Nötige Qualität im Abschluss hat gefehlt Das DFB-Team und die mangelnde Chancenverwertung

Für den angestrebten Titelgewinn fehlte der deutschen Nationalmannschaft der nötige Abschluss. Einen Knipser wie Frankreichs Griezmann hat die DFB-Elf derzeit nicht.
09.07.2016, 00:00
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Das DFB-Team und die mangelnde Chancenverwertung
Von Marc Hagedorn

Für den angestrebten Titelgewinn fehlte der deutschen Nationalmannschaft der nötige Abschluss. Einen Knipser wie Frankreichs Griezmann hat die DFB-Elf derzeit nicht.

Manuel Neuer hatte sein Trikot noch auf dem Platz ausgezogen und es achtlos auf den Rasen geworfen. In der gegnerischen Hälfte war Mesut Özil im Moment des Schlusspfiffes zu Boden gesunken. Auf der gegenüberliegenden Spielfeldseite ging Shkodran Mustafi in die Knie, der Arm musste den Kopf stützen. Es waren die typischen Bilder von enttäuschten Spielern: Mit 0:2 hatte die deutsche Mannschaft gerade ihr EM-Halbfinale gegen Gastgeber Frankreich verloren. Es war die erste Niederlage bei einem großen Turnier seit vier Jahren. Und sie schmerzte. Ein „bisschen wie ein Schock“ fühle es sich für ihn und seine Spieler an, sagte Bundestrainer Joachim Löw.

„Ich will nicht sagen, dass wir besser waren“, meinte Manuel Neuer, „aber das 0:2 ist kein faires Ergebnis.“ Wer das Spiel gesehen hatte, wusste, was der deutsche Torwart meinte. Seine Mannschaft hatte das Spiel über weite Strecken kontrolliert, 65 Prozent Ballbesitz gehabt und auch die deutlich bessere Passquote als die Franzosen erzielt. „Wir haben unser bestes Spiel gemacht“, befand Toni Kroos.

Da ist bestimmt etwas dran. Aber diese Kurz-Zusammenfassung bedarf einiger Ergänzungen. Löw sprach auf der anschließenden Pressekonferenz davon, „nicht das notwendige Glück“ gehabt zu haben. Der Bundestrainer sagte: „Manchmal hat man einfach Pech an den Füßen kleben.“ Damit hatte Löw nicht ganz Unrecht. Die Ausgangslage, mit der die deutsche Mannschaft ins Spiel gegangen war, war in der Tat nicht ideal gewesen. Mats Hummels fehlte gesperrt, Sami Khedira und Mario Gomez waren verletzt. Im Spiel musste dann auch noch Jérôme Boateng verletzt raus. Das waren vier Spieler aus der Startelf gegen Italien. Jetzt weiß man: Es waren zu viele Ausfälle für diese deutsche Mannschaft.

Löw: "Wir waren besser"

Dazu kommt ein Gegentor Sekunden vor dem Halbzeitpfiff nach einem Handspiel von Bastian Schweinsteiger, das man bei wohlwollender Deutung unglücklich oder bei kritischer Sicht auch äußerst ungeschickt nennen kann. Die Ausfälle und das Tor zum 0:1 erklären die Niederlage aus dem Spielverlauf heraus. Aber sie erzählen nicht die ganze Wahrheit. „Die französische Mannschaft war gut“, sagte Löw und fügte beinahe trotzig an: „Aber wir waren besser.“

Das allerdings stimmt in einem ganz entscheidenden Punkt nicht. Denn während die Franzosen bei sieben Torschüssen zu zwei Treffern kamen, vergab die deutsche Mannschaft diesmal alle Chancen. Es war die Fortsetzung einer Abschlussschwäche, die sich wie ein Leitmotiv durch dieses Turnier zog. Vor allem gegen Nordirland und die Slowakei hatte die deutsche Mannschaft ihren Chancenwucher auf die Spitze getrieben. Gegen Gegner dieser Kategorie blieb das aber noch folgenlos.

