Fußball

Wunder von der Weser als letzte Hoffnung

Hartmut Konschal war Teil der Werder-Mannschaft, die 1980 zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte abgestiegen ist. Vor dem letzten Spieltag hat er nur noch wenig Hoffnung, dass es mit der Rettung klappt.
26.06.2020, 18:30
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Wunder von der Weser als letzte Hoffnung
Von Maurice Reding
Wunder von der Weser als letzte Hoffnung

Hartmut Konschal schwelgt auf der heimischen Terrasse in Erinnerungen an bessere Zeiten seines Herzensvereins.

Björn Hake

Wenn an diesem Sonnabend in der Fußball-Bundesliga um 15.30 Uhr der Anpfiff bei neun Spielen gleichzeitig ertönt, könnte es der vorerst letzte Anpfiff für den SV Werder Bremen im Oberhaus sein. Die Mannschaft von Trainer Florian Kohfeldt steht kurz vor dem zweiten Abstieg der Vereinsgeschichte. Werder muss sein Heimspiel gegen den 1. FC Köln gewinnen, Fortuna Düsseldorf als derzeitiger Inhaber des Relegationsplatzes bei Union Berlin gleichzeitig verlieren. Bei einem Düsseldorfer Remis würde den Grün-Weißen nur ein eigener Kantersieg mit vier Toren Unterschied helfen. Ein Szenario, das nicht unmöglich ist, aber auch nicht sehr wahrscheinlich. Dementsprechend gehen viele Werder-Fans mit keinem guten Gefühl in den letzten Spieltag. Einer, der das Gefühl eines Abstiegs kennt, ist Hartmut Konschal. Der ehemalige Abwehrspieler stieg mit Werder 1980 zum ersten Mal in die 2. Bundesliga ab.

40 Jahre später könnte es die Grün-Weißen wieder treffen. „Ich hoffe natürlich, dass Werder nicht absteigt. Ich habe mit meinem Schwiegersohn das Spiel gegen Mainz gesehen. Die Statistik gibt den Tabellenplatz wieder. Ich habe deshalb kein gutes Gefühl für den letzten Spieltag“, ist Konschal, der seit 1978 im Achimer Ortsteil Embsen lebt, nicht gerade optimistisch. Um doch noch den Abstieg zu vermeiden, müsse schon ein Wunder von der Weser her, sagt Konschal. „Aber die liegen schon ein paar Jahre zurück. Es wäre mal wieder an der Zeit. Nur diesmal müsste es ein großes Wunder sein“, hat der 67-Jährige keine großen Hoffnungen, dass sich Geschichte von früher wiederholt.

Konschal weiß nur zu gut, wie es sich anfühlt abzusteigen. Mit Eintracht Braunschweig musste er 1973 den Gang in die damalige 2. Liga, die Regionalliga Nord, antreten. Sieben Jahre später war er dann Teil des Werder-Teams, das zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte abstieg. „Da war man erst mal damit beschäftigt, das zu verarbeiten. Das hat seine Zeit gebraucht. Wenn man aus dem Haus gegangen ist, wurde einem ‚Absteiger‘ zugerufen. Aber das legte sich nach einer Woche“, erzählt Konschal.

Mit Braunschweig und Werder schaffte der Abwehrspieler beide Male den direkten Wiederaufstieg. „Das war eine andere Konstellation, als sie jetzt ist. Wir haben das Thema angesprochen und mit fast der gleichen Mannschaft weitergemacht. Auch die Bezahlung war gleich. Wir haben dann gesagt, dass wir das Ding durchziehen. Man wollte es wiedergutmachen.“ Bei einem erneuten Abstieg würde sich das Gesicht der jetzigen Mannschaft stark verändern. „Das wäre ein völliger Umbruch. Die Leihspieler wären schon mal weg. Und von den anderen hat sich keiner richtig zum Verein bekannt. Da sind bei Spielern wie Davy Klaassen, Milot Rashica oder Jiri Pavlenka viele Fragezeichen“, bemängelt der 67-Jährige, dass sich keiner dem Verein richtig verbunden fühlt.

