Redbull Ruder-Rennen in der Schweiz „Erwartete Qual“: Bremer Ruderer Sören Dannhauer über den X-Row

Der X-Row in der Schweiz ist eine heftige Herausforderung- ein Bremer Ruderer erklärt, warum.
10.10.2018, 22:04
Lesedauer: 5 Min
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Von Sören Dannhauer

Vier Blasen an der linken Hand, fünf an der Rechten. Muskelkater an den Schienbeinen, den Waden und der Schulter. Und in ausgeprägter Form am Hüftbeuger. Dazu noch ein deutlicher blauer Fleck auf der linken Schulter. Es hätte schlimmer kommen können – ich bin äußerst zufrieden!

Elf Tage zuvor erhielt ich eine Anfrage, ob ich am diesjährigen Redbull X-Row in der Schweiz teilnehmen möchte. Ich wusste, dass der X-Row eine besondere Herausforderung ist. Seit 2010 fand er erst sechsmal statt. Die Geschichten darüber waren immer spannend und handelten von besonderen sportlichen Momenten. Ich gab dem Gedanken zwei Stunden Zeit und sagte dann zu.

Die kommenden zehn Tage waren von einer einzigen Frage geprägt: Was habe ich mir dabei gedacht? Der X-Row (gesprochen: cross-row), ist ein Querfeldein-Rennen über insgesamt 27 Kilometer. Die olympische Wettkampfdistanz im Rudern ist gerade mal 2000 Meter lang. Viele Rennen haben kürzere Distanzen. Mein letztes 2000-Meter-Rennen liegt fünf Jahre zurück.

Seitdem bin ich fast nur noch Wettkämpfe der Ruder-Bundesliga gefahren. Dort wird über 350 Meter gesprintet. Die Strecke des X-Row geht von Zug nach Luzern. Da die beiden Städte an unterschiedlichen Seen liegen, muss das Boot neben den 21 Ruderkilometern in zwei Abschnitten über zusammen sechs Kilometer getragen werden. Ein Querfeldein-Rennen eben.

„Was habe ich mir dabei gedacht?“

Das Boot tragen: Das war die einzige Trainingseinheit, die wir als Mannschaft im Vorfeld schafften. Das 100 Kilogramm schwere Rennboot im Laufschritt zu bewegen, strengte schon bei zwei flachen Übungskilometern zwischen Weser und Werdersee ganz schön an. In der Schweiz sollten zusätzlich 300 Höhenmeter in der Laufstrecke vorkommen. Was habe ich mir dabei gedacht?

Wir sitzen am Abend vor dem Rennen erstmals in originaler Besetzung im Boot. Wir rudern mit den drei Hannoveranern, die uns fünf Bremer ergänzen, erstmals zusammen. Es klappt technisch auf Anhieb gut. Ein kleines bisschen Erleichterung stellt sich ein.

Die Regatta ist vergleichsweise klein. Zwei der 16 Boote kommen aus Deutschland, der Rest aus England, Italien, Frankreich und der Schweiz. Vor dem Start beim Seeclub in Zug geht es eher familiär zu. Die Teams präparieren ihre Boote vor allem mit jeder Form von Polster, um das Bootsgewicht und die schmalen Kanten beim Laufen erträglicher zu machen. Drei Stunden vor dem Rennen gibt es für alle Pasta. Dann fängt die übliche Rennvorbereitung an.

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Elf Männer- und fünf Frauenboote liegen nebeneinander auf der Startlinie. Obwohl ausreichend Platz zwischen den Markierungsbojen ist, drängeln sich viele Boote um uns herum. 15 Schläge nach dem Start fahren die Franzosen auf Backbord in uns rein. Wir müssen einen halben Schlag aussetzen. Kurz danach dasselbe Spiel mit dem Boot aus Bristol auf Steuerbord.

Die Franzosen rudern uns weg, die Engländer fallen ebenso schnell zurück. Die ersten zehn Ruderkilometer laufen wie erwartet: Wir fahren konstant 30 Schläge pro Minute und schaffen je nach Welle 17 bis 18 km/h. In Immensee beginnt die erste Portage. Alle Teams sehen sich noch einmal, weil gewartet wird, bis das letzte Boot angekommen ist. Dann beginnt die Plackerei an Land. Im Zeitabstand von der Ruderstrecke wird gestartet. Wir sind neuntes Team, Platz acht ist aber nur 23 Sekunden entfernt.

