Fußball-Kreisliga

Fünf Kandidaten für den Titel

Rund die Hälfte der Spiele in der Kreisliga sind absolviert, es gab kaum Ausfälle. Das Rennen um die Meisterschaft ist spannend und auch im Tabellenkeller ist noch nicht entschieden. Eine Bestandsaufnahme.
14.12.2018, 15:13
Lesedauer: 6 Min
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Von Ralf Kilian
Fünf Kandidaten für den Titel

Der TuS Heidkrug mit Philipp Kahlert (rot, hier gegen den TV Jahn Delmenhorst) führt die Tabelle an und strebt in die Bezirksliga.

FOTOS: MöLLERS

Das erste Halbjahr der Fußball-Kreisliga verlief so gar nicht typisch für diese Spielklasse. Die Prognosen für Meisterschaft und Abstieg wurden allesamt nicht bestätigt und die Spielplangestalter erleben wohl die entspannteste Saison in der Geschichte dieser Spielklasse. Nur drei Nachholspiele nimmt die Liga mit ins nächste Jahre, im Vorjahr waren es 28. Damals wurden erst 124 Partien ausgetragen, jetzt bereits 141. Für die Spieler bedeutet das erstmals seit vielen Jahren eine vernünftige Winterpause, für die Trainer – von denen nur einer aus sportlichen Gründen seinen Platz geräumt hat – eine planbare Vorbereitung auf den Endspurt.

Die einzige Konstante in der Kreisliga ist scheinbar die Herbstmeisterschaft des TuS Heidkrug. Aber ereignet sich auch wieder die scheinbar selbsterfüllende Prophezeiung von Trainer Selim Karaca? Im Vorjahr wurde der Spruch „Wir sind nicht so gut, wie wir dastehen“ fast zu Karacas Mantra und in der Rückrunde stellte sich diese These als richtig heraus. Doch in dieser Spielzeit scheint der TuS noch einmal einen Sprung gemacht zu haben, agiert deutlich abgeklärter und gewinnt nicht mehr nur durch Konterfußball, sondern auch mit viel Ballbesitz. Auch wenn Karaca den Ahlhorner SV und den Harpstedter TB (vermeintlich) stärker einschätzt und seiner Mannschaft – abgesehen von Regisseur Philipp Kahlert – die starken Individualisten fehlen: In der Breite ist Heidkrug am besten besetzt. Und man muss ja auch „nur“ noch zwölf Spieltage überstehen, im letzten Jahr war der Weg deutlich weiter.

Überraschungszweiter: Großenkneten

Noch überraschender als Heidkrugs Platz an der Sonne ist die Verfolgerrolle des TSV Großenkneten. Wenn sich die alte Weisheit „Defensive gewinnt Titel“ bewahrheitet ist der TSV ein absoluter Titelkandidat. Abgesehen vom 4:4 in Dötlingen gab es nie mehr als ein Gegentor, dazu fügte man dem Spitzenreiter aus Heidkrug (1:0) die einzige Niederlage zu. Das war eine Woche nachdem Großenkneten selbst mit dem 0:1 beim TV Munderloh die einzige Nullrunde eingelegt hatte. Und das ausgerechnet zum Einstand von Trainer Kai Pankow, der absprachegemäß für Klaus Delbanco übernommen hatte. Delbanco selbst hat die meisten Spieler in der Jugend ausgebildet und ist weiter im Trainerstab, Pankow kann mit seiner Erfahrung im Profibereich vielleicht ein entscheidender Faktor sein. „Es sind nach dem Winter nur noch zwölf Spiele. Wir wollen möglichst lange oben bleiben und schauen, was am Ende herauskommt“, sagt Pankow.

