Was die deutsche Mannschaft erwartet – und was von ihr bei dieser EM zu erwarten ist FC Bayern Deutschland

Evian-les-Bains. Das hatte sich der junge Mann anders vorgestellt. Zum ersten Mal ist er bei der Nationalmannschaft und dann das: „Das Training läuft erstaunlich locker.
12.06.2016, 00:00
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FC Bayern Deutschland
Von Marc Hagedorn

Evian-les-Bains. Das hatte sich der junge Mann anders vorgestellt. Zum ersten Mal ist er bei der Nationalmannschaft und dann das: „Das Training läuft erstaunlich locker. Wir laufen ein, zwei Runden um den Platz, um uns warm zu machen, machen ein bisschen Stretching, üben Flanken und Torschüsse und fangen nachher ein kleines Spielchen an.“ Dann ist die erste Einheit für den Neuling mit der Nationalmannschaft auch schon vorbei. „Mir kommt es so vor, als würden ein paar Kumpels miteinander in die Ferien fahren, um Fußball zu spielen. Lustig, ja, und völlig unsystematisch.“

Es ist Philipp Lahm, der diese Geschichte in seinem Buch „Der feine Unterschied“ erzählt. Als er das erste Mal bei der Nationalmannschaft ist, heißt der Trainer Rudi Völler. Lahm selbst ist 20. Am 18. Februar 2004 wird er in Split sein Länderspieldebüt feiern. Die DFB-Elf gewinnt das Spiel gegen Kroatien, und das ist fast eine Überraschung, wenn man Lahms Beschreibung von der Taktiksitzung vor der Partie liest: „Wir wissen nicht viel über den Gegner, außer über Spieler, die wir aus der Bundesliga kennen. Es will aber auch niemand über den Gegner Bescheid wissen.“ Völler spricht nach Lahms Erinnerung nur einmal zur Mannschaft: Als er die Aufstellung bekannt gibt.

Zwölf Jahre ist das her, das ist eine lange Zeit. Im Fußball sind zwölf Jahre eine Ewigkeit. Denn zwischen der Arbeit der Nationalmannschaft 2004 und 2016 gibt es kaum noch Gemeinsamkeiten. „Die alten Geschichten sind Geschichten aus einer anderen Zeit“, sagt Tobias Escher. Der 28-Jährige ist ein Kind der neuen Zeit im Fußball. Tobias Escher arbeitet als Taktikanalyst. Mit ein paar Freunden hat er vor ein paar Jahren angefangen, sich Aufstellungen, Spielsysteme und Strategien anzuschauen. Zu finden sind seine Texte im Internet bei „Spielverlagerung.de“. Sein erstes Buch „Vom Libero zur Doppelsechs“ ist gerade auf den Markt gekommen und im Segment Sportbuch schon ein Bestseller.

Wenn die deutsche Mannschaft an diesem Sonntag mit dem Spiel gegen die Ukraine ins EM-Turnier einsteigt, dann wird Escher ganz genau hinschauen: Wie lässt Bundestrainer Joachim Löw spielen? Wie verschieben die Mannschaftsteile? Welche Laufwege wählen die Verteidiger, Mittelfeldspieler und Außenstürmer?

Escher hat eine ganz klare Erwartung. Die Deutschen werden sehr viel und sehr lange den Ball haben in diesem Spiel. Die Ukrainer werden sich ganz weit zurückziehen, mit neun Mann wahrscheinlich. „Nach vorne werden sie nur über ihre Außenstürmer Konoplyanka und Jarmolenko stoßen“, sagt Escher. Das könnte für die deutsche Mannschaft gefährlich werden – denn defensiv hat sie bekanntlich Schwächen auf den Außenpositionen.

Man schreibt aber nichts Falsches, wenn man behauptet, dass Escher eine hohe Meinung von Bundestrainer Joachim Löw hat. Mit anderen Worten: Löw wird seine Spieler auf die Finessen des ukrainischen Offensivspiels vorbereitet haben. Jeder Nationalspieler erhält Dossiers mit Stärken und Schwächen des Gegners, dazu gibt es Videosequenzen mit typischen Tricks und untypischen Aktionen des Gegners. Für die Nationalmannschaft arbeitet inzwischen eine ganze Scouting-Abteilung, die den Gegner bis ins kleinste Detail seziert.

Und dann ist da Löw selbst, der über die Jahre als Trainer ein Profil entwickelt hat. „Löw hat eine klare Vorstellung von Fußball“, sagt Escher. Das Besondere: Er hat sie im Laufe der Jahre immer wieder modifiziert und den Möglichkeiten des Kaders angepasst. In seiner ersten Zeit als Bundestrainer war Löw ein Anhänger des englischen Fußballs. „Alles musste ganz schnell nach vorne gehen“, sagt Escher. Ihren Höhepunkt erlebte diese Mannschaft 2010 bei der WM mit ihren Siegen über England (4:1) und Argentinien (4:0).

