Interview mit Alfred Prey Fischtown Pinguins-Manager: Wir sind eine Marke geworden

Im Interview spricht Bremerhavens Manager Alfred Prey über den Weg der Fischtown Pinguins in der Deutschen Eishockey-Liga, die Sinuskurve des Lebens – und eine große Angst.
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Fischtown Pinguins-Manager: Wir sind eine Marke geworden
Von Olaf Dorow
In der DEL-Hauptrunde ist Halbzeit. Schon wieder sind die Fischtown Pinguins auf Play-off-Kurs. Staunen Sie bisweilen über sich selbst?

Alfred Prey: Nein. Gut, wir sind im Play-off-Rennen. Wie viele andere Mannschaften auch. Wir wollen das jetzt gar nicht thematisieren. Wir bleiben lieber bescheiden und freuen uns nachher, wenn es geklappt hat.

Darf man aber inzwischen davon ausgehen, dass niemand mehr die Pinguins unterschätzt in der Liga?

Generell sollte nie irgendjemand irgendwen unterschätzen im Sport. Bei uns in der DEL gibt es ein paar Vereine, die immer vorne spielen. München, Mannheim, vielleicht noch Köln und Berlin. Das sind die Großen, die immer die Pace machen. Der Rest ist wie in der Fußball-Bundesliga. Im Normalfall sind Bayern und Dortmund vorne, ansonsten kann auch mal Paderborn den ruhmreichen SV Werder schlagen. Vielleicht hat in unserem ersten und zweiten DEL-Jahr die Konkurrenz ein bisschen zu sorglos auf Bremerhaven geguckt, das kann ich nicht ausschließen.

Lesen Sie auch

Im vierten Jahr schaut niemand mehr zu sorglos nach Bremerhaven, oder?

Wir haben uns einen gewissen Respekt erarbeitet. Wenn man sich vor der Saison die Kader ansieht, dann gibt es vermeintliche Favoriten. Aber Geld schießt nicht immer Tore. Unser Rezept war immer, peinlich darauf zu achten, dass wir eine Mannschaft haben, die wirklich Charakter hat. So konnten wir uns immer auch gegen hochdekorierte Namen gut aus der Affäre ziehen.

Das Rezept hat sich nie verändert?

Nein. Mit dem geringsten Etat in der Liga müssen wir andere Wege gehen.

Wie sehen die Wege aus?

Wir suchen nicht nur auf dem nordamerikanischen Markt. Wir haben jetzt einen Letten als Torwart verpflichtet. Wir haben Slowaken, wir haben Tschechen. Wir haben Slowenen. Das ist recht ungewöhnlich für die DEL, die größtenteils nordamerikanisch dominiert ist.

Ihr Etat liegt knapp unter fünf Millionen Euro. Haben Sie den Abstand zur Konkurrenz verkürzen können?

Haben wir nicht. Unser wirtschaftliches Umfeld, das keine Industriedichte hat, ist etwas schwerer zu beackern als an anderen Standorten. Geostrategisch ist es so: Hier ist bald Land‘s End. 25 Kilometer, dann fahren wir mit dem Auto in die Nordsee. Durch den Wesertunnel können wir zumindest ein paar Fans von der anderen Weserseite generieren. Nach Süden hin ist ab Schwanewede grün-weißes Land, da wird alles vom Fußball dominiert.

Was tun?

Wir haben unsere Nische gefunden. Wir haben 186 regionale Sponsoren, die wir mehr oder minder persönlich hosten. Das ist wirtschaftlich unser Standbein. Unsere Geschäftsführung achtet mit Argusaugen darauf, dass wir sportlich keine Kapriolen schlagen. Manchmal würde man da gerne die eine oder andere Verpflichtung mehr tätigen …

… Sie haben Wünsche, die sich nicht umsetzen lassen?