Ein ähnliches Organigramm in der sportlichen Leitung hat sich der Harpstedter TB mit der Hinzunahme von Matthias Kaiser geschaffen. Trainer Jörg Peuker hat die junge Mannschaft im Vorjahr überraschend zur Vizemeisterschaft geführt, sich aber immer einen erfahrenen Partner gewünscht. Den hat er jetzt mit Matthias Kaiser, der vor exakt zehn Jahren den TV Jahn Delmenhorst zum Kreisligatitel führte. „Die Altersstruktur und Spielweise entspricht ziemlich genau dem, was ich damals bei Jahn hatte“, sieht Kaiser sehr vielversprechende Ansätze. In punkto Tempo und Technik macht dem HTB niemand etwas vor, was fehlt, ist einzig die Erfahrung.

Etwas kurios mag es anmuten, dass der Ahlhorner SV nur durch den freiwilligen Rückzug des TSV Ippener in der vergangenen Saison den Abstieg vermied und jetzt auch dank der Neuzugänge aus Ippener auf Rang vier kletterte. Allerdings hatten es sich die Ahlhorner mit einer tollen Aufholjagd auch irgendwie verdient und damals schon Kreisligareife nachgewiesen. Der ASV hat einen intakten Kern beisammen, der ein Desaster wie in Ippener ausschließt. Dazu kommen die überzeugenden Neuen. Natürlich sind die Ibrahim-Brüder Zana (bislang zwölf Treffer) und Bassal (acht), kommend aus Ippener, große Verstärkungen. Aber das gilt auch für den brutal schnellen Liridon Stublla oder Abwehrchef Bartosz Drozdowski. Ausrutscher wie gegen Achternmeer (5:6) und Huntlosen (0:4) darf man sich nicht erneut erlauben, trotzdem ist der ASV sowohl für Karaca als auch für Pankow Titelkandidat Nummer eins.

Startet Atlas Aufholjagd?

Von Ausrutschern kann auch die Reserve des SV Atlas Delmenhorst ein trauriges Lied singen. Aufgrund der Verstärkungen war die Mannschaft von Jung-Trainer Daniel von Seggern auf den Tippzetteln der meisten Experten der heißeste Titelanwärter und bestätigt das mit dem überragenden Torverhältnis von 70:22 in nur 16 Spielen. Doch was nützen zweistellige Siege gegen Kellerkinder wie den Delmenhorster TB (12:0) und den TV Falkenburg (10:0), wenn man auswärts bei der Konkurrenz in Heidkrug (2:5), Großenkneten (1:2) und Ahlhorn (0:2) leer ausgeht? Fassungslos war von Seggern nach unerklärlichen Pleiten beim TSV Ganderkesee (0:1) und gegen Jahn (2:3), wo man Möglichkeiten für einen Kantersieg verpulverte. Der etwas betagte Kader könnte im Winter Blutauffrischung gebrauchen, dann kann man – Pflichtsiege in den Nachholspielen gegen DTB und Falkenburg vorausgesetzt – vielleicht das Feld von hinten aufrollen.

Was dem SV Atlas II fehlt, wurde im Pokalspiel gegen den TuS Hasbergen schonungslos offengelegt. Trotz rund 80 Prozent Ballbesitz gewann Hasbergen mit 3:0, weil der Aufsteiger viel bissiger und einfach schneller war. Überhaupt ist Hasbergen trotz des leichten Einbruchs zum Ende der Hinrunde eine der positiven Überraschungen. Vermutlich kamen die fünf Niederlagen am Stück auch durch die kraftraubende Spielweise zustande. Aber acht Siege bedeuten einen guten achten Rang zur Winterpause, knapp hinter den ebenfalls unerwartet überzeugenden Ganderkeseern. Am Immerweg hatten viele Anhänger aufgrund der schwachen Rückrunde in der Vorsaison und scheinbar gewichtigen Abgänge schon das Abstiegsgespenst heraufbeschworen. Doch dieses verscheuchte Trainer Stephan Schüttel mit seiner konterstarken und effektiven Mannschaft rasch. Vor dem TSV führt mit dem VfR Wardenburg auf Rang sechs ein Club das Mittelfeld an, der Opfer seiner Erfolge im Bezirkspokal wurde. Bis Anfang Oktober hatte der VfR neun englische Wochen am Stück, das erklärt das schwächere Abschneiden des Mitfavoriten.

