Fußball

Traumziel Werder Bremen

Physiotherapeutin Nane Heitmann kümmert sich um die Gesundheit des Bundesliga-Nachwuchses des SV Werder Bremen. Ihre heilenden Hände sind jedoch auch beim SV Bruchhausen-Vilsen noch in bester Erinnerung.
03.08.2020, 18:55
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Von Sven Hermann
Traumziel Werder Bremen

Die Werder-Raute auf der Brust, das Weserstadion im Hintergrund: Als Physiotherapeutin von Werder lebt Nane Heitmann ihren Traum.

Privat

Bremen. „Wenn du irgendwann mal auf einer Trainerbank bei den Profis landest, hältst du bitte einen Platz für mich frei“, hatte Jörn Meyer, aktueller Co-Trainer des Bezirksliga-Aufsteigers SV Bruchhausen-Vilsen einst im Scherz zu seiner Physiotherapeutin Nane Heitmann gesagt. Beide arbeiteten in der Vergangenheit lange Jahre in Vilsen zusammen und feierten während dieser Zeit drei Kreispokalsiege. Ihrem Traumziel, einen dieser begehrten Plätze auf der Bank eines Erstligisten zu ergattern, ist Nane Heitmann inzwischen ein gewaltiges Stück nähergekommen. Seit mehr als zwei Jahren betreut sie den U19-Nachwuchs des Bundesligisten SV Werder Bremen. Die erste Etappe auf diesem Weg, eine Anstellung bei ihrem erklärten Traumziel Werder, hat Heitmann damit bereits verwirklicht.

Seit Juli 2018 ist die ehrgeizige Physiotherapeutin für die U19 der Grün-Weißen zuständig. Bis zur Corona-Unterbrechung war ihr Team in der Bundesliga Nord/Nordost glänzend unterwegs, rangierte mit vier Punkten Vorsprung vor dem VfL Wolfsburg an der Ligaspitze. Nur das Lospech verhinderte den Einzug in die Uefa Youth League, die Königsklasse der A-Junioren. Um das erfolgreiche Team, das am 20. September in die neue Bundesliga-Saison startet, kümmert sich Heitmann während der Trainingswoche und an den Spieltagen. Weite Auswärtsfahrten sind an den Wochenenden an der Tagesordnung. „Alles, was weiter als Magdeburg geht, ist eine Übernachtungsfahrt“, sagt Heitmann.

Ein offenes Ohr für die Talente

Auch die physiotherapeutische Betreuung der U15 liegt während der Trainingswoche in ihren Händen, ihre zweite Aufgabe im Verein. Präventives und analytisches Arbeiten ist dabei gefragt. „Ich bin für die Jungs immer ansprechbar. In Zusammenarbeit mit der Athletik-Abteilung und dem Trainerteam erarbeite ich Konzepte und Pläne zur optimalen Behandlung der Spieler. Diese sollen helfen, das Optimale aus ihnen herauszuholen. Das Schönste ist, einfach für die Jungs da zu sein, auch mal zuzuhören. Als Frau bin ich da nochmal ein anderer Ansprechpartner als der Trainer“, verrät Heitmann, für die es jedoch kein Problem darstellt, die nötige Distanz zu wahren. „Das gelingt gut. Schwieriger ist, dass man unheimlich viel Verantwortung hat. Die Akteure, die sich möglicherweise auf dem letzten Step zum Profitum befinden, legen quasi ihre Gesundheit in meine Hände. Es ist mitunter nicht leicht, richtig zu selektieren. Bei Verletzungen muss man richtig einschätzen können, ob der Spieler wieder einsatzbereit ist oder doch noch eine Pause braucht“, weiß Heitmann, die sich beim SVW und der Mannschaft pudelwohl fühlt.

Sie lobt das Team der vergangenen Saison in höchsten Tönen, auch das Trainer- und Betreuerteam habe sehr gut zusammengearbeitet. "Trainer Marco Grote als Vater der Kompanie ist es gelungen, alles so zu koordinieren und zu leiten, dass wir erfolgreich waren.“ Grote hat Werder inzwischen verlassen und ist Chefcoach beim VfL Osnabrück in der 2. Bundesliga. Seinen Nachfolger hat Heitmann bereits ins Herz geschlossen: "Mein neuer Trainer Christian Brandt ist auch super", sagt sie. Zum Team des Leistungszentrums gehört übrigens auch Christian Schult, der sich als Fußballer bei der TSG Seckenhausen-Fahrenhorst in hiesiger Region einen Namen gemacht hat und bei Werder im Bereich Videoanalyse tätig ist.

Die Corona-Krise veränderte auch den Arbeitsalltag von Nane Heitmann gehörig. Sie war in Kurzarbeit, war zwei Stunden täglich im Einsatz. Spieler, deren medizinische Betreuung akut notwendig war, wurden betreut. Auch in der Profikabine war die Unterstützung der in Neubruchhausen aufgewachsenen Heitmann gefragt. „Die viele Freizeit habe ich mir mit Laufen und Spaziergängen vertrieben. Ansonsten habe ich eigentlich das gemacht, was alle gemacht haben, habe aufgeräumt, sauber gemacht und bin zu Hause geblieben", erzählt sie. Mittlerweile ist sie wieder voll im Einsatz.

