DFB Brisante E-Mail von Kempter - Amerell klagt

München. Der Fall Manfred Amerell wird den Deutschen Fußball-Bund weiter in Atem halten. Schwere Anschuldigungen des ehemaligen Schiedsrichter-Funktionärs gegen DFB-Präsident Theo Zwanziger und eine brisante E-Mail des in die Affäre verwickelten Referees Michael Kempter werden zur Nagelprobe.
05.03.2010, 21:40
Lesedauer: 3 Min
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München. Der Fall Manfred Amerell wird den Deutschen Fußball-Bund weiter in Atem halten. Schwere Anschuldigungen des ehemaligen Schiedsrichter-Funktionärs gegen DFB-Präsident Theo Zwanziger und eine brisante E-Mail des in die Affäre verwickelten Referees Michael Kempter werden zur Nagelprobe.

Für Zwanziger wird die Luft immer dünner, und Kempter droht das Ende seiner Karriere. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) sieht dringenden Handlungsbedarf und will den Fall Kempter bei der DFB- Präsidiumssitzung in Frankfurt/Main zur Sprache bringen, der FC Bayern München hofft auf Aufklärung durch den DFB.

Der Verband wies Amerells Erpressungsbehauptung als «falsch» zurück und bezeichnete dessen Vorwürfe gegen Zwanziger als «völlig absurd». Unterdessen bereitet Amerell eine Klage gegen die vier Schiedsrichter vor, die ihn der sexuellen Belästigung beschuldigen. Nach Informationen der «Süddeutschen Zeitung» will er mit der anwaltlichen Prüfung der Eidesstattlichen Versicherungen beginnen, die ihm das Landgericht München zur Einsicht überlassen hat. «Danach wird geklagt. Als Erster ist Michael Kempter dran», sagte Amerell im Online-Portal der «SZ».

Der DFB wird die Akten im Fall Amerell an die Staatsanwaltschaft Augsburg weitergeben. Sie solle sich ein umfassenden Bild machen können, nachdem Herr Amerell bereits von sich aus angekündigt hat, rechtliche Schritt gegen die betroffenen Schiedsrichter einzuleiten, hieß es in der DFB-Pressemitteilung.

Amerell hatte nur wenige Stunden nach der außergerichtlichen Einigung im Streit mit dem DFB in München in der TV-Sendung «Kerner» neuen Wirbel entfacht. Der 63-Jährige präsentierte eine angeblich von Kempter an seine Adresse verfasste E-Mail. Darin soll der 27-Jährige vor der 0:2-Niederlage von Bayern München in der Champions League am 11. April 2007 gegen den AC Mailand an Amerell geschrieben haben: «Hoffentlich fliegen die Bayern gleich raus, dann können wir anstoßen.»

Diese Mail hat auch den Kontrollausschuss des DFB auf den Plan gerufen. Wie der Verband am Freitagabend mitteilte, werde geprüft, ob ein Verfahren wegen des Verdachts des unsportlichen Verhaltens eingeleitet wird. Laut Mitteilung hat Kempter bestritten, Vorbehalte gegen den FC Bayern zu haben. Trotzdem werde er bis zur Klärung des Sachverhaltes nicht als Schiedsrichter eingesetzt, so der DFB.

Amerells neue Enthüllungen, die die Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit des DFB-Kronzeugen Kempter schwer erschüttern, machten die DFL und Bayern München mobil. Liga-Präsident Reinhard Rauball und Bayerns Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge einigten sich in einem Telefonat laut Rauball darauf, «dass unter anderem das Thema Kempter unter Einschluss der öffentlich gemachten E-Mails im Rahmen der Gesamtaufarbeitung der 'Thematik Schiedsrichterwesen' bei der kommenden Präsidiumssitzung zur Sprache gebracht wird».

Bayern München will den «Vorgang Kempter» gemeinsam mit dem DFB verfolgen und hat «in dieser Angelegenheit vollstes Vertrauen in den DFB». Der DFB setzte den zunächst für das Zweitliga-Spiel zwischen Union Berlin und dem MSV Duisburg vorgesehenen Kempter wieder ab, für ihn leitet der Hamburger Patrick Ittrich die Partie. Die Behauptung Amerells, er sei bei seinem Rücktritt erpresst worden, wies der DFB als «falsch» zurück. Amerell sei am 12. Februar von sich aus, ohne jede Einflussnahme des DFB, zurückgetreten. Der Ex-Funktionär hatte in der SAT.1-Sendung das Gegenteil behauptet und den DFB als Lügner angeprangert: «Ich wurde erpresst, das so zu machen».

Amerell plauderte persönliche Details über sein Verhältnis zu Kempter («Es war keine Liebesbeziehung. Ich mochte ihn sehr gern») aus, sprach über seine Neigungen und präsentierte sehr intime E-Mails. Schwere Geschütze fuhr Amerell gegen DFB-Präsident Theo Zwanziger auf. «Er hat in blindwütiger Art und Weise zwei Menschen, die damit geschädigt und kaputt sind, und ihre Ehre auf dem Altar der Öffentlichkeit geopfert», sagte der Augsburger Hotelier. Zwanziger merke nicht, dass «es hier um Menschen geht, nicht um Holzstücke». DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach bezeichnete die Vorwürfe als «völlig absurd. Sie sind der verzweifelte Versuch, von seinem gravierenden Fehlverhalten abzulenken».

Auf der Präsidiumssitzung in Frankfurt/Main will der DFB ein unter Leitung des ehemaligen FIFA-Referees Herbert Fandel ausgearbeitetes Reformmodell vorstellen. Es soll mehr Transparenz im Beobachtungs- und Bewertungssystem gewährleisten und der Entstehung von Abhängigkeitsverhältnissen vorbeugen. Unabhängig davon wird der Schiedsrichter-Skandal ein gerichtliches Nachspiel - und womöglich Zwanzigers Rücktritt zur Folge haben. Erst vor zwei Tagen hatte er sein persönliches Schicksal mit der delikaten Schiedsrichter-Affäre verknüpft: «Wenn wir den Prozess verlieren, trete ich zurück». (dpa)

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