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Aber schon das Duell mit Italien und erst recht nun das Spiel gegen Frankreich haben gezeigt, dass eine Spitzenmannschaft nicht nur verschiedene Systeme beherrschen muss, eine solide Abwehr und offensiven Spielwitz braucht, sondern auch eine Kälte und Effizienz im Abschluss – die diese deutsche Mannschaft zu keinem Zeitpunkt in diesem EM-Turnier entwickelt hat.

Man darf und muss Thomas Müller für seinen aufopferungsvollen Einsatz loben, aber in seinem Kerngeschäft, dem Tore schießen, hat er keinen guten Job gemacht. Auch Mario Götze und Mesut Özil (erzielte den Führungstreffer gegen Italien) sind oft in Abschlussposition gekommen, machten insgesamt aber viel zu wenig daraus. Der einzige Torjäger im guten, alten Sinne war Gomez. Umso bitterer, dass er in der entscheidenden Turnierphase nun ausfiel.

Die deutsche Mannschaft verfügt über ein Gerüst auf absolutem Top-Niveau: Neuer, Boateng, Hummels, Khedira (wenn er fit ist), Kroos, Özil und Müller wären in jeder Nationalmannschaft dieser Welt Stammspieler. Und nicht zu vergessen: Marco Reus und Ilkay Gündogan, die beide dieses Turnier verletzungsbedingt verpassten, verkörpern ebenfalls Spitzenniveau.

Aber hinter ihnen tut sich eine Lücke auf. Man weiß seit der WM 2014 bis heute nicht, welchen Weg Profis wie Götze und André Schürrle gehen werden. Dass Lukas Podolski weitermachen will, ist eher für die Teamchemie von Bedeutung als für das Niveau der Mannschaft. Die Zukunft ist er eher nicht mehr. Dafür stehen andere. Julian Draxler deutete immerhin mehrmals an, was für ein guter Fußballer er ist. Er muss bis zur nächsten WM seine Form aber konstanter abrufen.

Und dann kommen noch die ganz jungen Spieler, allen voran Joshua Kimmich. Der 21-Jährige mit der steilen Karriere beim FC Bayern war bei diesem Turnier ein hoffnungsvolles Versprechen für die nächsten Jahre – und zugleich ein Beispiel für das, was dringend noch besser werden muss. Bei Kimmich wechselten sich gegen Frankreich freche und gelungene Offensivaktionen mit Szenen ab, in denen seine fehlende Erfahrung schmerzhaft sichtbar wurde.

Gut zu beobachten war das vor dem 0:2. Eigentlich hatte Kimmich nur das getan, was seine Trainer – Pep Guardiola im Verein und Löw bei der Nationalelf – von ihm verlangen: Er suchte die spielerische Lösung in einer Drucksituation. Nun sagte Löw: „Da muss man den Ball auch mal aus der Gefahrenzone wegschlagen und klarer bereinigen.“ Kimmich, der einen ungenauen Pass quer durch den Strafraum zu Mustafi spielte und damit das Unheil einleitete, wird es eine Lehre sein. Dass sich Mustafi im Zweikampf mit Vorlagengeber Paul Pogba nicht klug anstellte und auch Neuer in dieser Szene nicht restlos überzeugte, passte zu dieser Verkettung von Fehlern.

Zum Lernen waren Leroy Sané und Julian Weigl in Frankreich dabei. Sie haben nun ihr erstes Turnier erlebt und zählen – wie die Leverkusener Karim Bellarabi und Julian Brandt – zu den Spielern, die der deutsche Fußball dringend braucht. Kluge Strategen (Weigl) und furchtlose Dribbler (die anderen) sowie klassische Torjäger, also Spielertypen wie Miroslav Klose oder in seinen guten Phasen Mario Gomez. Spieler, die dort lauern, wohin der Ball fällt.

Löw, der sich im Moment der Niederlage nicht zu seiner Zukunft äußern konnte („Aktuell kann ich nicht mal bis morgen früh vorausschauen“), aber als Bundestrainer weitermachen wird, fasste aus seiner Sicht zusammen: „Es war ein gutes Turnier für uns.“

Kein Widerspruch. Die deutsche Mannschaft war wirklich gut. Aber sie war nicht sehr gut.

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