Das deutsche Team vor der EM

Weltklasse oder Wundertüte?

Die deutsche Nationalmannschaft verfügt über enorme Qualität und ist theoretisch ein Titelfavorit - doch bei der Europameisterschaft geht es auch um die Schatten der Vergangenheit und um mehr als große Namen.
10.06.2021, 06:25
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Weltklasse oder Wundertüte?
Von Malte Bürger
Weltklasse oder Wundertüte?

Beim Test gegen Dänemark probierte es Joachim Löw mit dieser Startelf, bei der EM dürfte die Anfangsformation noch ein wenig anders aussehen.

Federico Gambarini/dpa

Die landschaftliche Idylle im österreichischen Seefeld war fast ein wenig trügerisch. Zwar zog es den DFB-Tross vor großen Turnieren zuletzt häufig in die Berge, trotzdem kann die offenkundige Ruhe und natürliche Schönheit nicht darüber hinwegtäuschen, dass es rund um die deutsche Nationalelf eine schon angenehmere Atmosphäre gab. Innerhalb des Verbandes rumort es, rein sportlich werfen einige Misserfolge lange Schatten auf die Mannschaft. Und trotzdem lebt in diesem Sommer der Traum vom Titelgewinn. Die Frage ist nur: Wie lange?

Es ist gerade einmal sieben Jahre her, dass Fußball-Deutschland im kollektiven Freudentaumel war. Bei der Weltmeisterschaft in Brasilien begeisterte eine Mannschaft, die auf dem Höhepunkt ihres Schaffens spielte. Doch der anschließende Umbruch, er wollte nicht so recht gelingen. Weil Trainer Joachim Löw mitunter zu starr an seinen Prinzipien festhielt und auch personell nicht immer die richtigen Entscheidungen traf. Das kollektive Feuer, die gemeinschaftliche Begeisterung von 2014 war phasenweise zu einer allenfalls glimmenden Glut verkommen. Die Krönung: Das Debakel bei der WM 2018, als der Titelverteidiger völlig uninspiriert schon in der Vorrunde scheiterte.

Die deutsche Talsohle war tief - und lang. Und vielleicht ist sie noch immer nicht durchschritten. Im November 2020 ging die Nationalelf in der Nations League mit 0:6 gegen Spanien unter, während der WM-Qualifikation gab es im vergangenen März eine 1:2-Blamage gegen Nordmazedonien. Auf dem Papier verfügt Deutschland über einen jungen, namhaften Kader mit talentierten Spielern von internationaler Klasse. Doch dieses Versprechen hat das Team bislang viel zu selten eingelöst. Wo einst begeistert wurde, vermittelten Länderspiele zuletzt häufig den Eindruck, dass nicht alle Beteiligten den von ihnen viel zitierten Stolz für das eigene Land auflaufen zu dürfen, auch nachhaltig mit entsprechenden Leistungen untermauern. 

Das alles hat nicht gerade dazu geführt, dass es eine große öffentliche Euphorie rund um die DFB-Auswahl gibt. Die plakative und multimediale Zurschaustellung des vermeintlichen Gütesiegels "Die Mannschaft" wirkt arg gekünstelt, mitunter nervt es schlichtweg. Unter den deutschen Fans regiert eine Form der Sättigung anstelle des ganz großen Appetits. Die besonderen Corona-Umstände dürften dazu einen Teil beitragen. Und vielleicht ist genau das die größte Herausforderung für Joachim Löw und Co.: Während einer Europameisterschaft auf Distanz müssen sie Nähe schaffen und den eigenen Anhang nach langer Zeit mal wieder für das eigene Spiel begeistern. Die eigene U21 hat es vorgemacht – nicht mit aufwendigen Aktionen abseits des Rasens, sondern durch bedingungslosen Einsatz und Authentizität auf ihm.

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Der Bundestrainer weiß um die zahlreichen Baustellen. Und so erklärte er unmissverständlich in Seefeld: „Das Turnier beginnt mit dem ersten Trainingstag. Wichtig ist: Die Mannschaft muss sich finden und eine Gewinnermentalität entwickeln!“ Zwei wichtige Faktoren sollen dabei Thomas Müller und Mats Hummels sein. Nach monatelangen Spekulationen und Diskussionen nominierte Löw die einst aussortierten Weltmeister von 2014 tatsächlich. „Thomas und Mats wissen von mir, dass sie eine wichtige Rolle spielen, wenn man sie zurückholt", sagte der Bundestrainer vor seinem letzten großen Turnier. "Sie können mit ihrer Erfahrung und ihrem Können der Mannschaft helfen."

