Fußball

Von der Kunst des Toreschießens

Stürmer-Legende Gerd Müller wird am Dienstag 75 Jahre alt. Der „Bomber der Nation“ war bekannt für seinen Torriecher. Doch was ist das überhaupt? Kann man ihn erlernen oder hat man ihn einfach?
02.11.2020, 17:55
Lesedauer: 6 Min
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Von Thorin Mentrup
Von der Kunst des Toreschießens

Ein Bild, das in die Sportgeschichte eingegangen ist: Gerd Müller zieht ab, der Niederländer Ruud Kroll kommt zu spät. Es ist das Siegtor im WM-Finale 1974 – und einer von 68 Müller-Treffern im Dress der deutschen Nationalmannschaft.

DPA

Landkreis Diepholz. Gerd Müller war der beste Stürmer seiner Zeit. Er schoss den FC Bayern München mit 365 Bundesligatoren – natürlich ein Rekord – zu mehreren Deutschen Meisterschaften und gewann den Europacup der Landesmeister. Sein Treffer gegen die Niederlande bescherte der deutschen Nationalmannschaft im Jahr 1974 den Weltmeistertitel. Drehung, Schuss, Tor – bei Müller, der an diesem Dienstag 75 Jahre alt wird, sah das alles so einfach aus. Aber ist es das auch? Was zeichnet einen guten Stürmer aus? Sein Torriecher, sein Instinkt? Oder machen nur hartes Training und eine Portion Glück aus einem ordentlichen Angreifer einen Klasse-Knipser? Vier Stürmer erzählen von der Kunst des Toreschießens.

Wenn es im Kreis Diepholz um treffsichere Stürmer geht, dann fällt der Name Saimir Dikollari immer wieder. Der 36-Jährige, der seit dieser Saison beim SC Twistringen als spielender Co-Trainer aktiv ist, ist seit mehr als einem Jahrzehnt der Torjäger vom Dienst. Vor allem beim Brinkumer SV hat er getroffen, wie er wollte, verabschiedete sich standesgemäß mit einem Viererpack gegen Habenhausen. Wer also sollte besser wissen, was es mit dem Toreschießen auf sich hat? „Das ist so eine Mischung: 70 Prozent sind in dir, die restlichen 30 Prozent kannst du dir erarbeiten“, lautet sein Ansatz. Die Intuition und eine gewisse Gabe zur Antizipation und Handlungsschnelligkeit habe man im Blut, den Rest, das Lesen des Spiels etwa, lerne man im Laufe der Karriere. Ein Beispiel: Der heutige Robert Lewandowski sei mit dem aus seiner Anfangszeit bei Borussia Dortmund nicht zu vergleichen. Der Pole, mittlerweile bei Müllers Bayern, sei durch harte Arbeit und Erfahrung zu dem Stürmer geworden, der er heute sei: der Beste der Welt. „Aber auch er hatte von Beginn an einen Torriecher in sich“, ist Dikollari überzeugt.

Twistringens Saimir Dikollari.

Twistringens Saimir Dikollari.

Foto: Thorin Mentrup

Auch er selbst ist ein Beleg dafür, dass sich ein Angreifer entwickeln kann. Beim TSV Melchiorshausen etwa war er nicht als Knipser bekannt. Diesen Namen machte er sich so richtig beim TB Uphusen, als er nicht mehr im Mittelfeld, sondern im Sturm auflief. „Da ist quasi eine Bombe hochgegangen“, beschreibt er seine Tor-Explosion. „Dabei habe ich gar nicht so viel anders gemacht.“ Vieles aber habe gepasst: „Du brauchst die richtige Mannschaft und die richtigen Leute um dich herum. Du lebst im Moment, darfst nicht zu viel nachdenken.“ Toreschießen – das passiere dann einfach. Weil man es kann. „Wenn man gewohnt ist, viele Tore zu schießen, dann fällst du in eine Art monotone Arbeitsweise, was aber sehr positiv ist. Man kann dich nachts wecken und du schießt ihn rein, weil das dein Selbstverständnis ist.“

Die richtige Entscheidung während des Spiels zu treffen, werde mit steigender Erfahrung einfacher. „Je länger du Fußball spielst, desto mehr ähneln sich die Abläufe“, weiß Dikollari. Das Grundproblem aber bleibt: „Du hast nur kurz Zeit, dir zu überlegen, was du tust. Bevor der Ball am Fuß ist, sagt dir der Kopf schon, was du machen wirst.“ Das ist im Idealfall eine einzige Idee. „Wenn du zu viele Gedanken hast, macht du mit Sicherheit das Falsche. Deshalb spricht man von Instinktfußballern“, erklärt Dikollari. Genau so einer war Müller.

