Fußballgeschäft in Aufruhr

Zwölf Topklubs wollen Superliga statt Champions League

Zwölf Topklubs aus Italien, Spanien und England haben sich zusammengeschlossen und wollen eine europäische Superliga gründen. Deutsche Vereine sind bei dem höchst umstrittenen Projekt bislang nicht dabei.
19.04.2021, 09:50
Lesedauer: 8 Min
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Von dpa/crb
Zwölf Topklubs wollen Superliga statt Champions League

Der FC Liverpool (hier mit Mohamed Salah, links) und Real Madrid (hier mit Toni Kroos) gehören zu den Klubs, die eine eigene Superliga gründen wollen.

Jon Super/dpa

Die Sitzung des Uefa-Exekutivkomitees soll an diesem Montagmorgen wie geplant über die Bühne gehen. Auch nach der offiziellen Ankündigung von zwölf europäischen Topklubs zur Gründung einer Super League gab es zunächst keine Änderungen im geplanten Ablauf, wie ein Uefa-Sprecher mitteilte. Unklar war zunächst, welche Auswirkungen die Mitteilung der Vereine in der Nacht zum Montag auf den geplanten Beschluss einer tiefgreifenden Europapokalreform haben wird.

Die Uefa will nach dpa-Informationen an der Reform der Champions League festhalten. Ab der Saison 2024/25 sollen 36 statt bislang 32 Teams an der Gruppenphase teilnehmen, zudem soll es deutlich mehr Spiele geben, wie die Deutsche Presse-Agentur während der Sitzung des Exekutivkomitees am Montag erfuhr. Details der Reform sollten dabei noch geklärt werden. Zuerst hatte die „New York Times“ darüber berichtet.

Was steckt hinter den viel diskutierten Plänen für eine Super League? Zwölf Klubs aus drei Ländern haben sich so konkret wie nie und erstmals in aller Öffentlichkeit zu ihren Plänen für eine neue Superliga bekannt und dem europäischen Fußball damit mächtig vors Schienbein getreten. Angeführt von Real Madrid, Juventus Turin und Manchester United, deren Vertreter den Vorstand der erlösträchtigen Vereinigung bilden sollen, sind insgesamt sechs Klubs aus England und je drei aus Spanien und Italien in der Nacht von Sonntag zu Montag aus der Deckung gekommen. Die meisten heimischen Fans der Mannschaften schliefen da bereits - im Gegensatz zu Anhängern in den lukrativen Märkten in Nordamerika und Asien.

Real-Madrid-Präsident will „dem Fußball helfen“

Mit der angeblich weltweiten Nachfrage nach einem neuen Wettbewerb, der über eine ganze Saison hinweg zahlreiche Spitzenspiele mit vielen der klangvollsten Namen des europäischen Fußballs garantiert, argumentierte Real-Madrid-Präsident Florentino Pérez in der Mitteilung dann auch. „Wir werden dem Fußball auf jedem Level helfen und ihn zu seinem rechtmäßigen Platz in der Welt bringen. Fußball ist der einzige globale Sport auf der Welt mit mehr als vier Milliarden Fans, und unsere Verantwortung als große Klubs ist es, auf deren Begehrlichkeiten zu reagieren“, ließ sich der spanische Funktionär zitieren, der als „Chairman“, also als Vorstandsvorsitzender fungieren soll.

Wie die Superliga offiziell heißt, ging aus den Mitteilungen auf den Webseiten der Klubs nicht eindeutig hervor: Sowohl von „European Super League“ wie auch mehrheitlich von „Super League“ war die Rede. Klar definiert ist dagegen die Liste der Gründungsmitglieder: Der FC Arsenal, Manchester United, der FC Liverpool, Tottenham Hotspur, der FC Chelsea und Manchester City aus England sind dabei, die beiden Mailänder Clubs AC und Inter sowie Juventus Turin aus Italien und die spanischen Topklubs FC Barcelona, Atletico Madrid und Rekordmeister Real Madrid. Diese zwölf Schwergewichte gehen zudem davon aus, dass sich noch drei weitere Klubs ihrem Zirkel anschließen werden - aus Deutschland oder Frankreich etwa ist bislang keine Mannschaft dabei.

Bayern und Dortmund lehnen Super-League-Pläne ab

Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hat betont, dass der BVB und der FC Bayern München sich über die Ablehnung der geplanten europäischen Super League im Fußball einig sein. Watzke erklärte in einer Mitteilung seines Vereins, dass „beide deutsche Klubs, die im ECA-Board vertreten sind, der FC Bayern München und Borussia Dortmund, in allen Gesprächen zu 100 Prozent deckungsgleiche Auffassungen vertreten haben“.

