Bundesliga-Check: 1899 Hoffenheim Auf eigenen Beinen

Nein, sagt Alexander Rosen, mit diesem Betrag habe auch er nicht gerechnet: Rund 41 Millionen Euro kassierte die TSG für den Wechsel des brasilianischen Nationalspielers Roberto Firmino zum FC Liverpool – Bundesligarekord!
25.07.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Schächter

Nein, sagt Alexander Rosen, mit diesem Betrag habe auch er nicht gerechnet: Rund 41 Millionen Euro kassierte die TSG für den Wechsel des brasilianischen Nationalspielers Roberto Firmino zum FC Liverpool – Bundesligarekord!

Auf dem deutschen Markt hätte Hoffenheim niemals eine derart astronomisch anmutende Summe bekommen, gibt Rosen zu, aber die TV-Geld gepuderten Premier-League-Klubs machten solche Beträge möglich. Kein Wunder also, dass Rosen zu jenen in der Branche gehört, die das viele Geld der Engländer eher als Segen begreifen. Und Angst davor, die Briten könnten bei noch steigenden TV-Erträgen in Zukunft die Bundesliga ausbluten lassen, hat Rosen auch nicht: „Auch in England können keine 5000 Spieler spielen. Ein Problem haben höchstens die Top-Vereine, die mit englischen Klubs um einen Top-Spieler konkurrieren.“

Nach dem Millionendeal mit Firmino schaut die Liga gespannt auf Hoffenheim. Rosen hatte schon vor dem Firmino-Deal den Kader für die kommende Saison zusammengestellt. Das Wissen der Konkurrenz um die Millionen aus Liverpool hätte die Preise bei eigenen Verpflichtungen hochgetrieben. Die TSG agierte sportlich zielgerichtet und wirtschaftlich vernünftig. Mit Jonathan Schmid vom SC Freiburg (3,7 Millionen Euro Ablöse) kam ein umworbener Außenbahnspieler, in Fabian Schär ein Innenverteidiger und Nationalspieler vom FC Basel (4 Mio.), in Mark Uth ein wendiger Stürmer vom SC Heerenveen (2,2 Mio.) und Ex-Nationalspieler Kevin Kuranyi ablösefrei aus Moskau, in Pavel Kaderabek von Sparta Prag (2,2 Mio.) ein Rechtsverteidiger und U 21-Nationalspieler Tschechiens sowie in Stürmer Joelinton ein Talent aus Brasilien (2 Mio.). Letzterem trauen die Macher einen ähnlichen Weg zu wie den Vorgängern Carlos Eduardo, Luis Gustavo und Firmino – die mit Gewinn und als Nationalspieler verkauft wurden.

Im Gegenzug gab die TSG den langjährigen Kapitän Andreas Beck (für 1,8 Mio. zu Besiktas Istanbul), die Stürmer Anthony Modeste (4 Mio. nach Köln) und Sven Schipplock (2,5 Mio. zum HSV) sowie Abwehrmann David Abraham (1,5 Mio. nach Frankfurt) und Sejad Salihovic (ablösefrei nach China) ab. Damit erwirtschaftete der Klub in dieser Transferphase bisher einen Überschuss von rund 37 Millionen Euro. Das Geld wird nur noch zu einem geringen Teil in den Kader investiert. Nach all dem Minus der Vergangenheit wird das meiste zum Ausgleichen der Bilanz verwendet.

In diesem Sommer kommen die Badener nun erstmals der Forderung von Mäzen Dietmar Hopp nahe, die TSG müsse den Geschäftsbetrieb eigenständig finanzieren. Rosen wähnt die TSG dabei auf einem guten Weg: „Wir legen im Merchandising, im Sponsoring, bei der Logenauslastung und im Ticketverkauf mit endlich wieder mehr als 15 000 abgesetzten Dauerkarten beständig zu. Das sind kleine Schritte, mit denen alleine wir die Mannschaft aber nicht finanzieren könnten. Wir brauchen also Transferüberschüsse.“

Sportlich sieht Rosen die Mannschaft im Umbruch. Mit Firmino verlor die Elf ihren besten Spieler und in Beck und Salihovic freiwillig zwei langjährige Stützen – sie waren die letzten „Herbstmeister von 2008“ (Rosen). Trainer Markus Gisdol wollte nach der vermaledeiten letzten Rückrunde neue Reize im Kader setzen. Aber kaum ein Spieler erreichte noch Topform, die Gegner stellten sich gut auf das notorische Gegenpressing ein, und die Chancenverwertung war mangelhaft. Zwei Jahre nach dem Klassenerhalt in der Relegation gegen Kaiserslautern ging es erstmals unter dem Duo Gisdol/Rosen nicht vorwärts.

„Eine Stagnation muss man mal aushalten können“, sagt Rosen. Die alte Saison sei aufgearbeitet, man schaue optimistisch nach vorne: „Wir begreifen den Verlust von Firmino und der anderen als Chance, sowohl für die individuelle Entwicklung der Spieler als auch für die Entwicklung der Mannschaft und der Hierarchie.“ Firmino sei nicht eins zu eins zu ersetzen, Mark Uth und Kevin Volland seien zwei spielstarke Offensivspieler, die für mehr Variabilität stünden. Von Kaderabek erhofft sich Gisdol mehr Dynamik auf der Rechtsverteidigerposition, und Schär soll endlich neben dem nach einem Kreuzbandriss genesenen Innenverteidiger-Talent Niklas Süle den Spielaufbau verbessern.

Jüngst erklärte Mäzen Dietmar Hopp, er sähe die TSG schon gerne irgendwann international spielen. Auch Manager Rosen hat das vernommen, er sagt: „Das ist natürlich ein Ehrgeiz, ein Traum, das hier zu schaffen. Aber das wird uns von Herrn Hopp nicht aufgezwungen. Er möchte die TSG vor allem langfristig auf stabilen Beinen sehen.“ Sportliche Stagnation kann sich die TSG aus Marketinggründen aber auf Dauer nur schwer leisten.

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