Finaleinzug bei den Australian Open

Für Kerber ist Down Under nun alles möglich

Am Sonnabend kann Angelique Kerber mit einem Triumph über Serena Williams eine lange deutsche Durststrecke bei Grand Slam-Turnieren beenden. Sie würde Steffi Graf ablösen, die 1999 die French Open gewann.
29.01.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörg Allmeroth

Am Sonnabend kann Angelique Kerber mit einem Triumph über Serena Williams eine lange deutsche Durststrecke bei Grand Slam-Turnieren beenden. Sie würde Steffi Graf ablösen, die 1999 die French Open gewann.

Nachdem sich ihr „halber Traum“ vom ersten Einzug in ein Grand-Slam-Finale erfüllt hatte, hatte Angelique Kerber nur noch einen Wunsch. „Steffi, bitte schreibe mir“, sagte die Kielerin nach ihrem Halbfinal-Sieg bei den Australian Open gegen Johanna Konta aus Großbritannien. Und auch dieser Wunsch ging für die deutsche Nummer eins in Erfüllung. In der Pressekonferenz nach dem nicht schönen, aber besonders wertvollen 7:5, 6:2 gegen Konta präsentierte Kerber stolz die Glückwünsche ihres Idols. „Ich gratuliere. Ich freue mich riesig. Liebe Grüße aus Las Vegas“, schrieb Steffi Graf.

Letztes Jahr scheiterte Angelique Kerber bei allen Major-Wettbewerben noch in der ersten Woche – vor allem, weil sie selbst wieder den meisten Druck auf sich ausübte. Nun meisterte sie alle Bewährungsproben, die Viertelfinal-Kür gegen die Weißrussin Azarenka, gegen sie sie vorher noch nie gewonnen hatte. Und nun auch die Halbfinal-Pflicht gegen die Britin Konta, das Alltagsgeschäft als Favoritin, bei dem es keinen Schönheitspreis zu verteilen gab. Kerbers Ego ist langsam, aber beharrlich stärker geworden, nicht zuletzt, weil ihr die Teilzeit-Beraterin Steffi Graf bei mancher gemeinsamen Trainingseinheit Mut gemacht hat. Den „Mut, ganz fest an sich zu glauben“. Den Gegnerinnen symbolisch die Faust zeigen, Stärke und Siegesgewissheit ausstrahlen.

Verrückt genug, dass im ersten Turnierspiel von Melbourne noch ein Desaster gedroht hatte. Gegen die Japanerin Misoki Doi musste Kerber einen Matchball abwehren. Danach war die Deutsche aber wieder ein Vorbild in Sachen Zuverlässigkeit. Alles wurde gut für die schnelle Kielerin, eine Athletin, die reifer, erwachsener und viel professioneller geworden ist. All das muss sie nun gegen Serena Williams zeigen, gegen die Beste der Welt. Im größten Spiel in Kerbers Tennisleben muss sie auch das stärkste Spiel jemals zeigen.

2011 noch am Boden

Dabei hatte die Tennis-Zukunft vor fünf Jahren für Angelique Kerber noch ziemlich düster ausgesehen. Beata Kerber hat die Szene noch genau vor Augen. Es war im Juni 2011, als Tochter Angelique als Erstrundenverliererin aus Wimbledon zurückkam. „Sie war total am Boden. Und dann sagte sie ohne lange Vorrede: Ich mache Schluss mit dem Tennis. Ich quäle mich, ich rackere pausenlos, aber es kommt nichts rum.“ Beata Kerber konnte ihre Tochter, die fest entschlossen war, das Profileben aufzugeben, nicht aufmuntern.

Angelique Kerber kann heute schmunzeln über die Episode damals im elterlichen Haus in Kiel, und sich selbst ein bisschen wundern, wie dann doch alles anders kam. Bald nach dem bitteren Wimbledon-Frust gab es mit dem sensationellen Einzug ins US-Open-Halbfinale 2011 so etwas wie einen Erweckungsmoment für Kerber, und seitdem geht es stetig bergauf. Am Donnerstag setzte die Norddeutsche mit polnischen Wurzeln ihrem langen Marsch in die Weltspitze mit ihrem Einzug ins Finale der Australian Open endgültig die Krone auf.

Es war der letzte Beweis, dass die einstige Meisterin der Unberechenbarkeit zu einer beständigen Spitzenkraft geworden ist. „Ihre Zähigkeit und Hartnäckigkeit sind wirklich bewundernswert“, sagt Barbara Rittner, die deutsche Fed-Cup-Chefin. Nun kann bloß noch eine den ersten deutschen Grand-Slam-Sieg seit Steffi Graf (1999 Paris) verhindern, im Endspiel von Melbourne – und das ist keine andere als die überragende Serena Williams. 21-malige Grand-Slam-Siegerin, Nummer eins der Welt. Und schon fünf Mal in Down Under erfolgreich. „Was habe ich gegen sie schon zu verlieren“, sagt Kerber, „ich werde noch mal alles, absolut alles geben. Ich gehe entschlossen raus auf den Platz.“ Eins hat sie allerdings schon vor dem ersten Ballwechsel im größten Spiel ihres Lebens erreicht: Platz vier der Weltrangliste.

Auch wenn es in ihrer Karriere nicht immer danach aussah: Kerber ist die wirksamste Exponentin des neuen deutschen Fräuleinwunders im Tourbetrieb gewesen – eine Spielerin, die der großen Leitfigur Steffi Graf charakterlich sehr verwandt ist. „Angie ist jemand, der das ganze Drumherum im Tennis eigentlich nicht braucht, diesen Glitzer und Glamour“, sagt ihr ehemaliger Trainer Benjamin Ebrahimzadeh, „sie liebt das Spiel selbst, diesen Zweikampf auf dem Platz.“ Beata Kerber beschreibt die Tochter als „jemanden, der nicht auffallen will und muss“. Nur kleinere Extravaganzen leistet sich Angelique Kerber: Den Tick, „so an die hundert paar Schuhe zu besitzen“. Und die Lust am schnellen Autofahren, ein wenig auf den Spuren von Weltmeister Sebastian Vettel, den sie „einfach stark“ findet: „200 Stundenkilometer auf der Autobahn, die sind nicht ungewöhnlich für mich.“

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