Hürdensprinter Matthias Bühler befeuert die Debatte um eine bessere Unterstützung von Spitzensportlern

Forderung zur Förderung

Natürlich war Matthias Bühler nicht besonders gut gelaunt, er war schließlich gerade im Halbfinale über 110 Meter Hürden gescheitert. Im Zustand der Enttäuschung sagt man schon mal Dinge, die man hinterher bereut, doch Bühler war es ernst mit seinem Anliegen, es habe ihm schon lange am Herzen gelegen, sagt er.
11.08.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Hendrik Buchheister

Natürlich war Matthias Bühler nicht besonders gut gelaunt, er war schließlich gerade im Halbfinale über 110 Meter Hürden gescheitert. Im Zustand der Enttäuschung sagt man schon mal Dinge, die man hinterher bereut, doch Bühler war es ernst mit seinem Anliegen, es habe ihm schon lange am Herzen gelegen, sagt er.

Er war also gleich nach seinem Aus vor eine Fernsehkamera des ZDF marschiert, noch aus der Puste von seinem Rennen, auf eine eingehende Analyse des Wettkampfes wollte er sich nicht einlassen. Stattdessen holte er ungefragt zu einem Rundumschlag gegen die deutsche Sportförderung aus. „Es kann nicht sein, dass wir Athleten so wenig Förderung bekommen. Bei der EM im kommenden Jahr in Berlin werden 80 000 Zuschauer deutsche Starter anfeuern, die nicht einmal ihre Miete bezahlen können“, klagte er und appellierte: „Der Leistungsport in Deutschland muss besser gefördert werden.“

Das Thema ist nicht neu. Immer wieder wird darüber debattiert, wie sich Sportler finanzieren sollen, die nicht gerade das Glück haben, Fußballprofi zu sein, und wie sie besser gefördert werden können vom Deutschen Leichtathletik-Verband und vom Staat. Die Diskussion kocht immer wieder bei großen Wettkämpfen auf, meistens in Verbindung mit schlechten Ergebnissen, wenn wieder die Frage gestellt wird, warum es denn nicht laufe für die deutschen Athleten.

Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro im vergangenen Jahr war das triste Abschneiden der deutschen Schwimmer ohne eine einzige Medaille der Aufhänger der Debatte. „In einem Land, in dem ein Olympiasieger 20 000 Euro Prämie bekommt und ein Dschungelkönig 150 000 Euro, sollte sich niemand über fehlende Medaillen wundern“, klagte der ehemalige Spitzenschwimmer und Kurzbahn-Weltmeister Markus Deibler. Bei der WM in London ist es Hürdensprinter Bühler, der die Diskussion um die Förderung für deutsche Sportler wieder anschiebt, und das ziemlich öffentlichkeitswirksam.

Er hat in den Tagen nach seinem Auftritt vor der ZDF-Kamera verschiedene Interviews gegeben, in denen er seine Vorwürfe erneuerte, unterlegte, konkretisierte, und er hat nach eigenen Angaben viel Zuspruch von Kollegen bekommen für seine offenen Worte. „Mir haben sehr viele Sportler
geschrieben, dass sie dankbar sind für das Statement und ich als Sprachrohr gesehen werde für die Sportler, auch in anderen Sportarten. Das hätte ich so nicht erwartet“, sagte Bühler im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.

Sein Hauptkritikpunkt ist, dass er nicht von seinem Sport leben könne, dass er seine Karriere ohne die Unterstützung seiner Eltern sofort beenden müsste. Obwohl er ein erfolgreicher Vertreter seiner Disziplin ist. Bühler war siebenmal deutscher Meister, ist bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften angetreten. „Wenn man das System so weiterbetreibt, werden die Sportler irgendwann abspringen. Und dann geht die Leichtathletik völlig zugrunde“, lautet seine finstere Prognose.

Um bessere Trainingsbedingungen zu
haben, übt er seit vier Jahren in den Wintermonaten in den USA, in einer Trainingsgruppe mit Aries Merritt, dem Weltrekordler. Solche Auslandsaufenthalte sind aus Bühlers Sicht unerlässlich, doch sie sind auch: teuer. 30 000 Euro hat er nach eigenen Angaben jedes Jahr an Ausgaben, seine Einnahmen belaufen sich allerdings nur auf 20 000 Euro. Ein unhaltbarer Zustand, findet er. „Ich erwarte ja nicht, dass ich reich werde mit der Leichtathletik, aber ich will schon zumindest das reinbekommen, was ich ausgebe“, sagt er. Doch das ist schwierig. Zumal die Sportförderung nach Ansicht von Kritikern weniger eine Förderung ist, sondern eher ein Belohnungssystem. Sie orientiert sich an Medaillen und Medaillenchancen bei Olympischen Spielen.

Zu den wichtigsten Werkzeugen der Förderung in Deutschland gehören die Fördergruppe der Bundeswehr und die Bundespolizei, dort lassen sich Beruf und Sport verbinden, eine finanzielle Sicherung ist gegeben. Bühler findet die Lösung allerdings nicht ideal, weil seiner Meinung nach nicht genug Zeit für Training ist. Er war selbst bis 2011 in der Sportfördergruppe der Bundeswehr, flog dort aber raus. Die Militär-Weltmeisterschaft fand zur gleichen Zeit statt wie die deutschen Meisterschaften. Und er wollte natürlich lieber zu den nationalen Titelkämpfen.

Die Debatte um die Unterstützung für Sportler wird die deutsche Delegation wohl noch für den Rest der WM begleiten, vor allem, wenn sich die Medaillen-Bilanz nicht noch ein bisschen aufhellt. Ein deutscher Hoffnungsträger ist Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler. Auch er hat eine Meinung zur Sportförderung. „Persönlich muss ich sagen, man sollte erst mit sportlicher Leistung glänzen, bevor man große Kritik
äußert”, sagte er im Interview mit Sport1. Eine Solidaritätsbekundung mit Vorkämpfer Bühler war das nicht.

„Aber ich will zumindest das reinbekommen, was ich ausgebe.“ Matthias Bühler
„Ich erwarte ja nicht, dass ich reich werde mit der Leichtathletik.“ Matthias Bühler
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