Abgerundet wird das Tabellenmittelfeld auf Platz neun vom TV Munderloh, der mit jeweils sechs Siegen, Unentschieden und Niederlagen absolutes Mittelmaß darstellt – mit Ausschlägen in alle Richtungen, dokumentiert durch das 1:0 gegen Großenkneten und ein 2:5 gegen Schlusslicht DTB. Momentan noch ungefährdet rangiert der TV Dötlingen auf Rang zehn, danach wird es brenzlig.

Aus sechs mach zwei

Traditionell hat es den TV Jahn in die Abstiegszone verschlagen, weil man nach dem Sensationssieg beim SV Atlas II Anfang Oktober ziemlich abschmierte. Bis zur Winterpause holten die Violetten aus sieben Partien nur noch ein Pünktchen mit dem 2:2 gegen den FC Huntlosen, besonders die 0:2-Heimpleite gegen Falkenburg enttäuschte die Fans am Blücherweg.

Ähnlich bergab ging es zuletzt in Huntlosen (vier Niederlagen in Folge, insgesamt zehn Spiele ohne Sieg bei nur vier Remis). Der letzte Dreier gelang Anfang September gegen den SV Achternmeer, der seinerseits mit drei Erfolgen aus den letzten sechs Partien die Abstiegsplätze verließ. Neben Achternmeer war der TV Falkenburg der am häufigsten genannte Kandidat für den bitteren Gang in die 1. Kreisklasse. Doch Siege in den Sechs-Punkte-Spielen gegen Rot-Weiß Hürriyet (4:3) und DTB (5:0) sorgten maßgeblich dafür, dass die Falken derzeit vor der Abstiegszone rangieren.

Dort sind seit einigen Wochen Hürriyet und der Delmenhorster TB scheinbar festgetackert. Für den Aufsteiger aus Hürriyet ist es schon allein deshalb enttäuschend, weil man ein viel höheres spielerisches Potenzial als die Mitkonkurrenten hat. In Bestbesetzung würde das bei voller Konzentration auf die wesentlichen Aufgaben für einen Platz in der oberen Tabellenhälfte reichen. Doch ebendiese Konzentration fehlte meistens. Damit verschliss man Aufstiegstrainer Mete Döner, sein Nachfolger Deniz Ekici hatte nach gutem Start (Siege gegen Ganderkesee und DTB) zudem mit Personalsorgen zu kämpfen. Die hat auch André Tiedemann beim Turnerbund zuhauf. Besonders im Abwehrverbund brachen Tiedemann reihenweise wichtige Säulen weg. Daraus resultieren 77 Gegentore (4,5 pro Spiel), zudem sorgt die lasche Trainingsbeteiligung für regelmäßige Einbrüche im Verlauf der zweiten Halbzeit. Und wenn selbst die Rentner auf der Tribüne am DTB-Platz „Ich kenne kaum noch einen der Spieler“ tönen, spricht das gegen eine intakte Mannschaft.

Gibt es noch Hoffnung für die Delmenhorster Sorgenkinder? Hürriyet täten zwei oder drei Zugänge zwecks Verbreiterung des schmalen Kaders schon sehr gut. Und der DTB hat im Frühling 2018 mit einer tollen Siegesserie nach ähnlich schwacher Hinrunde die Klasse gehalten. Dazu muss aber schon alles passen, denn auch Achternmeer ist in der Rückrunde traditionell deutlich stärker, Falkenburg holt aus seinen Möglichkeiten im entscheidenden Moment das Beste heraus, Huntlosen hat mit dem Kunstrasen und einer sehr kompakten Mannschaft Vorteile und der TV Jahn wird irgendwann auch wieder die Kurve kriegen.

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