Fußball Jannis Oberbörsch: „Wichtiger als Erfolg ist die Ausbildung“

Jannis Oberbörsch hat in seiner Zeit als aktiver Spieler im Amateurfußball viel Erfahrung gesammelt. Diese gibt er seit 2019 als Trainer an die Kinder aus Werders U10-Mannschaft weiter.
20.02.2021, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Dennis Glock
Herr Oberbörsch, Sie sind während Ihrer aktiven Zeit viel herumgekommen. Dabei haben Sie sowohl in der Landesliga als auch in der Bezirksliga mit zahlreichen Toren für Furore gesorgt. 2019 haben Sie dann Ihre Fußballschuhe an den Nagel gehängt. Was bleibt nach so vielen Jahren im Amateurfußball bei Ihnen hängen?

Jannis Oberbörsch: Zunächst einmal bin ich sehr zufrieden mit dem Verlauf meiner aktiven Zeit als Spieler. Ich habe in vielen interessanten Ligen gespielt. Dabei ging es des Öfteren richtig zur Sache und die Spannung war immer immens hoch. Man hat viel erlebt, coole Erfahrungen gemacht und natürlich mit richtig guten Kickern zusammengespielt – oder eben gegen sie. Alles in allem hat es mir sehr viel Spaß gemacht, für die Vereine auf dem Platz zu stehen.

Mit welchem Verein verbinden Sie Ihre schönste Zeit?

Das ist schwierig zu sagen. Im Grunde genommen hatte jeder Verein seine Vorzüge. In Rotenburg habe ich mich beispielsweise immer wohlgefühlt, auch wegen des positiven Umfelds. Als junger Spieler mit Typen wie Morad Bonoua oder Tim Ebersbach auf dem Platz zu stehen, hat einen damals schon echt vorangebracht. Auch in Heeslingen habe ich von Anfang an gute Rahmenbedingungen vorgefunden. Dort hatte ich drei sehr erfolgreiche, aber auch turbulente Jahre. Als besondere Zeit würde ich zudem die Saison 15/16 in Etelsen nennen. Da mein Vater (Bernd Oberbörsch, Anm. d. Red.) zu dieser Zeit die erste Herrenmannschaft des TSV trainierte, war die Zeit schon sehr familiär.

Haben Sie das Gefühl, ein bestimmtes persönliches Ziel nie erreicht zu haben?

Viele Spieler verbinden Erfolg mit Meisterschaften, Pokalsiegen oder Aufstiegen. Es ist immer schön, wenn man so etwas auch gewinnt, aber es bedeutet für mich nicht alles. Mit Heeslingen sind wir damals Meister geworden und in die Oberliga aufgestiegen, das war schon eine gute Zeit. Wenn es etwas gibt, was nicht optimal verlaufen ist, dann sicher der Verlauf der Saison mit Etelsen. Wir haben zu Beginn der Saison super Fußball gespielt und standen souverän auf Platz eins. Das Niveau konnten wir leider nicht über die gesamte Saison halten und haben uns am Ende sogar erst am letzten Spieltag in der Liga gehalten.

In der Jugend haben Sie für den SV Werder Bremen und Hannover 96 gespielt. Warum hat es für den großen Durchbruch nicht gereicht?

Den Sprung zum Profi zu schaffen, hängt von mehreren Faktoren ab, nicht zuletzt von etwas Glück und dem richtigen Timing. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich als 16-Jähriger jeden Tag nach der Schule mit dem Zug nach Hannover zum Training gefahren bin. Teilweise lag ich nach der Rückfahrt erst kurz vor Mitternacht im Bett. Die Freizeit geht dabei voll und ganz für Fußball drauf. Dadurch leiden natürlich auch schulische Leistungen und der Kontakt zu Freunden. Ich hätte im Endeffekt alles auf eine Karte setzen müssen, um an dem Traum festhalten zu können. Dazu war ich aber nicht bereit, weil mir das Risiko zu groß war. Rückblickend glaube ich, dass ich für den ganz großen Wurf eh nicht gut genug war, aber für ein paar Jahre im bezahlten Profifußball hätte es vielleicht reichen können.

Seit 2019 stehen Sie nun im Jugendbereich des SV Werder Bremen unter Vertrag. Nach einer Saison als Co-Trainer der U10 sind Sie zu Beginn der laufenden Saison zum Cheftrainer dieses Jahrgangs aufgestiegen. Wie ist der Kontakt zu Werder überhaupt entstanden?

Ich hatte den Kontakt schon während meiner aktiven Zeit gesucht. Mir war irgendwann klar, dass ich nicht mehr selber spielen möchte, sondern die Trainer-Laufbahn einschlagen wollte. Ich hatte dann bei Werder einfach mal angefragt und zum Glück haben wir dann zusammengefunden. Nach einem intensiven Gespräch mit Andreas Fastenau, der damals die U10 trainierte, waren wir direkt auf einer Wellenlänge.

Inwieweit ehrt Sie das, eine Trainerstelle bei einem so großen Klub zu besetzen?

Werder ist in der Tat ein großer Verein, der auch international bekannt ist. Das ist für mich einfach ein Privileg, Teil dieses Klubs zu sein. Die Bedingungen sind hier wirklich mehr als gut. So versuche ich, meinen Anforderungen gerecht zu werden und gemeinsam mit dem Trainerstab das Bestmögliche aus meinem Jahrgang herauszuholen.

Wie sieht die gemeinsame Arbeit mit den Kindern genau aus?

