolgsgeheimnis in der DEL.
15.04.2021, 21:24
Lesedauer: 5 Min
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„Spieler aus irgendeinem Zauberhut“
Von Olaf Dorow
„Spieler aus irgendeinem Zauberhut“

Ein typischer Pinguins-Transfer: Goalie Brandon Maxwell, der vom Nobody zum DEL-Stammspieler reifte.

Eibnerr/Imago

War das jüngste Pinguins-Ergebnis wieder mal typisch? Zuvor drei hohe Niederlagen, große Personalsorgen – und dann ein 5:2 gegen die starken Ingolstädter.

Patrick Ehelechner: Das kann man schon so sagen. Vor allem war es auch der allererste Sieg ohne Jan Urbas...

...den Topstürmer der Pinguins.

Sie haben ohne den Superstar halt noch kein Spiel gewinnen können. Das war ein Problem und hat sich nun geändert.

Kann das auch einen psychologischen Effekt haben?

Es war wichtig für die Moral und auch den Kopf, dass dieses Thema endlich mal vom Tisch ist. Du wirst ja ständig darauf angesprochen. Für mich ist Jan Urbas ein heißer Kandidat für den MVP (most valuable player, wertvollster Spieler der DEL, d. Red.) in dieser Saison. Man kann ihn einfach nicht ersetzen. Ich mache ungern Vergleiche mit anderen Sportarten oder Fußball, aber das ist ähnlich wie mit Robert Lewandowski und Bayern München.

Hört sich sehr wertvoll an.

Für mich ist nicht nur wichtig, wie viele Tore er schießt und wie viele Assists er gibt. Wenn er spielt, muss sich der Gegner ganz anders auf ihn einstellen und vorbereiten. Er kreiert so indirekt Räume für Mitspieler. Ohne die anderen Stürmer kleinreden zu wollen: Ich spreche ja auch mit den Torhütern der Liga. Die sagen mir, wenn der Urbas auf dem Eis ist, ist es für alle Teams schwer. Weil der Typ einfach alles kann.

Jetzt sind die Pinguins auch ohne Jan Urbas schon sicher Zweiter der Nord-Gruppe. Hätten Sie das erwartet am Saisonstart?

Bremerhaven ist nicht mehr der Underdog, der sie vielleicht mal waren, als sie damals in die DEL reingerutscht sind. Sie haben es seitdem immer in die Play-offs geschafft. Wer jetzt noch sagt, dass sie ein Underdog-Team sind, hat die letzten fünf Jahre keine DEL geschaut. Dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr. Sie haben sich jedes Jahr verbessert, jedes Jahr auch in der Tabelle. Für mich war ganz klar, dass die Pinguins wieder in die Play-offs kommen.

In der Szene redet längst keiner mehr vom Außenseiter Bremerhaven?

Wer das macht, der macht einen Fehler. Der redet sie klein, das wäre psychologisch nur ein Vorteil für die Pinguins. Das will man vielleicht in Bremerhaven nicht gerne hören, weil man sich unter Druck gesetzt fühlen könnte: Aber in meinen Augen ist Bremerhaven jedes Jahr ein absoluter Play-off-Kandidat.

Was erwarten Sie diese Saison in der K.-o.-Runde?

Wir haben die kürzesten Play-offs der DEL-Geschichte, deswegen sind Prognosen schwierig. Zwei Siege pro Runde, und du bist automatisch weiter. Mit sechs Siegen insgesamt bist du deutscher Meister. So einfach konnte man sozusagen noch nie Meister werden.

Aber wohl auch so schwer? Weil Aussetzer kaum verziehen werden.

Das ist tatsächlich der Punkt. Es gibt bei diesem kurzen Format nicht die krassen Favoriten, auch nicht mit Klubs wie Mannheim oder München. Es ist kein großer Vorteil, zuerst das Heimrecht zu haben. Wenn du das erste Spiel verlierst, ist der Druck maximal und du stehst mit einem Bein schon im Sommerurlaub. Und ohne Fans ist das ja auch gar kein Heimvorteil.

Die Pinguins treten in der DEL stets mit dem kleinsten Etat an und mischen dennoch oben mit. Was ist für Sie ihr Geheimnis?

Der Erfolg hat für mich zwei Namen: Thomas Popiesch (der Trainer, d. Red.) und Alfred Prey (der Manager, d. Red.). Sie schaffen es immer wieder, irgendwelche Spieler aus irgendeinem Zauberhut zu holen. Auf die würden andere Vereine vielleicht nicht setzen, sie tun's aber. Sie riskieren etwas und haben einen tollen Erfolg damit. Dazu der eher familiäre Umgang in Bremerhaven. Egal, mit welchem Spieler ich spreche in Bremerhaven, sie sind von dieser Atmosphäre unglaublich überzeugt. Vielleicht sind das diese ein, zwei Prozent, die sie am Ende mehr rausholen können.

