Fußball-Kreisliga

Eine ungewöhnliche Spielzeit steht bevor

In dieser Saison spielen die Kreisligisten in zwei Staffeln. Während in Gruppe A der Ahlhorner SV favorisiert ist, gibt es in Gruppe B mehrere Anwärter auf den Spitzenplatz.
02.09.2020, 16:22
Lesedauer: 6 Min
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Von Ralf Kilian

Fernsehkommentatoren überschlagen sich gerne mal bei einer Saisonvorschau, sprechen von der „besten 2. Liga der Welt“ oder der „ausgeglichensten 3. Liga aller Zeiten“. Beim Ausblick auf die Fußball-Kreisliga Oldenburg-Land/Delmenhorst darf man dieses Mal ausnahmsweise ebenfalls Superlative bemühen. Nach der ungewöhnlichen Saison 2019/20 könnte die Spielzeit 2020/21 nämlich noch mal weitaus ungewöhnlicher werden.

Dafür sorgt schon allein der Modus mit der erstmaligen Teilung der Kreisliga in zwei Staffeln. Die Gruppe A beginnt schon an diesem Freitag mit der Auftaktpartie des TV Dötlingen gegen den SV Achternmeer. Diese Neuner-Staffel darf zwei Wochen früher starten als die Gruppe B, die nur mit acht Teams bestückt ist. Absolviert werden eine Hin- und eine Rückrunde, somit kommen die Teilnehmer der B-Gruppe auf nur 14 Punktspiele. Wobei: Der TV Jahn Delmenhorst hatte in der abgebrochenen Vorsaison ebenfalls nur 14 Partien absolviert, danach kamen die Winterpause und der Corona-Lockdown. Wenn die Violetten am Sonntag zum Derby beim KSV Hicretspor antreten, beenden sie eine Punktspielpause von sage und schreibe 316 Tagen.

Der Modus mit der Liga-Teilung wird von den meisten Übungsleitern hingenommen, wenn auch zähneknirschend. Gerade die Favoriten wie der Harpstedter TB, Ahlhorner SV und TSV Großenkneten hätten sich mehr Spiele gewünscht. Zumal sie wissen, dass man sich von Anfang an keine Ausrutscher leisten kann. Dafür waren in den vergangenen beiden Jahren die Fehlstarter aus Ahlhorn berüchtigt, aber auch Harpstedt kam in Hin- und Rückrunde traditionell gemächlich aus den Blöcken. Wer diesmal nicht gleich zum Start topfit ist, wird nicht genug Gelegenheiten haben, um liegen gelassene Punkte wieder wettzumachen.

Ahlhorn der Favorit in Gruppe A

Zum Zeitpunkt des jetzigen Saisonstarts hatte die Kreisliga im Vorjahr schon sechs komplette Spieltage absolviert, diesen Rückstand kann man nicht mehr aufholen. Eine 17er-Liga mit normaler Doppelrunde würde 34 Spieltage implizieren – dieses Szenario ist völlig undenkbar. Zumal die Staffelleitung auch den schlimmsten Fall eines erneuten Lockdowns einkalkulieren musste. Zur Not müsste auch eine einfache, zudem geteilte Runde mit nur sieben beziehungsweise acht Spielen reichen, um Meister und Absteiger zu ermitteln. Wie der Fall Ahlhorn gezeigt hat, wo ein mit Corona infizierter Spieler die nötige Quarantäne nicht einhielt und damit der ganzen Mannschaft eine zweiwöchige Zwangspause bescherte, drohen immer wieder Spielabsagen.

In Ahlhorn gab es durch den Corona-Fall zudem drei Testspiel-Absagen, mitten in der Saisonvorbereitung ist das natürlich höchst unpassend. Trainer Servet Zeyrek war dann auch sehr froh, dass man die für den ersten Spieltag geplante Partie gegen den VfR Wardenburg verlegen durfte. Wohl auch wegen dieser Unregelmäßigkeiten steht der zweimalige Vizemeister „nur“ bei zwölf der 17 Mannschaften auf dem Tippzettel als kommender Meister. Zeyrek gibt auch lediglich „oben mitspielen“ als Ziel aus. Wobei er natürlich den Staffelsieg anpeilt. Der würde dann zur Teilnahme am Meisterschaftsfinale gegen den Gewinner der B-Staffel berechtigen. Nur der Sieger dieses Endspiels steigt in die Bezirksliga auf.