Jeder Stürmer hat seinen Stil

Generell, findet der 36-Jährige, müsse jeder Stürmer seinen eigenen Weg finden. Das liegt nahe, gibt es doch völlig verschiedene Stürmertypen. Ein typisches Saimir-Dikollari-Tor ist noch lange kein typisches Joshua-Brandhoff-Tor. Dabei haben beide sogar einst gemeinsam in Brinkum gespielt. „Meine typischen Tore sind die, in denen alle schon denken, die Situation sei beendet. Trotzdem mache ich das Ding dann noch“, schildert Joshua Brandhoff vom Bezirksligisten SV Heiligenfelde seine Art des Toreschießens. Und dann gibt es da noch das zweite Szenario: „Ein langer Ball, ich jage hinterher, schüttele den Gegenspieler ab und mache das Tor.“

Heiligenfeldes Joshua Brandhoff.

Heiligenfeldes Joshua Brandhoff.

Foto: Thorin Mentrup

Auch das klingt leicht. Und genauso fühlt es sich manchmal auch an, sagt der 27-Jährige. Immer dann nämlich, wenn er gut in Form ist. „Dann ist man sogar ein Stück weit unabhängig von der Mannschaft“, weiß er. Als seine Heiligenfelder eine unspektakuläre Saison 2014/15 auf Rang zehn abschlossen, erzielte Brandhoff äußerst spektakuläre 33 Treffer. „Generell ist es aber natürlich einfacher, wenn es bei allen läuft“, lebt ein Stürmer auch vom Team. Dennoch: „Es gibt keine spezielle Übung, um das Toreschießen zu lernen. Man muss einen Grund-Torriecher haben. Ein bisschen was kann man sich aber schon antrainieren. Viel gelernt habe ich unter Walter Brinkmann: Er hat mir beigebracht, dass gewinnbringende Aktionen, also Tore und Vorlagen, entscheidend sind. Man muss man das letzte Dribbling auch mal weglassen“, sagt er – und fügt kurz darauf lachend hinzu: „Auch wenn ein geiler Tunnel so kurz vor dem Tor das Ganze natürlich abrundet.“

Seinen Torriecher habe er bereits als Kind entdeckt, verrät Brandhoff, als er „zu Hause in Bramstedt auf dem Bolzplatz“ gespielt habe. Treffsicher war er also bereits als Steppke – und später auch als Jugendlicher. „Toreschießen macht süchtig“, sagt er. Wer einmal trifft, bekommt nicht mehr genug. Brandhoff hat in seiner Ausbildung bei keinem höherklassigen Verein gespielt und es trotzdem beinahe bis in die Regionalliga geschafft. Er hat diesen Torinstinkt, das Gespür für die Situation und einen guten Abschluss. Das also, was einen Stürmer gefährlich macht.

Ob es daran liegt, dass er als Kind ein paar Szenen von Gerd Müller auf dem Fernseher gesehen hat? „Mein Vater hatte diese Boxen mit den Höhepunkten. Deshalb kenne ich ihn natürlich. Aber meine Generation verbindet nicht mehr so viel mit ihm“, sagt Brandhoff. Cristiano Ronaldo, Lionel Messi oder Robert Lewandowski sind die Stürmerstars der aktuellen Epoche. Sie sind Müllers Nachfolger.