Normalerweise würden wir dreimal pro Woche trainieren. Am Wochenende stehen dann meistens ein Spiel in der Liga und dazu ein Turnier oder Leistungsvergleich an. Im Januar startet immer die Saison der Hallenturniere, wo man auch mal das gesamte Wochenende mit den Kids verbringt. Das ist eigentlich die spannendste Zeit. Sportlich, weil man auf Vereine aus ganz Deutschland und umliegenden Ländern trifft, mit denen man sich sonst nicht messen könnte. Und für die Jungs natürlich auch mit dem gesamten Rahmenprogramm. Sie sind häufig das erste Mal länger von zu Hause weg, übernachten mit Spielern anderer Mannschaften zusammen bei Gastfamilien – das sind schon unheimlich wichtige Erfahrungen, die die Kids da sammeln. Aktuell ist coronabedingt aber natürlich an keine dieser Veranstaltungen zu denken.

Wie gehen die Kinder mit der aktuellen Situation um?

Es ist für alle nicht gerade einfach. Den Kindern fehlt zum einen natürlich der Fußball und der Kontakt zu ihren Mitspielern und Freunden. Aber den Jungs fehlt auch ein halbes Jahr in ihrer sportlichen Entwicklung, das ist bei einer U10 schon gravierend. Wir versuchen, so gut es geht, digital mit den Spielern in Kontakt zu bleiben. Wir bieten jedem Einzelnen individuelle Übungen für zu Hause an, führen Einzelgespräche mit den Jungs, um sie irgendwie bei Laune zu halten. Am liebsten würden wir natürlich alle so schnell wie möglich wieder auf dem Platz stehen, doch da müssen wir uns wohl noch etwas gedulden.

Inwieweit liegt bei den Trainingseinheiten der Fokus nicht nur auf den sportlichen Zielen, sondern auch darauf, den jungen Spielern gewisse Werte zu vermitteln?

Wichtiger als der sportliche Erfolg ist die sportliche und charakterliche Ausbildung und Entwicklung der Kinder. Im Trainerteam wird besonders viel Wert auf Respekt, Fairplay und Teamgeist gelegt. Ich muss dazu sagen, dass alle im Team für ihr Alter schon sehr weit sind und wissen, worum es geht. Die Eltern spielen auch eine total wichtige Rolle, unterstützen die Jungs super und helfen, wo es nur geht. Unser Ziel ist es natürlich, alle Jungs im Laufe einer Saison so gut weiterzuentwickeln, dass alle den Sprung in die U11 schaffen können.

Ist in einem so jungen Alter bei manchen Kindern schon zu erkennen, dass sie eines Tages mal den Sprung in den Profifußball schaffen können?

Nein, absolut nicht. Natürlich sieht man, wer wie gut mit dem Ball umgehen kann und wer welche Veranlagungen besitzt. Wie es dann in den weiteren U-Mannschaften weitergehen kann und ob einer am Ende den Sprung schafft, muss man abwarten. Das ist letztendlich von so vielen sportlichen und körperlichen, aber auch charakterlichen Faktoren abhängig, dass das so früh noch nicht abzusehen ist. Es ist ein sehr weiter Weg zum Profi.

Ihr Vater war mehrere Jahre beim TSV Etelsen als Cheftrainer aktiv und kennt sich in der täglichen Arbeit als Coach aus. Holen Sie sich manchmal bei ihm Tipps?

Wir tauschen uns eigentlich fast täglich über Fußball aus, natürlich ist er immer einer meiner ersten Ansprechpartner, nicht nur wegen seiner Zeit als Trainer, sondern auch aufgrund seiner eigenen aktiven Zeit. Ratschläge für die Arbeit als U10-Trainer hole ich mir bei ihm aber nicht. Herren- und Jugendfußball unterscheiden sich da doch sehr voneinander und verfolgen gerade in unserem Beispiel schon sehr verschiedene Ansätze. Sollte ich irgendwann mal im Herrenbereich als Trainer arbeiten, komme ich an seiner Erfahrung aber sicher nicht mehr vorbei.

Wie sieht aktuell der Austausch mit dem Trainergespann aus?

Ein Austausch findet auch in der jetzigen Zeit regelmäßig statt. Sowohl mit meinem Team als auch mit den anderen Trainerteams tauschen wir uns in Videokonferenzen aus und versuchen, unsere Arbeit – so gut es irgendwie geht – weiterzumachen.

Wie sehen Ihre Ziele für die kommenden Jahre aus? Ist es denkbar, dass wir Sie auch mal als Trainer eines höheren Jahrgangs sehen?

Persönlich ist es mir wichtig, mich auch als Trainer stetig weiterentwickeln zu können. Bei Werder verfolgt man schon den Ansatz, die eigenen Trainer zu fördern und weiter auszubilden. Ich habe nicht die Motivation, anderen die Stelle wegzuschnappen, aber ich denke schon, dass die Möglichkeit besteht, in den nächsten Jahren in einer höheren Altersklasse zu arbeiten. Für den Rest dieser Saison steht aber erst mal die Entwicklung meiner jetzigen Truppe an erster Stelle. Sie sollen eine vernünftige Ausbildung bekommen und nicht stagnieren und dürfen hoffentlich bald wieder auf dem Platz stehen.

Das Interview führte Dennis Glock.

Info

Zur Person

Jannis Oberbörsch (27)

schnürte seine Fußballschuhe in der Bezirksliga für den SV Eintracht Oldenburg und den VfL Wildeshausen. In der Landesliga war er für den Heeslinger SC, den TSV Etelsen und den Rotenburger SV aktiv. Seit 2019 arbeitet Oberbörsch im Jugendbereich des SV Werder Bremen.

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