Fußball

„Ich bin ein Romantiker – das zerrt“

Im Sommer hört Stefan Schlie als Trainer des Bremen-Ligisten ESC Geestemünde auf. Im Interview mit dem WESER-KURIER spricht er über den Wertewandel im Fußball, fehlenden Respekt und zunehmenden Egoismus.
29.12.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Freye
„Ich bin ein Romantiker – das zerrt“

Der beste Zeitpunkt für den Abschied: ESC-Trainer Stefan Schlie hört im Sommer auf und wechselt in die Sportliche Leitung des Klubs.

Stefan Freye

Herr Schlie, bei der Bekanntgabe Ihres Rücktritts fiel der Hinweis: „Ich würde nicht von Müdigkeit sprechen, aber man verbrennt heute schneller.“ Wie war diese Aussage gemeint?

Stefan Schlie: Mir ist wichtig zu sagen: Ich gehe nicht mit Verdruss und bleibe ja auch beim ESC. Aber mich hat die Schnelllebigkeit des Fußballs eingeholt. Die Aufgabe eines Trainers ist umfassend, es wird immer schwerer, den Aufwand zu gewährleisten. Ich habe aber immer gesagt: Wenn es zur Belastung wird, mache ich es nicht mehr. Als Trainer muss man brennen.

Und nicht verbrennen. Insofern hat ihr Abschied als Trainer offenbar auch mit einer veränderten Situation zu tun?

Klar. Ich werde gerade jetzt im Winter mit der Kaderplanung konfrontiert. Das gab es früher nicht, da waren Wechsel im Winter verpönt. Das ist schon ein Problem, denn die grundlegenden Dinge verschwimmen. Im letzten Sommer wurden wir schon mit gerichtlichen Schritten konfrontiert.

Warum?

Da hat ein Spieler seinen Wechsel erzwungen, nachdem er bei uns zugesagt hatte. So etwas mag ich nicht. Da bin ich ein Romantiker. Ich bin verlässlich und werde manchmal enttäuscht. Das zerrt an einem.

Ist Ihr Verhältnis zu den Spielern heute belasteter als früher?

Nicht nur dort. Es geht auch um die Funktionärsebene. Früher hat man einen Kollegen im anderen Verein angerufen, wenn man an dessen Spieler interessiert war, und hat ihm von einer Kontaktaufnahme berichtet. Davon sind wir heute meilenweit entfernt. Da machen sich die Vereine untereinander schlecht, und das gehört sich nicht.

In Bremerhaven bemühen sich relativ viele Vereine um relativ wenig Spieler. Wird die Situation vielleicht dadurch verschärft?

Das kann ich schwer beurteilen. Ich glaube aber, dass auf dem Markt insgesamt weniger Respekt herrscht. Ich kann doch nicht einfach einen Spieler anrufen und erst mal seinen Verein schlecht machen. Das bedeutet für mich: Man muss sich heute etwas verbiegen, um alle interessanten Spieler zu bekommen. Ein anderes Problem ist, dass die Spieler schlecht beraten werden. Ob professionell, von ihren Trainern oder auch den Eltern, da fehlt es oft an der richtigen Einschätzung.

Dann hat sich für Sie also auf Seiten der Spieler eine Menge verändert?

Die Quantität an guten Spielern hat abgenommen, weil heute einfach weniger Fußball spielen. Die Fußballer sind aber besser ausgebildet und entsprechend begehrt. Wer aus der U 19-Verbandsliga kommt, hat in der Regel einige Angebote. Das verdreht manchem den Kopf. Zu uns sind Spieler gekommen, obwohl sie eigentlich in eine höhere Liga wollten – mit der Begründung, dass sie beim ESC ja erst einmal Spielpraxis sammeln könnten. Am Ende haben sie eine Saison auf der Bank gesessen, weil der Sprung in den Herrenbereich eben doch nicht so leicht ist.

Auf der anderen Seite zählen Sie mit 50 Jahren bereits zu den älteren Trainern in der Bremen-Liga.

Ja. Das ist wie im großen Fußball. Viele aus meiner Generation haben sich bereits verabschiedet.

Sprechen Sie die Sprache der Spieler?