Das wollen wir aufholen. Es geht mit einem brutalen Anstieg los, der Puls hämmert. Zwischendurch schaffen wir es nur noch im Fußgängertempo. Meine Mannschaft japst genauso wie ich. Den Booten vor uns geht es nicht anders. Steuerfrau und Ruderer feuern sich immer wieder an. Wir versuchen, schon vor den einzelnen Hügelkuppen wieder in einen Laufschritt zu fallen und holen so den ein oder andere Meter auf.

„Gedanken an lang vergangenen Deutschunterricht“

In der Tell-Stadt Küssnacht laufen wir durch die hohle Gasse. Gedanken an lang vergangenen Deutschunterricht, Reclam-Heften und Schiller gehen mir trotz der Qual durch den Kopf. Ich freue mich, hier zu sein. Kurz danach haben wir zur Mannschaft aus Zug, aufgeschlossen. Einige Hundert Meter laufen wir nebeneinander, um die nächste Kurve kommen die 18 Meter langen Boote aber nur nacheinander.

Das setzt Kräfte frei und wir kommen tatsächlich am Gegner vorbei. Zum Glück geht es bis zum nächsten Wassern auf dem Vierwaldstätter See nur noch einige Hundert Meter bergab. Im Nachhinein haben wir die drittschnellste Laufstrecke aller Teams geschafft.

Auf der zweiten Ruderstrecke, diesmal 6,5 Kilometer, erinnere ich mich immer wieder an meine guten Vorsätze: groß sitzen und am Rhythmus arbeiten! Wenn die Kraft nachlässt, muss man klug rudern, um aus jedem Watt ein paar Zentimeter mehr Vortrieb herauszuholen. Statt eine Landzunge zu umrudern, müssen wir das Boot wieder schultern.

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Auf der zweiten Laufstrecke fällt es mir zunehmend schwerer, in der Beinstreckung dynamisch zu bleiben. Ich merke deutlich, dass wir nur zu sechst tragen. Zwei aus der Mannschaft sind kleiner als 1,80 Meter. Da ihre Schulterhöhe nicht an das Boot reicht, tragen sie die Riemen. Der Gedanke, dass meine Mannschaft genauso leidet wie ich, macht es einfacher.

Die Spitze des Feldes ist inzwischen weit enteilt. Eine Schweizer Auswahlmannschaft um den Olympiasieger Mario Gyr, der mit dem X-Row seine aktive Ruderkarriere beendet, und eine italienische Auswahlmannschaft kämpfen um den Sieg.

Wir sehen davon nichts mehr. Nach 1:43 Stunden geht es auf die letzte Ruderstrecke. Nun sind die Krämpfe da. Die Waden und der Hüftbeuger wollen nicht mehr. Wir brauchen gefühlt 1000 Meter, um auf den letzten 4,5 Ruderkilometern wieder einen gemeinsamen Rhythmus zu finden.

Vorsprung für die Frauen

Steuerfrau Jana Brinkmeier ist inzwischen heiser. Ich sitze in der Mitte des Bootes und es ist zu spüren, dass es den Leuten um mich herum nicht besser geht. Die Frauenmannschaften durften statt der zweiten Portage die Landzunge umrudern. Das hat ihnen einen Vorsprung verschafft. Nun können wir ein Frauenboot passieren. Das beflügelt für den letzten Kilometer.

Im Zentrum von Luzern durchrudern wir die Kapellbrücke. Direkt dahinter ist ein Steg. Die letzten hundert Meter muss das Boot wieder auf die Schulter. Während der Moderator und einige Tausend Zuschauer das Team Bremen feiern, sprinten wir durch den Zielbogen. Diese letzten Schritte fallen wieder so leicht wie die ersten Ruderschläge. 2:03:39 Stunden stehen auf der Uhr.

Als das Adrenalin langsam abgebaut ist, kommt meine Frage wieder: Was habe ich mir dabei gedacht? Es war die erwartete Qual. Jetzt ist aber auch die Zufriedenheit da. Das Schönste am Sport war für mich immer, es hinterher geschafft zu haben. Hat man eine große Aufgabe vor sich, hat man danach viel geschafft. Ich bin äußerst zufrieden!

Die Mannschaft: Andrè Müller, Janosch Brinker, Philipp Maibaum (Bremer Sport-Club), Stf. Jana Brinkmeier, Anton Brandt, Sören Dannhauer (Bremer Ruderverein von 1882), Hendrik Hellhammer, Cornelius Dietrich, Paul Peter (Deutscher RC Hannover).

Info

Zur Person

Sören Dannhauer (35)

arbeitet als Berater und Projektmanager. Er ruderte auf internationalen Meisterschaften und wurde Hochschul-Europameister. Inzwischen ist er Trainer in Bremen und Disziplinverantwortlicher im deutschen Hochschulsportverband.

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