Natürlich sagt man manchmal, man müsste noch den oder den Spieler holen. Aber dann kommt unser Geschäftsführer Hauke Hasselbring mit einem langen Lineal und klopft uns auf die Finger. Dann ist der Fieberanfall vorbei. Das ist auch wichtig. Wir haben immer einen wirtschaftlich soliden Kurs gefahren und nie rote Zahlen geschrieben. Das ist ja eine Leistung, wenn sie sich mal die Geschäftsberichte im Profisport angucken. Das muss unser Rezept bleiben. Es nützt nichts, wenn es in der Tabelle zwei Plätze weiter oben sind, aber das Schiff liegt finanziell angeschlagen im Hafen.

Lesen Sie auch

Der Rahmen und der Kurs sind vorgegeben. Können Sie trotzdem eine Entwicklung beschreiben?

Wir haben eine schwere Vergangenheit hinter uns. Als wir in die neue Halle eingezogen sind, standen wir mit einem Bein im sportlichen Grab. Wir wären beinahe aus der DEL2 abgestiegen. Wir haben uns mühsam wieder berappelt – und es durch eine kluge Geschäftsführung geschafft, dass wir die DEL-Lizenz der Hamburg Freezers kaufen konnten. Kein anderer Verein war in der Lage einzuspringen.

Und dann?

Das war für uns ein Glücksgriff. Wir sind dann auch in der Liga gewachsen. Wir haben die Zuschauerzahl fast verdoppelt, das Stadion hatte in den letzten Jahren eine Auslastung von 96 Prozent. Es hört sich vielleicht blöd an, aber: Wir sind eine Marke geworden in unserer Region. Der Verein ist ein Werbeträger für unsere Stadt. Auch durch die sportlichen Erfolge haben wir es inzwischen in der Sponsoren-Akquise etwas leichter.

Haben Sie es auch in der Spieler-Akquise leichter? Beziehungsweise beim Versuch, Spieler längerfristig an den Verein zu binden?

Einige Spieler sind schon sieben Jahre bei uns. Wir haben diesen familiären Touch. Keine Superstars, aber eine breite Masse an Spielern, die sich mit der Stadt, den Fans und vor allem mit dem Klub identifizieren. Das ist unser Ziel: eine Crew an Bord, die länger mit uns segelt. Natürlich können wir nicht vermeiden, dass wir jedes Jahr schmerzhafte Abgänge haben. Wenn große Vereine rufen, dann sind die Spieler einfach weg wie das Würscht‘l vom Kraut. Bislang ist es uns, toi, toi, toi, immer gelungen, die Lücken einigermaßen zu schließen.

Wir bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Pläne des Verbandes, die Anzahl ausländischer Spieler zu begrenzen?

Damit haben wir kein Problem. Ein bisschen ist das aber auch Polemik.

Inwiefern?

Wenn man über Ausländer-Begrenzung spricht, muss man auch genug Spieler haben, die die entstehenden Lücken füllen. Im Moment ist das gar nicht vorhanden. Da wird etwas populistisch ins Unreine gesprochen. Aber wenn Sie mit den Leuten vom DEB (Deutscher Eishockey-Bund, d. Red.) an einem Tisch sitzen und fragen, wo die deutschen Spieler herkommen sollen, dann sehen Sie ein Achselzucken. Wir betreiben Profisport, da hilft uns kein Schein-Kontingent.

Lesen Sie auch

Herr Prey, wie hoch bewerten Sie für den beschriebenen Weg der Pinguins den Faktor Trainer?

Der Trainer ist ein wichtiger Faktor in unserem Teamgebilde, er passt zu uns wie die Faust aufs Auge. Wir sind eine kleine verschworene Gemeinschaft, auch wenn es sich nach einer Phrase anhört. Wir haben einen Geschäftsführer, der heißt Hasselbring, einen Team-Manager, der heißt Prey, einen Trainer, der heißt Popiesch. Und einen Co-Trainer, der heißt
Jiranek. Da macht nicht der Eine mehr, der Andere weniger – wir arbeiten alle zusammen am gleichen Ziel!

Sie verbieten sich quasi, ein Loblied auf den Trainer zu singen?

