EM-Silber im Freiwasser

Florian Wellbrocks Doppel-Traum

Der gebürtige Bremer Florian Wellbrock, holt sich nach seinem überraschenden Titelgewinn bei der Schwimm-EM in Glasgow, die dritte EM-Medaille im Freiwasser. Bei Olympia würde er gerne draußen und drinnen starten.
11.08.2018, 20:50
Lesedauer: 3 Min
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Von Andreas Morbach
Florian Wellbrocks Doppel-Traum

Unterwegs zur dritten EM-Medaille: der in Bremen aufgewachsene Florian Wellbrock beim Staffelrennen im Loch Lomond.

CLIVE ROSE/dpa

Stefan Lurz steht am Ufer des Loch Lomond, schiebt mit dem Fuß vorsichtig einen Stein zur Seite und spricht über Florian Wellbrock. Der 20-Jährige vom SC Magdeburg ist neuerdings die große Nummer im deutschen Schwimmsport – im Becken, aber auch im freien Gewässer. Deshalb geht Lurz nun gezielt in die Offensive, der Bundestrainer der Open-Water-Abteilung sagt: „Mich würde es richtig freuen, wenn er bei Olympia beides schwimmen würde.“

In Schottland trat der gebürtige Bremer schon mal in beiden Disziplinen an. Erst auf den beiden Langstrecken im Becken, wo er dem Gold über 1500 Meter Freistil in der viertschnellsten je geschwommenen Zeit noch Bronze über 800 Meter folgen ließ. Und am Sonnabend dann im Loch Lomond, wo die Freiwasserspezialisten ihre Rennen austragen. Im Team-Wettbewerb fischte Wellbrock dabei gemeinsam mit seiner Freundin Sarah Köhler, Leonie Beck und Sören Meißner Silber aus dem berühmten See nordwestlich von Glasgow und komplettierte so seine Medaillensammlung bei dieser EM.

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Als Schlussschwimmer der DSV-Staffel bekam er es auf den letzten 1,25 Kilometern mit Branchenriese Ferry Weertman (26) aus den Niederlanden zu tun. Prompt düpierte ihn der Olympiasieger von Rio im Foto-Finish, sicherte Oranje Gold. Kein überraschender Ausgang für Wellbrock, der sagte: „Ferry weiß definitiv, was er im Wasser macht. Er lag mir die ganze Zeit über auf der Hüfte. Dabei wiege ich wahrscheinlich 15 oder 20 Kilo weniger als er – da gab es kein Wegkommen. Gegen ihn hintenraus zu verlieren, ist definitiv keine Schande.“

Grünes Licht für die WM

Florian Wellbrock ist und bleibt ein Freund des Freiwassers – deshalb ist sein möglicher Doppelstart in Tokio auch ein sensibles Thema unter den beteiligten Trainern. Bei der WM im Vorjahr etwa war der schlanke Dauerkrauler sowohl für die Wettbewerbe im Pool wie auch für die der Freiwasserschwimmer im Plattensee qualifiziert. Dort sollte er über fünf Kilometer starten, Chefbundestrainer Henning Lambertz jedoch erhob Einspruch – die Vorbereitung auf die Beckenrennen solle nicht gestört werden.

„Ich war ein bisschen enttäuscht, aber ich musste mich damit abfinden“, kommentierte Wellbrock seine Rolle als verbandsinterner Zankapfel damals. Nun genoss er es, mit Lebensgefährtin Köhler, Beck und Meißner vom Siegerpodest aus in die Kameras zu lächeln. Für Wellbrock war es ein charmantes Extra bei dieser so erfolgreichen EM, zugleich aber auch ein erster kleiner Test für einen möglichen olympischen Doppeleinsatz 2020.

Henning Lambertz öffnet sich der Idee inzwischen so weit, indem er für die WM 2019 im südkoreanischen Gwangju grünes Licht gab. „Eigentlich klappt das mit dem Doppelstart bei kaum jemandem – aber wir wissen ja nicht, ob’s bei Florian auch nicht klappt“, erläutert der 47-Jährige seine Abmachung mit Stefan Lurz und Wellbrocks Heimtrainer Bernd Berkhahn. Denn: „Wir können ja nicht, ohne dass wir es ihm jemals erlaubt haben, so ein pauschales Urteil fällen. Deshalb soll und darf er das im nächsten Jahr ausprobieren.“

Definitiv ein Medaillenanwärter für 2020

Ein kleines Risiko sei mit im Spiel, erwähnt Lambertz noch. „Aber Bernd Berkhahn ist der Meinung, dass er das kann. Dem Urteil schließe ich mich natürlich an – und dann müssen wir hoffen, dass er es wirklich kann. Ansonsten haben wir ein Jahr vor Olympia zumindest die Erkenntnis, dass es auch bei ihm nicht geht.“ Lambertz’ Skepsis ist nicht zu überhören, Bundestrainerkollege Lurz klingt da zuversichtlicher. „Florian ist sehr clever im Freiwasser, positioniert sich sehr geschickt und teilt sich seine Kraft gut ein. Er ist eine Klasse für sich und definitiv ein Medaillenanwärter für 2020“, betont der Chef der Freiwasserschwimmer. Heimcoach Berkhahn argumentiert ähnlich offensiv: „Er soll ja nicht nur im Becken, sondern auch im Freiwasser etwas präsentieren. Da hat er eine große Perspektive für die nächsten Jahre.“

Mit Blick auf die Tokio-Spiele spricht für den Doppelplan, dass die olympischen zehn Kilometer dort nach Abschluss der Beckenwettbewerbe terminiert sind. „Bei dieser Reihenfolge habe ich damit nicht so große Probleme“, lächelt Chefbundestrainer Lambertz – und macht Wellbrocks großen Sportlertraum damit noch etwas weiter.

Die Spiele von Rio waren für Deutschlands neuen Schwimmstar eine riesige Enttäuschung, er schied als abgeschlagener Letzter seines Vorlaufs sang- und klanglos aus. In Brasilien sei er unter dem Druck ein bisschen zusammengebrochen, habe aber auch sehr viel Positives mitgenommen, betont er. Diese These hat Florian Wellbrock in Glasgow eindrucksvoll untermauert, nun drängt er vehement in die Zukunft. „Überall diese olympischen Ringe zu sehen“, sagt er, „dafür stehe ich jeden Tag auf und arbeite.“

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