Grundsätzlich betonte der BVB-Boss noch einmal. „Die Mitglieder des Boards der European Club Association haben sich am Sonntagabend zu einer virtuellen Konferenz zusammengeschlossen und bekräftigt, dass der Board-Beschluss vom vergangenen Freitag nach wie vor Gültigkeit hat. Dieser Beschluss besagt, dass die Clubs die geplante Reform der UEFA Champions League umsetzen wollen. Es war die klare Meinung der Mitglieder des ECA-Boards, dass man eine Super League ablehnt.“ Bayern-Trainer Hansi Flick sagte zur möglichen Superliga-Gründung: „Das wäre nicht gut für den Fußball."

RB Leipzigs Vorstandsvorsitzender Oliver Mintzlaff äußerte sich ebenfalls kritisch zur Super League. „Wir sind Verfechter des sportlichen Wettbewerbs“, sagte er der „Mitteldeutschen Zeitung“ am Montag. „Und der sportliche Wettbewerb im Profifußball sieht vor, dass man in der nationalen Liga darum kämpft, einen Tabellenplatz zu erzielen, der zur Teilnahme am internationalen Wettbewerb berechtigt.“

Zwölf Topklubs aus Italien, Spanien und England haben sich zur Gründung der Super League zusammengeschlossen. Gelockt wird mit der Ankündigung, dass den Gründungsvereinen zunächst 3,5 Milliarden Euro zur Verfügung stehen sollen - bei einer Einlage von, so geht aus der Mitteilung des börsennotierten Klubs Juventus Turin hervor, zwei Millionen und, falls nötig, bis zu weiteren acht Millionen Euro je Gründungsmitglied. Der größte Teil der Einnahmen soll wohl wie üblich aus der Vermarktung der TV-Rechte kommen. Die Vereine wollen auch Solidaritätszahlungen leisten und so nach eigenem Bekunden dafür sorgen, dass die ganze europäische Fußball-Pyramide von ihrem Plan profitiert.

Die Superliga wird von der US-Großbank JP Morgan unterstützt. Das bestätigte das Unternehmen am Montag der englischen Nachrichtenagentur PA. JP Morgan sichert demnach die Finanzierung des neuen Wettbewerbs, der den Teilnehmern garantierte Einnahmen in dreistelliger Millionenhöhe bescheren soll.

Gespielt werden soll mit insgesamt 20 Mannschaften in zwei Zehnergruppen, danach im aus der Champions League bekannten K.o.-System mit Hin- und Rückspielen in Viertel- und Halbfinals sowie einem Endspiel an neutralem Ort. Die fünf zusätzlichen Teams sollen sich jedes Jahr aufs Neue qualifizieren müssen - wie und auf Grundlage welcher Wettbewerbe, das ließen die Gründer offen.

Wie bislang im Europapokal soll das alles an den Tagen der Wochenmitte zu sehen sein - ein weiterer Beleg für den Frontalangriff auf die Königsklasse, deren ebenfalls viel kritisierte Reform die Uefa bei der am Montagmorgen beginnenden Sitzung des Exekutivkomitees eigentlich beschließen wollte. Von der Saison 2024/25 sollen 36 statt bislang 32 Teams an der Champions League teilnehmen, deren bislang ausgebliebene Anpassung die Superliga-Gruppe zusammen mit den finanziellen Folgen der Corona-Pandemie als Begründung für ihren Schritt angibt.

Die Klubs betonen zwar, man freue sich nun auf die Diskussionen mit der Fifa und der Uefa und wolle partnerschaftlich daran arbeiten, das beste Resultat für die neue Liga und den Fußball als Ganzes zu erreichen - die Vorfreude aber ist wohl recht einseitig.

Ohne die Superliga beim Namen zu nennen, brachte der Weltfußballverband Fifa noch in der Nacht in einer Stellungnahme seine „Missbilligung“ zum Ausdruck über alle Pläne, welche die „Grundprinzipien Solidarität, Inklusivität, Integrität und gleichberechtigte finanzielle Umverteilung“ nicht widerspiegeln. Denkbar ist, dass die ausscherenden Topklubs für alle Uefa-Wettbewerbe gesperrt werden und dass ihre Spieler nicht mehr für ihre Nationalteams auflaufen dürfen. Schon als die Nachricht am Sonntagabend langsam durchsickerte, waren von der Uefa und auch von der Deutschen Fußball Liga und dem Deutschen Fußball-Bund eindeutig ablehnende Reaktionen gekommen.