Nein, nein, nein, gar nicht. Für uns ist Thomas Popiesch ein Glücksgriff gewesen. Wir haben uns gesucht und gefunden. Er war damals ohne Job, wir mussten einen Trainer entlassen. Wir hatten schon lange damit geliebäugelt, ihn zu verpflichten. Es passt super, wir haben ein tolles Verhältnis. Jetzt hat er noch mal verlängert, dann ist er fast sieben Jahre hier …

… aber?

Ich hab‘ immer nur ein bisschen Angst, dass Einzelne zu sehr in den Vordergrund gestellt werden. Dass wir als Team ganz eng zusammenarbeiten, das ist unsere Stärke. Thomas ist ein super Trainer. Aber wir haben auch einen unglaublich guten Cotrainer – Martin Jiranek. Wir sind ein Gemeinschaftsprojekt. Das ist unsere Philosophie.

Trägt sie dazu bei, dass die Pinguins selbst vier, fünf Niederlagen in Folge nicht so aus der Bahn werfen wie manch anderen Klub?

Ja, manchmal werden wir schon dafür bewundert, wie wir die Ruhe bewahren. Man muss natürlich dazu sagen, dass wir auch kein Geld für Aktionismus haben. Wir vertrauen unseren Spielern und bekommen in der Regel Vertrauen zurück. In unserer letzten Niederlagenserie haben wir beim Meister Mannheim unglücklich 3:4 verloren, wir haben beim 0:1 in München ein Bomben-Spiel abgeliefert. Gegen einen Champions-League-Verein mit einem Etat von 14 Millionen Euro. Man sollte keine reine Ergebnispolitik betreiben. In dieser Sinuskurve des Lebens kommt jeder irgendwann wieder raus aus dem Tal und wieder oben an.

Lesen Sie auch

Ab der kommenden Saison wird es Auf- und Absteiger geben. Eine gute Entscheidung aus Ihrer Sicht?

In der deutschen Sportlandlandschaft ist das eine essenzielle Geschichte. Als wir in der zweiten Liga waren, haben wir das immer gefordert, wie würde das aussehen, wenn wir uns da jetzt verschließen? Aber ganz ehrlich: Mir wird auch himmelangst.

Warum?

Wir können jedes Jahr nur bestehen, wenn wirklich alles klappt. Wir begeben uns da jetzt in eine Gefahr, dessen Risiko sich nur schwer abschätzen lässt. Aber das gehört zum Sport dazu. Wir stehen Schulter an Schulter mit unseren Gesellschaftern und Sponsoren – vom Schornsteinfeger bis zum Industriebetrieb. Mit unseren Fans im Rücken sind wir bärenstark, weile diese immer für uns da sind. Dieser hohe Grad an Identifikation ist beispiellos: Wenn wir verlieren, tut das richtig weh, jeder von uns fühlt sich verantwortlich. Wenn wir das bewahren können, dann werden wird das Schiff irgendwie auch in den Hafen fahren.

Das Gespräch führte Olaf Dorow.

Info

Zur Person

Alfred Prey (65) wurde in Weiden in der Oberpfalz geboren. Er ist mittlerweile seit 28 Jahren bei den Fischtown Pinguins. Der Team-Manager des DEL-Klubs ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Info

Zur Sache

Mauermann verlängert bis 2023

Mit einem Heimspiel gegen die Iserlohn Roosters eröffnen die Fischtown Pinguins an diesem Sonntag die zweite Saisonhälfte der 52 Partien umfassenden Hauptrunde; Beginn ist um 16.30 Uhr. Die beiden ersten Vergleiche dieser Spielzeit haben die Pinguins verloren. Jetzt will das Team um Außenstürmer Ross Mauermann, der seinen Vertrag in dieser Wochen um drei Jahre bis 2023 verlängert hat, den Aufwärtstrend der vergangenen Partien (drei Siege aus vier Spielen) mit einem weiteren Sieg bestätigen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+