Schon während der Schulzeit in der Oberstufe reifte in Heitmann, die im Bremer Stadtteil Hastedt lebt, der Entschluss, Physiotherapeutin zu werden. „Mein Vater ist Spediteur. Eigentlich wollte ich in diesem Bereich nach der Schule zunächst auch tätig werden, doch ich bin einfach kein Büromensch“, stellte sie fest. Nach dem Abitur im Jahr 2007 absolvierte sie in Delmenhorst auf einer Fachschule die dreijährige Ausbildung zur Physiotherapeutin. 2010 landete sie in Bruchhausen-Vilsen im Therapie-und Sportzentrum von Stefan Wolters, unter dessen Regie sie acht Jahre lang arbeitete. Wolters, früher selbst als Physiotherapeut bei Werder tätig, stellte später den Kontakt zum SVW her. Nebenher behandelte Heitmann von der Saison 2011 bis zur Winterpause der Saison 2015/2016 auch die Spieler des SV Bruchhausen-Vilsen und feierte an der Seite von Jörn Meyer in dieser Zeit einige sportliche Erfolge.

Fünfmal hintereinander zogen die Lilahemden ins Kreispokalfinale ein, gewannen die Trophäe dreimal. „Nane war fachlich sehr kompetent, brachte von ihren Lehrgängen immer neue Vorschläge mit. Sie war immer sehr wissbegierig und hat schon damals gemerkt, dass sie in diesem Beruf weiterkommen will. Sie konnte andere mitnehmen und ihre stets gute Laune war schon ansteckend. Sie war für jede Schandtat zu haben. Ich glaube, ihr Traum ist wahr geworden. Werder war schon immer ihr Ding“, erinnert sich Meyer gern an seine ehemalige Physiotherapeutin zurück. „Es war sowohl vom sportlichen als auch menschlichen her eine tolle Zeit in Vilsen. Ich bin auch aktuell immer gut im Bilde, was dort so passiert, informiere mich auch über die Spiele. Zu einigen ehemaligen Wegbegleitern habe ich noch Kontakt“, sagt Heitmann.

Die Chance bei Werder genutzt

Durch den Kontakt des Bremer Physiotherapeuten Jens Uhlhorn landete Heitmann in der Winterpause der Saison 2015/16 beim niedersächsischen Oberligisten TB Uphusen, arbeitete dort an der Seite der Coaches Dennis Offermann, Benedetto und Fabrizio Muzzicato. „Ich konnte sowohl in Vilsen als auch in Uphuser Zeiten unheimlich viel mitnehmen und habe viel gelernt. Das war genau der richtige Weg für mich, um Erfahrungen zu sammeln." Durch den Kontakt ihres damaligen Chefs Stefan Wolters gelangte die ambitionierte Physiotherapeutin 2016 auch zum SV Werder. „Das war reiner Zufall. Eine Physiotherapeutin zog sich einen Kreuzbandriss zu. Daraufhin durfte ich einspringen und aushelfen. Neben dem Fulltime-Job bei Stefan kümmerte ich mich weiterhin parallel um die Belange der Uphuser Spieler und arbeitete fünf bis zehn Stunden pro Woche für Werder“, schilderte Heitmann die arbeitsintensivste Phase ihres Lebens.

Ihr Fleiß wurde belohnt. Nachdem sie zwei Jahre nebenbei bei Werder gejobbt hatte, stieg sie im Juli 2018 hauptberuflich dort ein. Sie entschied sich bewusst für ihr Traumziel, obwohl sie auch beim Frauenfußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg oder in der Leichtathletik-Abteilung von Bayer Leverkusen hätte einsteigen können. Woher ihr Faible für den Fußball kommt, kann sich Heitmann, die selbst nie in diesem Sport aktiv war, nicht so richtig erklären. „Mein Vater und Bruder haben Fußball gespielt, vielleicht rührt es daher. Ich habe aber immer Sport gemacht, spielte Volleyball beim SC Twistringen“, erklärt sie. „Ich bin glücklich mit dem, was ich momentan tue. Der Job erfordert ein megamäßiges Maß an Flexibilität von mir. Doch das fordere ich von mir selbst ebenfalls. Ein großer Traum von mir ist die Bundesliga. Auch deswegen bin ich Physiotherapeutin geworden“, gesteht Heitmann.

Neben den professionellen Strukturen schätzt sie auch das familiäre Miteinander beim Bundesligisten. „An einem Montag lief mir beispielsweise Bundesliga-Coach Florian Kohfeldt über den Weg und fragte, wie denn unser Spiel am Wochenende verlief. Es ist wirklich so familiär bei Werder, wie es immer beschrieben wird“, verrät sie. „Hier sind ein Haufen Menschen ausschließlich dafür da, sich um die Jungs zu kümmern“, schätzt Heitmann, deren weitere Hobbys das Skifahren und die Theater-Schauspielerei sind. „Der jährliche gemeinsame Skiurlaub in stets großer Gruppe mit Familie und Nachbarn in Südtirol wurde in diesem Jahr wegen des Corona-Ausbruchs abgesagt. Bei mir hätte es allerdings auch beruflich nicht geklappt“, sagt Heitmann, die früher in Reihen des TSV Süstedt plattdeutsches Theater spielte. „Das war cool. Vielleicht ist das dann möglicherweise was für später“, scherzt sie.

Ihre aktuelle Rolle ist die der erfolgreichen, ehrgeizigen und ambitionierten Physiotherapeutin im Juniorenbereich Werders. Nicht auszuschließen, dass sie in Zukunft auch auf der Bank und in der Kabine des Bundesliga-Teams zu sehen sein wird.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+