In der Staffel A scheint Ahlhorn relativ konkurrenzlos zu sein. Die Einteilung der Staffeln wurde nach dem Punktequotienten des Vorjahres vorgenommen. Damals war Ahlhorn Zweiter, Dötlingen Vierter und Wardenburg Sechster. Allerdings haben beide Klubs mit Johann Hannink und Roman Seibel (TVD) beziehungsweise Kilian Schrinner und Tim Conring (VfR) erfahrene Stützen verloren. Trotzdem ist die Teilung gemäß der Leistung aus der Vorsaison wesentlich gerechter als eine regionale Aufteilung. In letzterem Fall hätten die vier Delmenhorster Vereine TV Jahn (im Vorjahr auf Platz 8), Rot-Weiß Hürriyet (10), KSV Hicretspor (14) und TuS Hasbergen (15) mit dem TSV Ganderkesee (9), VfL Stenum II (13), TV Falkenburg (16) und FC Hude II (Aufsteiger) zusammengespielt. Das wäre also fast die komplette untere Hälfte der Kreisliga gewesen.

Immerhin ergeben sich in der Staffel A Chancen zur Überraschung, beispielsweise für den TV Jahn. Trainer Arend Arends möchte mit seiner Elf „wieder ein Stück besser werden“, was durchaus möglich erscheint. Zwar sind mit Pascal Sroka (zu Baris) und Paul Leis (pausiert) zentrale Stützen weggebrochen, doch die Neuen aus der A-Jugend und aus Stenum (alles frühere Jahner) beanspruchen ebenfalls Stammplätze. Ganz entscheidend wird sein, ob Florian Kröger das ewige Torwartproblem am Brendelweg lösen kann.

Das ist überhaupt in Delmenhorst eine große Sache. Bei Hicretspor plant Trainer Timur Cakmak mit Milhan Yavas zwischen den Pfosten. Der kommt vom TV Oyten und war dort ein super Keeper – beim Handball. Ansonsten scheint der Kader sehr sinnvoll verstärkt zu sein. Cakmaks Ziel bei der Planung war, endlich mal Konkurrenzkampf aufkommen zu lassen. Training war bei Hicret nämlich lange eher verpönt, was zu regelmäßigen Einbrüchen ab der 60. Minute führte.

Rot-Weiß Hürriyet war schon immer eine Wundertüte – und wird jetzt noch mehr eine sein. Der Kommentar von Spieler-Co-Trainer Ibrahim Ekici zum Saisonmodus: „Als Sportler müsste ich die Planung mit den wenigen Spielen eigentlich blöd finden. Aber vermutlich ist es unsere Chance, gut durch die Saison zu kommen.“ Ekici (eigentlich Abwehrchef) selbst muss wahrscheinlich öfter das Tor hüten, als ihm lieb ist, und Trainer Murat Turan wird sich selbst aufstellen müssen. Grund ist, dass der Kader durch die Abgänge zahlreicher Bremer Spieler deutlich geschrumpft ist. Aber wie das auch nur bei Hürriyet üblich ist, wurde kurz vor Transferschluss noch ein halbes Dutzend Neuzugänge gewonnen.

Durchaus überraschen könnte das letztjährige Schlusslicht TV Falkenburg dank der Neuzugänge Lennart Höpker und Ole Stolle, beide werden den zweitschwächsten Angriff der Vorsaison deutlich aufpeppen. Der neue Chef Jan Badberg peilt dann auch gleich selbstbewusst Rang fünf an. Etwas tiefer dürfte der solide FC Huntlosen einlaufen. Aufsteiger SV Achternmeer wird sich natürlich auf den Abstiegskampf einstellen müssen, hat aber zwei Trümpfe: Neuzugang Sven Hörnlein und die Anstoßzeit am Sonntagmorgen um 11 Uhr.

