Kommentar über den Profi-Fußball

In der Not loten die Vereine ihre Macht aus

Die führenden Profi-Vereine haben in einem exklusiven Zirkel über die Zukunft des deutschen Fußballs gesprochen und ihre Muskeln spielen lassen. Solidarität droht zu kurz zu kommen, meint Jean-Julien Beer.
12.11.2020, 05:00
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In der Not loten die Vereine ihre Macht aus
Von Jean-Julien Beer

Not macht erfinderisch, diese simple Redewendung hat nun auch den komplex strukturierten Profifußball erreicht. Und die Not ist inzwischen groß in einer Branche, die in den vergangenen Jahren Umsatzrekorde auftürmte. Doch die Corona-Krise veränderte alles. Einnahmeverluste in zweistelliger und bei Spitzenklubs sogar dreistelliger Millionenhöhe treffen die Bundesligavereine mit voller Wucht. Sie sind zwar unverschuldet in diese Krise geraten, aber auch ziemlich unvorbereitet, weil ihr Geschäftsmodell nicht robust genug war angesichts der exorbitanten Ausgabenseite mit hohen Spielergehältern, Ablösesummen und Beraterhonoraren. Schon nach wenigen Monaten waren einige Vereine ohne Zuschauer-Einnahmen und Werbeerlöse in der Existenz gefährdet. Sie hängen seither am Tropf der TV-Sender.

Doch auch diese Zahlungen werden bald schmelzen. Ab der Saison 2021/22 kassieren die Bundesligavereine pro Jahr rund 300 Millionen Euro weniger aus der Medienvermarktung. Gerade vor diesem Hintergrund war es spannend, dass am Mittwoch in Frankfurt eine neue Form der Versammlung erfunden wurde. Es war keine offizielle Sitzung der Deutschen Fußball Liga (DFL), wie sie dort gewöhnlich abgehalten wird, sondern ein inoffizielles Treffen von Auserwählten: Vertreter von 14 Erstligisten sowie vom Zweitligisten Hamburger SV kamen in ihrer Not zu dringenden Beratungen zusammen, es war eine Art G 15 unter der Regie von Branchenprimus Bayern München – und letztlich nichts anderes als eine Selektion innerhalb der 36 Vereine, die solidarisch im Dachverband DFL organisiert sind.

Alle Klubs, die zuletzt mit Positionspapieren für eine Umverteilung der TV-Gelder zugunsten kleinerer Vereine kämpften, wurden nicht eingeladen. Zu den Ausgebooteten zählen die Erstligisten Stuttgart, Augsburg, Mainz und Bielefeld sowie zehn Zweitligisten. Dieses Signal der großen Bundesligisten war eine Machtdemonstration: Sie wollen sich bei der Verteilung der TV-Millionen nicht gängeln lassen von kleineren Klubs, die in den vergangenen Jahren wenig bis nichts zum Ansehen des Unterhaltungsprodukts Bundesliga in Europa und der Welt beigetragen haben.

Sehr schnell haben die führenden Vereine in der Corona-Krise gelernt, dass sie ihr Schicksal besser selbst in die Hand nehmen. Schon beim Re-Start der Liga mit den Geisterspielen ohne Zuschauer waren es der FC Bayern und Borussia Dortmund, die mir ihrem Einfluss in höchste politische Kreise den Weg ebneten für die Akzeptanz des Hygienekonzepts. Das in der Folge weltweit im Sport kopiert wurde und das Label „Made in Germany“ aufpolierte. Beim Treffen in Frankfurt wurde deutlich, dass sie ihre Macht auch in andere Richtungen ausloten. So setzten sie auch Verbandsthemen auf ihre Tagesordnung, etwa die Führungskrise im von Skandalen erschütterten DFB. Sie wollen sich in solchen Themen fortan enger abstimmen und Druck ausüben.

Genügend anzupacken gibt es zweifellos in Zeiten, in denen sich der Profifußball so weit von der Basis entfernt hat wie noch nie. Zumal es fraglich erscheint, ob die deswegen gegründete Zukunfts-Taskforce des deutschen Fußballs wirklich geeignet ist, Besserungen herbeizuführen. Jede spürbare Veränderung müsste wohl eher von den Vereinen selbst ausgehen, die in Frankfurt auch über dieses Problem diskutierten: Im Juni 2022 verlieren sie ihren langjährigen DFL-Geschäftsführer Christian Seifert, der seinen Vertrag nicht verlängert. Der Top-Manager war stets mehr als die Summe der 36 Vereine, er führte die Bundesliga wirtschaftlich in Dimensionen, von denen viele nicht zu träumen wagten. Und er hielt alle 36 zusammen, auch wenn die Nöte eines Zweitligisten nichts gemein haben mit den Interessen umsatzstarker Global Player wie Bayern oder Dortmund.

Auch wenn alle Klubs in Frankfurt dem DFL-Präsidium ungefragt das Vertrauen aussprachen und den Eindruck einer Abspaltung vermeiden wollten: Ihr Treffen war mindestens eine Warnung, dass man einen solchen Zusammenhalt in der ersten und zweiten Liga nicht zwingend braucht. Solidarität neu zu definieren, wäre gerade in Corona-Zeiten wohl schnell mehrheitsfähig.

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