Als die Gegner den Deutschen danach nicht mehr den Gefallen taten, regelmäßig in die Konterfalle zu tappen, fügte Löw dem Spiel neue Komponenten hinzu. „Er hat sich sehr am FC Bayern orientiert“, sagt Escher. Am Ballbesitz-Fußball von Louis van Gaal, den Jupp Heynckes später veredelte. Danach spielten die Bayern Pep-Guardiola-Fußball – und die Nationalmannschaft versucht längst, es ihr nachzumachen.

Die wichtigsten Spieler der Mannschaft kommen vom FC Bayern, haben dort gespielt oder werden bald dort spielen: Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Mats Hummels, Toni Kroos, Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger, Mario Götze, Mario Gomez. Dazu könnte Joshua Kimmich die Überraschung des Turniers werden. Es wäre aus Löws Sicht nur konsequent. Denn Guardiola fügte dem Bayern-Spiel mit seinen endlosen Ballstafetten ein Überraschungsmoment hinzu: seine unberechenbaren Aufstellungen. „Löw gefällt das sehr. Auch bei ihm hat man keine Ahnung, wie die Aufstellung aussehen wird. Er will unberechenbar bleiben“, sagt Escher.

Bei der WM 2014 in Brasilien stellte Löw zum Beispiel vier gelernte Innenverteidiger in die Viererkette. Im letzten EM-Test gegen Ungarn vor einer Woche spielten Mesut Özil und Toni Kroos in der zweiten Halbzeit auf der Doppelsechs. „Ich war überrascht, wie gut das funktioniert hat“, sagt Escher. Löw hat damit eine taktische Variante mehr in seinem Repertoire. Und damit – zumindest gefühlt – allein durch diese eine zusätzliche Option schon mehr Flexibilität als die DFB-Elf anno 2004.

In jenem Jahr stand auch eine EM an, in Portugal. Deutschland schied ohne Sieg nach der Vorrunde aus. Philipp Lahm war in allen Spielen dabei. Aber seine große Zeit kam erst, als Jürgen Klinsmann Trainer wurde und verkrustete Strukturen aufbrach, was Löw dann weiterführte und verfeinerte. Der Fußball der Ära Löw war der Fußball der Generation Lahm. Sorry, Rudi Völler.

Spanien? Frankreich? Belgien? Viele Favoriten und ein Duell der Systeme Was kann Deutschland bei dieser Europameisterschaft erreichen? „Ich war lange Zeit total kritisch“, sagt Taktikanalyst Tobias Escher, „ich habe seit der WM nur zwei, drei gute Auftritte gesehen. Aber je näher das Turnier rückt, desto optimistischer werde ich.“ Was vielleicht auch an der Konkurrenz liegt. Die gibt es zwar, aber es gibt keine Mannschaft, die den anderen Teams deutlich überlegen wäre. Titelverteidiger Spanien ist etwas in die Jahre gekommen, hat aber immer noch eine exzellente erste Elf. Auch fußballerisch hat sie sich verändert. „Tika-Taka ist jetzt mehr Taka als Tiki“, sagt Escher und meint damit, dass die Spanier ihre Passspiel-Orgien nach vorne verlagert haben und mehr vertikale Pässe in die Spitze spielen. Und Frankreich? Stark, sagt Escher. Der Gastgeber spielt sehr aus der Ballkontrolle heraus und versucht viel durchs Zentrum. Belgien? Escher ist kein Fan dieses Teams. Ihm, dem Taktik-Feinschmecker, spielen die Belgier zu sehr mit langen Bällen. „Trainer Marc Wilmots hat seine Kampfschwein-Mentalität auf die Spieler übertragen“, sagt Escher, „und den Rest erledigen Spieler wie De Bruyne, Hazard, Mertens oder Lukaku mit ihrer individuellen Klasse.“ Österreich? „Mein Geheimfavorit“, sagt Escher. Eingespielt, klares System, erfahrener Kader mit vielen Bun­des­liga-Profis. Und Italien? Ist Italien. Fehlen nur noch die Engländer. Auf sie freut sich Escher fast am meisten: „Sie sind das beste Konterteam des Turniers.“ Konterspiel gegen Ballbesitzfußball. Kane, Rooney, Vardy – „das ist für mich das spannendste Projekt“, sagt Escher. In spätestens drei, vier Wochen wird man wissen, ob es auch das erfolgreiwchste war.
„Er hat sich sehr am FC Bayern orientiert.“ Tobias Escher über Joachim Löw
„Löw hat eine klare Vorstellung von Fußball.“ Taktikanalyst Tobias Escher
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