Alles in allem scheint die Staffel B etwas leistungsstärker zu sein. Hier spielen mit dem Harpstedter TB, dem TV Munderloh und dem TSV Großenkneten gleich drei der genannten Favoriten. Der HTB und der TVM wurden immerhin achtmal favorisiert, Großenkneten fünfmal. Harpstedts Trainer Jörg Peuker zeigt sich mit dem Modus „so gar nicht einverstanden. Wir beginnen sehr spät, hören früh auf und fangen dann im Frühling sehr spät wieder an. Zwischendurch haben wir fünf Monate Winterpause. Wie soll man da die Spannung hochhalten?“, meint er. Eigentlich wäre der HTB der logische Staffelsieger nach zwei dritten Plätzen, doch die Konkurrenz ist zahlreich. Immerhin erscheint das Auftaktprogramm (gegen Hasbergen, bei Hude II und Wildeshausen II) lösbar, um den üblichen Fehlstart zu umgehen.

Rennen um die Spitzenplätze

Im Gegensatz dazu duellieren sich Großenkneten und Munderloh gleich am zweiten Spieltag. Der TSV hat zwar Stammkeeper Sören Willers nach Wildeshausen abgeben müssen, aber ein Torwartproblem gab es in Großenkneten noch nie – dank der Torwartschule der Familie Paradies. Mit Sven Peters und Andre Reimann kommen langjährige Leistungsträger zurück, die das Ziel von Trainer Kai Pankow, „in unserer Staffel ordentlich mitmischen“, mit Leben füllen sollen. Zwar musste man Torjäger Lucas Abel (BV Essen) abgeben, dafür tastet sich der langzeitverletzte Mattis Asche wieder heran. Ähnliche Pläne hat Coach Bendix Schröder in Munderloh, beim letztjährigen Fünften soll noch weiter „oben mitgespielt“ werden. Der Ex-Dötlinger Johann Hannink könnte dabei sehr wertvoll werden.

Ebenfalls ambitioniert ist man beim TSV Ganderkesee, wo die Trainer Stephan Schüttel und Timo Obal insbesondere Jeremias Holtorp vom FC Hude als Verstärkung begrüßen und ins obere Drittel wollen. Eher nicht in Abstiegsgefahr sollten die Reserveteams aus Wildeshausen und Stenum geraten. Beide gehen mit einem neuen Trainer in die Saison, wobei Maurice Kulawiak in Stenum noch mehr aus dem Vollen schöpfen kann als Georg Zimmermann im Krandel. Die Landesliga-Reserve ist zumindest quantitativ etwas dünner besetzt als die Stenumer Zweitvertretung. Am Kirchweg produziert die weit und breit beste Nachwuchsarbeit dicke Früchte, damit kann man auch Titelfavoriten überraschen.

Um den einzigen Abstiegsplatz wird es vermutlich zwischen dem TuS Hasbergen und dem Aufsteiger FC Hude II gehen. Am Tell setzt der neue Trainer Martin Janko auf die Hasberger Verschworenheit, die vor drei Jahren zum Aufstieg und danach zu einem sicheren Mittelfeldplatz geführt hatte. In der vergangenen Saison war das komplett abhandengekommen. Der FC Hude II hat sich den Aufstieg mehr als verdient, der große Vorsprung hätte der Mannschaft von Bengin Barispek wahrscheinlich schon um Ostern herum den Gang nach oben gesichert.

Also quasi kurz vor Corona. Das Virus wird sicher noch lange das Hauptthema bei den Fußballern sein, egal ob Bundes- oder Kreisliga. In dieser komprimierten Saison werden nicht nur profane Dinge wie fußballerische Fähigkeiten oder Verletzungsprobleme eine Rolle spielen. Vielmehr wird es auf Vernunft und Verantwortungsbewusstsein ankommen, um nicht das Virus in die Mannschaft einzuschleppen und sie damit lahmzulegen. Die verantwortlichen Trainer werden wohl nicht traurig sein, dass ihre Schützlinge sich in diesem Winter nicht beim Fasching und ähnlichen Events vergnügen können, weil diese weitgehend ausfallen. Wer sich den Gegebenheiten am besten anpasst, wird am Ende triumphieren. Und natürlich freuen sich alle darauf, überhaupt wieder kicken zu dürfen. Das Schlusswort hat deshalb Wardenburgs Trainer Sören Heeren: „Ich bin einfach froh, wenn es wieder losgeht nach so langer Zeit, und freue mich riesig auf die Saison.“

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