Der Bomber der Nation ist da schon eher Thorolf „Toto“ Meyer genauer vor Augen. Der 44-Jährige, der in den Nullerjahren für den TuS Syke auflief und mittlerweile den TuS Sulingen in der Landesliga trainiert, lebt die Freude am Toreschießen noch immer in der Ü40 der Sulinger noch aktiv aus. Dabei ist er eigentlich ein Quereinsteiger. „Ich war zuerst Mittelfeldspieler“, blickt er auf seine Laufbahn zurück, die ihn auch nach Barnstorf, Nienburg und Lohne zog. Dann aber schickte ihn Stefan Müller, in der Region durch zahlreiche Trainerengagements bekannt, in Barnstorf in den Sturm – ein Glücksgriff des Coaches, aber auch einer für Meyer. „Ich bin mehr und mehr in die Rolle hineingewachsen. Der Riecher entwickelt sich. Aber irgendwas hat da auch in mir geschlummert, das dann zum Vorschein gekommen ist.“

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Kaum zu stoppen war Thorolf Meyer (r.) als Angreifer des TuS Syke. Mittlerweile trainiert er den Landesligisten TuS Sulingen.

Foto: Karl-Heinz Starmann

Denn Meyer traf und traf. „Es gibt nichts Geileres, als Tore zu schießen“, sagt er. Als 40-Jähriger lief er wieder für die zweite Mannschaft des TuS Sulingen in der Bezirksliga auf. Zehn Minuten brauchte er für sein erstes Tor. Auch im Alter verlernt man das Toreschießen also nicht. „Besonders gern habe ich früher per Lupfer getroffen. Aber es gibt viele Möglichkeiten. Du kannst auch einfach mal aus kurzer Distanz mit Pike abziehen. Das überrascht den Torwart.“ Ganz entscheidend ist laut Meyer eine Sache: „Du musst Spaß haben. Dann geht es einfacher.“

Das Knipsen verlernt man nicht

Auf diesen Spaß musste Dominik Mahn lange verzichten: Für den Angreifer des TSV Weyhe-Lahausen reihte sich im Herrenbereich Verletzung an Verletzung. Erst mit Beginn dieser Saison ist er richtig durchgestartet. Und wie: Acht Tore hat er in sieben Spielen erzielt. Im Schnitt braucht er für einen Treffer rund 61 Minuten – fast schon eine Gerd-Müller-Bilanz. Das freut den Bayern-Fan umso mehr. „Gerd Müller hatte eine unverwechselbare Art. Ich weiß nicht, ob es noch einmal einen Spieler mit so einem Torinstinkt geben wird.“

Dominik Mahn ist Lahauser durch und durch – und nach seinem Comeback wieder voller Tatendrang. Momentan gilt aber auch für ihn: Er muss sich gedulden, bis die Punktspiele wieder starten können.

Lahausens Dominik Mahn.

Foto: Thorin Mentrup

Trotzdem gibt es durchaus die eine oder andere Parallele zwischen beiden. „Ich bin nicht der Stürmer, mit dem man im Strafraum noch einen Doppelpass spielt. Ich versuche, den Ball mit dem ersten oder zweiten Kontakt aufs Tor zu bringen. Wie er reingeht, ist dann egal“, zählt für Mahn nur das Tor. Man müsse unbedingt treffen wollen, bekräftigt er. Ein Angreifer müsse sein Glück auch mal erzwingen.

Mahn ist ein gutes Beispiel dafür, dass man das Toreschießen nicht verlernt. Seine erste schwere Verletzung zog er sich sogar bei einem Treffer zu: Beim 3:2 gegen Dickel stieß er mit dem Keeper zusammen und brach sich die Kniescheibe. Später bremsten ihn chronische Leistenbeschwerden aus. Fast zwei Jahre fiel er aus. Bei seinem Comeback im November des Vorjahres erzielte er in zehn Minuten zwei Tore. Jetzt führt er die Kreisliga-Torjägerliste an. „Irgendwann kommt eine Dynamik rein. Du musst dir das Selbstverständnis in den Spielen und im Training holen. Meist spürst du schon beim Warmmachen: Heute wird ein guter Tag. Und dann triffst du auch.“ Toreschießen als Selbstverständlichkeit. Das geht auch auf Kreisebene.

Einen guten Stürmer scheint also auch im regionalen Fußball vieles auszuzeichnen: sein Gespür für den Raum, seine Fähigkeit zur Antizipation, seine Handlungsschnelligkeit, der Wille sich zu verbessern und auch eine gewisse Erfahrung. Das ist allerdings nicht alles, wie auch Mahn feststellt: „Ein Stück weit wird dir das Toreschießen in die Wiege gelegt.“

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