Ja, das würde ich schon sagen. Ich bin relativ nahe dran an den Jungs. Deshalb mache ich ja auch zukünftig die Kaderplanung. Da ist eine Verbindung.

Aber Sie fühlen sich nicht ausreichend respektiert?

Ich glaube, das ist einfach der gesellschaftliche Wandel. Als ich 18 Jahre war, habe ich den Trainer grundsätzlich respektiert – auch wenn er es gar nicht verdient hatte. Heute musst du dir den Respekt erst einmal verdienen. Aber das ist normal.

Wo liegt dann das Problem?

Dass es manchmal einfach zu weit geht. Ich war als junger Mensch demütig. Heute sind junge Menschen in der Regel selbstbewusster, aber auch fordernder. Das sind sie von Zuhause so gewohnt, man kennt ja die Helikopter-Eltern. Deshalb ist der Teamgedanke im Fußball natürlich nicht ausgeschlossen. Aber er muss heute mehr erlernt werden als früher. Die Jungs sind eigentlich nicht viel anders als früher, nur anders geprägt. Insofern ist es auch meine Generation, die die Verantwortung trägt. Das sage ich immer den Bekannten, wenn sie über ihre Kinder schimpfen: Es ist doch deine Schuld.

Und diese Entwicklung macht das Leben eines Trainers heute schwer?

Das entscheidende Wort ist Egoismus. Wenn es darum ging, mal für die anderen zu grillen oder die Kabine zu fegen, war das früher kein Problem. Heute muss ich das sechsmal sagen. Initiative zu ergreifen, ist offenbar schwierig.

Und wenn den Spielern einfach das Bedürfnis zum gemeinsamen Grillen fehlt?

Klar, früher haben wir nach dem Training manchmal bis Mitternacht gesessen. Weil wir es so wollten.

Das ist heutzutage anders. Aber ist es so schlimm, wenn sich die Bedürfnisse der Spieler ändern?

Nein. Ich will auch niemandem etwas überstülpen. Es geht um die Initiative und darum, sich als Teil einer Gemeinschaft zu begreifen. Da erwarte ich eben, dass die Jungs von sich aus aktiv werden. Mein aktuelles Team lebt diesen Gedanken aber mittlerweile sehr gut.

Welche Rolle spielen die Sozialen Netzwerke im Traineramt?

Sie sind keine so große Belastung, spielen aber schon eine Rolle. Du hast ja ständig irgendwelche Meldungen in der Welt, bist als Trainer und Mannschaft omnipräsent. Das bedeutet, dass du dich ständig damit auseinandersetzen musst. Ich bin auch immer verwundert, wie viele Leute das eigentlich interessiert.

Was ja eigentlich positiv ist. Insgesamt lassen Ihre Worte aber schon auf eine gewisse Frustration schließen.

Das wäre aber das völlig falsche Wort. Ich leite aus der aktuellen Lage ab, wie es sich entwickeln wird. Mir war es beim Abschied vom Traineramt immer um den bestmöglichen Zeitpunkt gegangen. Jetzt höre ich noch mit einem guten Gefühl auf. Es geht ja auch anders. Jogi Löw ist Weltmeistertrainer, und doch hat man mittlerweile den Eindruck: Wenn er mal aufhört, geht er ohne die Wertschätzung, die er verdient hätte.

Sie gehen im Sommer und bleiben doch ein Teil der Sportlichen Leitung. Wohin soll der Weg des ESC Geestemünde führen?

Wir haben uns als Fünfter besser gefühlt als als Zwölfter. Also wollen wir den ESC im ersten Drittel etablieren. Mehr erst einmal nicht: Die Regionalliga ist aktuell für uns kein Thema.

Das Gespräch führte Stefan Freye.

Info

Zur Person

Stefan Schlie (50)

wechselte 2017 nach sieben Jahren als Trainer beim TSV Altenwalde zum ESC Geestemünde. Vor kurzem gab Schlie bekannt, dass er sein Amt im Sommer aufgeben und zukünftig in der Sportlichen Leitung des Vereins arbeiten wird. Der kaufmännische Angestellte lebt in Altenwalde, ist in der Windenergie-Branche tätig und Vater einer Tochter.

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