Diesen Erwartungen will Thomas Müller vom ersten Moment an gerecht werden. „Ich habe Erfahrung im Gepäck. Ich will vorangehen. Ich will ein Katalysator sein, damit das Team den Turbo zünden kann“, sagte der 31-Jährige. "Ich spüre, dass diese Mannschaft ans Limit gehen wird.“ Genau das will auch Mats Hummels tun. "Es hat weh getan", sagte der Verteidiger über seine Ausbootung vor zwei Jahren. "Es war ein Ziel von mir, mich wieder hier reinzuarbeiten. Aus Ehrgeiz – und weil es auch eine Ehre für mich ist, für Deutschland zu spielen.“

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Insgesamt 26 Profis gehören dieses Mal zum deutschen Kader. Schon in der Vergangenheit hat es häufig die bekannten Bayern-Blöcke gegeben, die mitunter Basis großer Titelgewinne waren. Doch noch nie war die Rekordmeister-Fraktion so groß wie in diesem Jahr. Mit Leon Goretzka, Manuel Neuer, Serge Gnabry, Leroy Sané, Joshua Kimmich, Thomas Müller, Niklas Süle und Jamal Musiala gehören gleich acht Bayern-Spieler zum Team, nicht wenige von ihnen dürften am 15. Juni gegen Frankreich auch in der Startelf auftauchen. Unumstrittener Fixpunkt dieser Achse ist Kapitän Manuel Neuer. „Er ist eine große Respektsperson“, lobt Löw. "Ich habe das Gefühl, er wird noch besser und besser. Mittlerweile hat er ein komplettes Torwartverhalten.“

Bei der EM wird es nun darauf ankommen, wie das zentrale Bayern-Gerüst die vielversprechenden weiteren Bauteile aufnimmt. Innenverteidiger Antonio Rüdiger dürfte nach einer starken zweiten Saisonhälfte bei Champions-League-Sieger FC Chelsea gesetzt sein, bei dessen Teamkollegen Timo Werner und Kai Havertz wird es darauf ankommen, wie flexibel Joachim Löw dieses Mal in puncto Aufstellung und taktischer Ausrichtung ist. Rein mental könne der Erfolg in der Königsklasse auf keinen Fall schaden, glaubt Thomas Müller: „Das gibt dir Selbstbewusstsein, dass du auf höchstem Niveau performen kannst.“

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Im Mittelfeld kommen noch Toni Kroos (Real Madrid) oder Ilkay Gündogan (Manchester City) hinzu. Es ist also eine Mannschaft vorhanden, die sich nominell beim besten Willen nicht zu verstecken braucht. Mit offensivem Spektakel allein wird es aber nicht gehen, das weiß auch Joachim Löw. „Das Hauptaugenmerk muss lauten, dass wir in der Defensive stabiler werden.“ Genau diese elementare Sicherheitsfrage sorgt dafür – und das ist bei diesem Personal ein absolutes Kuriosum –, dass die deutsche Elf vor der EM eine Wundertüte ist.

Nach den jüngsten Erfahrungen ist es nicht ausgeschlossen, dass in einer Gruppe mit Weltmeister Frankreich, dem noch amtierenden Europameister Portugal und Außenseiter Ungarn erneut das frühe Aus kommt. Doch die Schwere dieser Aufgaben kann auch Kräfte freisetzen, plötzlich die jahrelange deutsche Tradition als Turniermannschaft wiederbeleben. Oder wie es Kapitän Neuer formuliert: „Man beginnt direkt mit Finals, wenn man weiß, dass man gegen den Weltmeister von 2018 beginnt.“

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Das wichtigste Finale wäre das am 11. Juli im Londoner Wembley-Stadion. Eben jener Ort, an dem ein deutsches Team vor genau 25 Jahren letztmals Europameister wurde. Da gerät nicht nur Leroy Sané ins Schwärmen. „Ich will die Zeit genießen, aber im Endeffekt will ich mit dem ganz großen Traum wieder nach Hause kommen und den Titel gewinnen.“ Mit diesem Traum wird er im deutschen Lager nicht allein sein. Joachim Löw hat es im Vorfeld des Turniers dennoch bewusst vermieden, ein konkretes Ziel zu formulieren. Nur so viel: Zu den absoluten Favoriten gehöre sein Team "im Moment" nicht, sagte der Bundestrainer. Bekanntlich können sich solche Zwischenbilanzen schnell ändern. Die deutsche Nationalelf braucht dafür gute Leistungen und noch bessere Ergebnisse. Und an die glaubt Joachim Löw: „Wir sind der Überzeugung, wir können ein gutes Turnier spielen.“

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