Kann man behaupten: Der Erfolg steht und fällt mit Thomas Popiesch und Alfred Prey?

Zumindest wissen beide, was sie von der jeweils anderen Seite haben. Thomas Popiesch ist ein sehr loyaler Trainer. Er hatte einst als Zweitliga-Trainer das Angebot bekommen, ein DEL-Trainer zu sein. Um mal eine Floskel fürs Phrasenschwein zu nehmen: Man weiß nie, was im Sport passiert. Aber ich glaube, dass die beiden dort, wo sie gerade sind, perfekt aufgehoben sind. Dieses Projekt Bremerhaven gibt's auch nur in Bremerhaven. Wenn du hier mal die Play-offs nicht schaffen solltest, dann hackt dir am Ende keiner den Kopf ab. Sozusagen sind die beiden in ihrem gallischen Dorf sehr gut aufgehoben.

Alfred Prey sagt, die Pinguins müssen auf dem Transfermarkt schon durch sein, bevor die anderen einkaufen gehen. Wenn das so erfolgreich ist, könnten das doch andere auch machen...

...ja. Aber Bremerhaven kann auch seit ein paar Jahren noch ein gutes Argument einsetzen.

Und zwar?

Spieler können Bremerhaven auch als Sprungbrett nehmen. Wenn ausländische Spieler nicht gleich die Chance bekommen bei einem Topteam wie München, Berlin, Köln, Mannheim, dann können sie sich mit zum Beispiel einem Ein- oder Zweijahresvertrag in Bremerhaven zeigen und etablieren, um weiterzuziehen. Das weiß man dort auch. Umso erstaunlicher ist es, dass man Leute wie einen Jan Urbas halten kann. Das ist verblüffend.

Herr Ehelechner, wie würden Sie den Pinguins-Stil auf dem Eis beschreiben? Neulich haben Sie als Magenta-Kommentator gesagt: Sie lieben dieses Spiel an der Bande.

Damit ist gemeint, dass die Pinguins unglaublich wendige, agile Spieler haben, die sich in einer Eins-gegen-eins- oder Zwei-gegen-zwei-Situation im Zweikampf herausdrehen können. Sie sind Schlittschuh-läuferisch gut drauf und schaffen es immer wieder, Zweikampf-Sieger zu sein. Dann bist du natürlich einen Schritt näher am gegnerischen Tor. Auch diese Spielerwechsel an der Bande machen sie häufiger, sie spielen diese Stärke an der Bande gut aus.

Als langjähriger Goalie in der DEL: Wie gut ist aus Ihrer Sicht Bremerhaven auf der Torwart-Position aufgestellt?

Ich muss wirklich sagen, dass mich der Neuzugang Brandon Maxwell sehr überrascht hat. Jahrelang hat man sich dort ja auf dieser Position auf Tomas Pöpperle verlassen können. Jetzt hat Maxwell doppelt so oft gespielt wie Pöpperle, Maxwell ist aktuell der sozusagen heißere Torhüter von beiden. Auch, wenn ich über Tomas Pöpperle nichts Schlechtes sagen kann. Für mich ist immer entscheidend: Gibt der Goalie in einem Spiel seinem Team die Chance, Punkte zu holen? Da machen beide einen guten Job. Aber im direkten Vergleich würde ich denken, dass man mit Maxwell in die Play-offs starten wird.

Ist Brandon Maxwell also wieder mal ein typischer Pinguins-Transfer?

Ganz genau. Dieser Wechsel von Brandon Maxwell nach Bremerhaven spiegelt die ganze Philosophie im Verein wider. Ich habe mich ehrlich gesagt auch gefragt, wo der jetzt eigentlich genau herkommt und gespielt hat. Ich habe ihn auch erst googeln müssen. Klar kann man sagen: Da hat Bremerhaven Glück gehabt. Bei einer Verpflichtung gehört aber mehr als Glück dazu.

Zum Beispiel?

Du musst wissen: Was für einen Charakter hat der Typ? Du musst klären: Passt der überhaupt in unsere Philosophie, in unser Schema hier in Bremerhaven? Eigentlich hat das mit Glück überhaupt nichts zu tun. Thomas Popiesch und Alfred Prey wissen ganz genau, was sie brauchen und was sie wollen. Und dann funktioniert das auch.

Das Gespräch führte Olaf Dorow.

Info

Zur Person

Patrick Ehelechner (36) kommt aus Rosenheim und hat bis 2015 als Eishockey-Torwart für verschiedene Klubs insgesamt 276-mal in der DEL gespielt. Inzwischen arbeitet er als Reporter für Magenta Sport, wo die DEL-Spiele live gezeigt werden. Er lebt mittlerweile wieder in Rosenheim.

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