Nachgefragt: Der HSG-Vorstandsvorsitzende Jürgen Janßen über den Abstieg und das Projekt 2020 „Für die 3. Liga braucht man 150 000 Euro“

Herr Janßen, nachdem die SG VTB/Altjührden in der Drittliga-Relegation verloren hat, steht der Abstieg der HSG Delmenhorst in die Verbandsliga fest. Was bedeutet das für die HSG?Jürgen Janßen: Für die HSG bedeutet der Abstieg erst mal gar nichts. Wir gehen in die neue Saison genauso wie wir in die Oberligasaison gegangen wären, machen also auf Oberliganiveau weiter.
16.05.2017, 00:00
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„Für die 3. Liga braucht man 150 000 Euro“
Von Michael Kerzel

Herr Janßen, nachdem die SG VTB/Altjührden in der Drittliga-Relegation verloren hat, steht der Abstieg der HSG Delmenhorst in die Verbandsliga fest. Was bedeutet das für die HSG?

Jürgen Janßen: Für die HSG bedeutet der Abstieg erst mal gar nichts. Wir gehen in die neue Saison genauso wie wir in die Oberligasaison gegangen wären, machen also auf Oberliganiveau weiter. Alle neuverpflichteten Spieler und auch der neue Trainer Jörg Rademacher kommen unabhängig von der Liga zur HSG. Wir halten weiter am Projekt 2020 fest.

Was beinhaltet dieses Projekt?

Delmenhorst soll im Jahr 2020 Drittliga-Standort im Handball werden. Dafür wollen wir im kommenden Jahr den Wiederaufstieg in die Oberliga schaffen, uns dort ein Jahr konsolidieren und dann in die Dritte Liga aufsteigen. Bis dahin müssen wir unsere Hausaufgaben machen. Wir haben jetzt drei Jahre Zeit, um die passenden Rahmenbedingungen für die Aufstiege zu schaffen. Die 3. Liga ist natürlich auch eine finanzielle Frage.

Um welche Summe geht es da?

Für die 3. Liga braucht man 150 000 Euro. Das ist mit Summen wie im Fußball natürlich nicht zu vergleichen, aber wir sind davon trotzdem noch weit entfernt. Handballspieler in der 3. Liga sind immer noch Amateure, wenn auch gut bezahlte. Wir haben jetzt die Aufgabe, Unternehmen in Delmenhorst und der Region zu finden, die mit uns diesen Weg gehen.

Ist die Stadt Delmenhorst als Standort denn bereit für Drittliga-Handball?

Die Bedingungen in der Stadionhalle sind nicht ausreichend. Es ist wünschenswert, dass die Stadt die Halle endlich renoviert. Wir warten da seit sechs Jahren drauf. Das Geld ist ja da. Und wir würden gerne eingebunden werden und gemeinsam erarbeiten, wie man die Halle gestalten kann. Derzeit ist das nicht professionell. Beispielsweise gibt es keine Möglichkeit, dass wir unsere Trainingsutensilien unterstellen und einschließen können. Wir mussten teilweise schon Kisten in den Heizungskeller stellen. Wir haben kein Vereinsheim und brauchen das auch nicht. Aber etwas professionellere Bedingungen bräuchten wir schon. Wir sind ein guter Werbeträger für die Stadt mit unseren vielen Teams im Erwachsenen- und Jugendbereich, die ständig in Norddeutschland unterwegs sind.

Außer dem Finanziellen, was fehlt der HSG derzeit noch?

Wir müssen unsere Struktur umstellen. Im Herbst wollen wir ein Konzept in Workshops erarbeiten, um uns neu aufzustellen. Ich werde dann den Vorstandsvorsitz an die nächste Generation weitergeben, bleibe aber in zweiter Reihe im Vorstand und konzentriere mich vor allem auf das Projekt 2020. Zusammen mit der Gesamtführung wäre das einfach zu viel, wodurch die Gefahr entstünde, Fehler zu machen. Und ich will keine Fehler machen. Wir schauen voraussichtlich ab Oktober, wer welchen Aufgabenbereich übernimmt und wer sich wie einbringen kann. Die Gesellschaft ändert sich ja auch. Die Jüngeren haben nicht mehr so viel Zeit wie ich jetzt gerade.

Der neue HSG-Trainer Jörg Rademacher ist ein wichtiger Baustein für das Projekt 2020. Was erwarten Sie von ihm?

Er wird der neue Taktschläger, nicht nur für die Erste Mannschaft. Nur für diese hätten wir ihn nicht geholt. Er gibt auch den Takt für die Zweite Herren und die A-Jugend vor. Jörg Rademacher soll die Richtung aufzeigen, beziehungsweise bestimmte Dinge vorgeben, die dann auch die Zweite und die A-Jugend befolgen. Der Kader von der Ersten wird relativ klein sein, aus der Zweiten sollen dann Spieler hochgeholt werden, falls nötig. Die Zusammenarbeit zwischen diesen Mannschaften im Verein sowie die Trainingsarbeit wird professioneller, zum Beispiel bekommt auch die Zweite einen Torwarttrainer. Die Trainingsintensität steigt – auch schon in der Verbandsliga kommende Saison. Wir hoffen auch, dass sich noch mehr talentierte Spieler für die HSG entscheiden werden. Genügend Talente gibt es in der Region.

Welche Rolle spielen die Zuschauer?

Die Zuschauer kommen zu unseren Spielen und das wird auch so bleiben. Beim letzten Spiel gegen den TV Bissendorf-Holte war die Stimmung hervorragend, obwohl wir den Klassenerhalt nicht geschafft haben. Genauso wie der Zusammenhalt der verschiedenen Mannschaften im Verein. Nach dem Spiel kam jemand aus dem Fußballbereich zu mir und sagte, dass es diesen Zusammenhalt und so eine Stimmung in so einer Lage im Fußball kaum noch gebe. Das war schon ein Ritterschlag.

Woran lag es, dass die HSG überhaupt in die Verbandsliga muss?

An einer Mischung aus Fahrlässigkeit und Pech. Der Saisonstart lief schon mal schlecht. Die Heimniederlage gegen die TSG Hatten-Sandkrug war ein Spiel unter aller Kanone. Und dann sind wir mit einem Kopfproblem durch die Hinrunde gegangen. Wir haben natürlich auf Besserung gehofft, und ab Januar lief es dann ja auch besser.

Bis zu den letzten beiden Spielen . . .

Da war dann der psychologische Druck wieder da. Das konnten die Spieler wohl nicht ab. Im finalen Spiel haben wir in den letzten Minuten viele leichte Bälle nicht getroffen. Das war Angst vor der Konsequenz. Es fehlte auch die Routine. Ein Spieler, der die Ruhe bewahrt in solchen Situationen.

Eine solche Rolle könnte Neuzugang Tim Coors künftig übernehmen . . .

Das kann er. Aber er kann das auch nicht alleine.

Das Interview führte Michael Kerzel.

Zur Person

Jürgen Janßen (59) hat den Vorstandsvorsitz bei der HSG Delmenhorst im Jahr 2009 übernommen. Zukünftig will er sich vor allem dem Projekt 2020 widmen, das die HSG in die Dritte Liga führen soll. Janßen ist seit 1996 bei der HSG und trainierte dort zunächst Jugendteams.
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