Der Abstieg würde einen Neubau des Teams nach sich ziehen. „Da brechen dann ja zehn bis zwölf Spieler weg. Der Verein wird sich bereits Gedanken gemacht haben, wer bleibt und wen man kriegt. Aber mit weniger Fernsehgeldern und ohne Zuschauer sind sie finanziell gewaltig eingeschränkt. Die Spieler, die beim Klassenerhalt nicht bleiben würden, würden in die 1. Liga oder ins Ausland gehen“, sieht Konschal keine leichte Saison auf die Bremer zukommen. „Und selbst wenn man in der Bundesliga bleiben würde, ist die Frage: Welche Spieler bekommt man? Die Saison würde nicht viel besser werden.“

Doch wie konnte es so weit kommen, dass der Verein, der vor der Saison die Europa League als Saisonziel ausgegeben hat, vor dem zweiten Abstieg der Vereinsgeschichte steht? „Es ist ein Problem der Mannschaft. Wenn man solche Fehler macht, sagt das etwas über die Qualität aus. Sie haben nach Standardsituationen so viele Gegentore kassiert. Da hat Pavlenka noch einige Tore verhindert“, sieht Konschal die Mannschaft in der Verantwortung. Neben dem schlechten Abwehrverhalten macht der Ex-Werder-Spieler auch die Offensive für die Misere mitschuldig. „Es hat die Durchschlagskraft gefehlt. Niclas Füllkrug war lange verletzt, Rashica hat seit Dezember kein Tor mehr gemacht und Claudio Pizarro hat leider nicht mehr für Überraschungsmomente gesorgt. Da kann man dann nicht im oberen Mittelfeld mitspielen“, führt Konschal die weiteren Probleme auf. Hinzu kommt die desaströse Heimbilanz von bisher sechs Punkten. „Die Heimbilanz spricht für sich. Die Mannschaft ist den Gegnern nicht kämpferisch begegnet“, kritisiert Konschal.

Den Abgang von Max Kruse haben die Grün-Weißen offensichtlich unterschätzt. Für den Fixpunkt der vergangenen Saison hatten die Bremer – auch mangels Alternativen und wegen geringem finanziellen Spielraum – keinen adäquaten Ersatz geholt. „Das Fehlen von Kruse hat sich bemerkbar gemacht. Er hat Tore geschossen und die Mannschaft mitgerissen. Es aber an einem Spieler festzumachen, ist mir zu einfach“, sagt Konschal. Der Ex-Werderaner nimmt Trainer Florian Kohfeldt und die Verantwortlichen explizit in Schutz. „Man sollte den Trainer und den Vorstand nicht attackieren. Sie haben getan, was man machen konnte. Es liegt an den Spielern. Die Zeit der Glückskäufe ist vorbei, da war Rashica der letzte.“ Generell habe es diese Saison keine Kontinuität gegeben, um unten rauszukommen. „Nach dem 5:1 gegen Paderborn und dem 0:1 gegen Bayern hatte man noch Hoffnung. Als Düsseldorf aber dann in Leipzig noch unentschieden gespielt hat und Mainz in Dortmund gewonnen hat, konnte man als Werder-Fan schlecht schlafen“, erzählt Konschal, der den SV Atlas Delmenhorst einst in die Drittklassigkeit führte und auch den Brinkumer SV trainierte.

Sollte Werder absteigen, könnte dies auch ein Neustart für den Verein sein. „Die Aussichten in der 2. Liga wären besser. Man könnte mit einem vernünftigen Plan eine schlagkräftige Truppe zusammenstellen. Da hätten die Spieler mehr Motivation als zu ahnen, dass es in der Bundesliga wieder schwer werden würde“, kann Konschal einem Abstieg auch etwas Positives abgewinnen. Ob Florian Kohfeldt diesen Weg mitgehen würde, erscheint zumindest fraglich. „Das ist seine persönliche Entscheidung. Wenn er Angebote von anderen Vereinen hat, wird er auch zu kämpfen haben, ob er weitermachen will oder nicht. Da kann man ganz schlecht reingucken. Er hat sich als Trainer aber gut verkauft“, findet Konschal ausschließlich lobende Worte für den Werder-Coach.

Wenn um 15.30 Uhr der Anpfiff zum letzten Mal in dieser Saison ertönt, wird Hartmut Konschal vor dem Fernseher sitzen. Und er hofft, dass es doch noch zu einem Wunder von der Weser kommt. Einen Tipp lässt er sich nicht entlocken. „Es wird auf jeden Fall spannend. Das ist so schlecht einzuschätzen. Es ist wie ein Sechser im Lotto. Die Kölner werden nicht freiwillig verlieren“, glaubt der Ex-Werderaner. Ein Fünkchen Resthoffnung hat er trotzdem, auch wenn er sagt: „Die Realität sieht leider anders aus.“ Wenn gegen 17.20 Uhr der Abpfiff ertönt, weiß auch Konschal, ob sein geliebter Verein erneut den bitteren Gang in Liga zwei antreten muss. Vielleicht hilft ja doch ein Wunder von der Weser – auch wenn es diesmal ein großes sein muss.

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