Die Gründungsmitglieder der neuen Super League haben der Nachrichtenagentur AP zufolge bereits rechtliche Schritte eingeleitet, um die Uefa und Fifa an einer Einmischung zu hindern. Dies soll der Europäischen Fußball-Union und dem Weltverband demnach in einem Schreiben mitgeteilt worden sein.

Ex-Profi Gary Neville: „Das ist eine Schande“

Scharfe Kritik an den Plänen der Topklubs gab es vom europäischen Fan-Netzwerk Football Supporters Europe (FSE). „Dieser geschlossene Wettbewerb wird der letzte Nagel im Sarg des europäischen Fußballs sein und alles zerstören, was ihn so beliebt und erfolgreich gemacht hat“, hieß es in einer Erklärung am Sonntag. „Diese Pläne sind von Grund auf illegitim, unverantwortlich und gegen jeglichen Wettbewerb. Mehr noch, sie werden ausschließlich aus Gier vorangetrieben.“

In den sozialen Medien fand auch ein emotionales Plädoyer gegen die Superliga des englischen Ex-Nationalspielers Gary Neville viel Beachtung. „Ich bin Manchester-United-Fan, ich bin das seit 40 Jahren - aber ich bin empört, total empört“, sagte der 46-Jährige sichtlich bewegt bei Sky Sports am Sonntagabend nach dem 3:1-Sieg von Man United gegen Burnley. „Das ist kriminell. Das ist ein krimineller Akt gegen die Fans! Das ist eine Schande.“ Bayer Leverkusens Sportchef Rudi Völler sagte: „Eine geschlossene Gesellschaft ist ein Verbrechen am Fußball." Der Weltmeister von 1990 kritisierte gegenüber der „Bild“ und „Sport Bild“ vor allem den von Jürgen Klopp trainierten FC Liverpool: „Für einen Klub, bei dem die Fans „You’ll never walk alone“ singen, ist das beschämend. Der britische Premierminister Boris Johnson nannte die Super-League-Pläne „schädlich“.

Empörung bei den englischen Fans

Mit Empörung und Enttäuschung haben Fußballfans in England auf die geplante Teilnahme ihrer Vereine an der neuen Super League reagiert. Die Fan-Organisation Chelsea Supporters' Trust sprach von „unverzeihlichen“ Plänen, die von Gier getrieben seien. „Unsere Mitglieder und Fußballfans weltweit haben den ultimativen Verrat erlebt“, teilte die Vereinigung mit. Die Dachorganisation der Tottenham-Anhänger sprach von „Verrat am Verein“. „Die Zukunft unseres Clubs steht auf dem Spiel.“

Spirit of Shankly, eine Fangruppe von Meister FC Liverpool, betonte, die Klubeigner der Fenway Sports Group hätten die Fans in ihrem „unerbittlichen und gierigen Streben nach Geld ignoriert“. „Fußball gehört uns, nicht ihnen.“ Die Dachorganisation der Anhänger von Rekordmeister Manchester United forderte den Verein auf, die Pläne aufzugeben. „Eine „Super League“, die eine geschlossene Veranstaltung selbst gewählter reicher Clubs ist, steht gegen alles, das Fußball und Manchester United ausmachen sollte“, betonte der Manchester United Supporters' Trust. Die Vereinigung der Arsenal-Fans schrieb: „Dies bedeutet den Tod all dessen, um das es beim Fußball gehen sollte.“

Auch Anhänger von Tabellenführer Manchester City machten ihrem Ärger Luft. Die Super League besitze keinen sportlichen Wert. „Diese Klubbesitzer, egal woher, scheinen zu denken, dass der Fußball ihnen gehört. Das tut er nicht. Er gehört uns, den Fans - unabhängig davon, wen wir unterstützen.“

Mourinho bei Tottenham wegen Streit um Super League entlassen?

Wenige Stunden nachdem Tottenham Hotspur seine Mitgliedschaft in der umstrittenen Super League bekanntgegeben hatte, trennte sich der Londoner Verein von Trainer Jose Mourinho. Wie die „Spurs“ am Montag mitteilten, wurde mit dem 58-Jährigen auch sein Betreuerstab beurlaubt. Laut BBC gibt es Gerüchte, nach denen Mourinho gegen eine Beteiligung der „Spurs“ in der Super League interveniert haben und deswegen entlassen worden sein soll. Sein im November 2019 unterschriebener Vertrag hat eine Laufzeit bis zum 30. Juni 2023.

Der Artikel wurde um 14.53 Uhr aktualisiert.

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