Ausfälle und Sorgenkinder der WM Das Turnier der Erschöpften

Santo Andre. Eine Weltmeisterschaft sollte eigentlich die Besten der Besten zusammenführen. Doch in Brasilien werden einige der Topstars fehlen, andere sind nicht fit und kämpfen gegen die Uhr, um doch noch rechtzeitig in Form zu kommen.
11.06.2014, 00:01
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Das Turnier der Erschöpften
Von Marc Hagedorn

Eine Weltmeisterschaft sollte eigentlich die Besten der Besten zusammenführen. Doch in Brasilien werden einige der Topstars fehlen, andere sind nicht fit und kämpfen gegen die Uhr, um doch noch rechtzeitig in Form zu kommen. Vor allem die Zahl der Kreuzbandrisse ist gestiegen. Für viele Mediziner ist das kein Wunder. Eine Bestandsaufnahme einen Tag vor Turnierbeginn.

Kombinierte Muskel-Sehnen-Verletzung im oberen Bizepsanteil des rechten Oberschenkels. Kleiner Einriss im Kapselapparat des rechten Schultergelenks. Stumpfes Trauma im linken Knie. Berichte zu dieser Fußball-WM lesen sich phasenweise wie Auszüge aus anatomischen Lehrbüchern. Es vergeht kaum ein Tag, an dem sich die medizinischen Abteilungen der 32 Mannschaften nicht mit neuen Mitteilungen über den Gesundheitszustand einzelner Spieler an die Öffentlichkeit wenden. Im Moment, einen Tag vor Turnierbeginn, sind die Mannschaftsärzte und Physiotherapeuten die heimlichen Stars und Hoffnungsträger.

Die drei Diagnosen am Beginn dieses Textes beziehen sich auf Lars Bender, Manuel Neuer und Luis Suarez. Sie decken das komplette Spektrum zwischen Enttäuschung, Hoffen und Bangen ab. Für Bender ist seit Wochen klar, dass die WM ohne ihn stattfindet. Bei Neuer sieht es inzwischen so aus, als könne er pünktlich zum deutschen WM-Start am Montag gegen Portugal wieder im Tor stehen. Bei Suarez ist die Ungewissheit größer. Er ist erst vor wenigen Wochen am lädierten Knie operiert worden und kämpft nun um sein Comeback für Uruguay. Die Erwartungen von Millionen Landsleuten richten sich auf den 27-Jährigen.

Das ist eine gefährliche Situation. Der Spieler spürt den Druck, unbedingt gesund werden zu müssen. „Ungeduld stellt ein ernsthaftes Problem dar“, sagt Dr. Götz Dimanski, bis vor Kurzem Mannschaftsarzt von Werder Bremen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um wieder ins Training einzusteigen? Wann darf die Belastung gesteigert werden? „Hier ist der Sportmediziner gefragt“, sagt Dimanski, „er muss die Stärke und Akzeptanz besitzen, die notwendigen Maßnahmen einzufordern und durchzusetzen.“ Und gegebenenfalls zum Wohl des Spielers auch auf die Bremse treten und unpopuläre Empfehlungen abgeben. Auch wenn ein Superstar seiner Mannschaft dann fehlt. In Kolumbien hat man die Vernunft offenbar walten lassen und auf Topstar Radamel Falcao verzichtet, der sich wochenlang einen Kampf gegen die Uhr geliefert hat.

Bei anderen Spielern wird oft nicht so schnell klar, wie viel Einfluss die Mediziner haben. Ein Beispiel ist Spaniens Torjäger Diego Costa. Für das Champions-League-Finale meldete sich der Stürmer von Atlético Madrid – unter anderem nach einer Behandlung mit Pferde-Plazenta – fit, nur um dann nach acht Minuten ausgewechselt werden zu müssen. Ob Costa rechtzeitig für Spaniens erstes Spiel belastbar sein wird, ist die Frage, die die Nation seither beschäftigt. Gestern wurde sie beantwortet: Spaniens Angriffshoffnung Diego Costa soll für den WM-Auftakt gegen die Niederlande fit sein. „Es gibt kein Problem, ich bin topfit und voll motiviert“, sagte der Torjäger.

In Portugal sieht es im Fall von Cristiano Ronaldo nicht viel anders aus. Auch auf ihn fokussiert sich das Wohl und Wehe der Portugiesen, auch bei ihm gibt es eine Entwarnung. CR7 trainiert immerhin inzwischen wieder. Wie nachhaltig das vorgebliche Ende der Rekonvaleszenz wirklich ist, bleibt allerdings offen.

Franck Ribéry, Theo Walcott, Thiago, Kevin Strootman, Mario Gomez, Ricardo Montolivo, Victor Valdez – aus der Liste der Ausfälle ließe sich eine veritable Weltauswahl aufstellen, die gute Chancen auf den WM-Titel hätte. Die Probleme sind dabei zum Teil hausgemacht. Dass ein Spieler wie Marco Reus im Mittelfeld mit dem Fuß umknickt oder Montolivo sich das Bein bricht, lässt sich nie ausschließen. Bemerkenswert ist indes die Häufung der Kreuzbandrisse wie bei Hollands Taktgeber Strootman, Englands Flügelflitzer Walcott oder Spaniens Nummer zwei im Tor, Valdez. „Solche Verletzungen haben oft mit muskulärer Ermüdung zu tun“, sagte Stuttgarts Mannschaftsarzt Raymond Best vor einiger Zeit der „Süddeutschen Zeitung“, „dann steigt die Chance auf einen Kreuzbandriss.“

Es ist längst keine Frage mehr: Die Belastung für die Profis hat in den vergangenen Jahren rapide zugenommen. Topspieler kommen auf bis zu 70 Einsätze pro Saison; in Meisterschaft, in den diversen Pokalwettbewerben, in der Champions League und für die Nationalelf. Sonnabend, Mittwoch, Sonntag ist gerade in der Schlussphase der Saison, wenn sich alles zuspitzt und entscheidet, der Rhythmus. „Das stellt Anforderungen an den Organismus, die diesen in Grenzbereiche der Kompensationsfähigkeit bringen“, sagt Dimanski. Regeneration ist dann das A und O.

Einer wie Per Mertesacker hat das erkannt. Neben dem Mannschaftstraining

gehört für ihn ein individuelles und privates Fitnessprogramm zum Alltag. Der ehemalige Bremer hat von allen deutschen Nationalspielern in dieser Saison die meisten Einsätze hinter sich gebracht. Auf 60 Pflichtspiele kommt der 29-Jährige bisher – und dabei stehen die größten Spiele des Jahres jetzt noch an. „Eine wichtige Voraussetzung, um diese Höchstleistung zu tolerieren, ist eine optimale Saisonvorbereitung“, sagt Götz Dimanski. Mertesacker hatte sie: Der Sommer 2013 war turnierfrei, der Abwehrchef beim FC Arsenal von Beginn an dabei.

Aber auch Mertesacker wirkte im Vereinstrikot zuletzt ausgelaugt. Und auch wenn man es kaum glauben mag und die Werbung gern etwas anderes weismachen will, aber: Der menschliche Körper ist keine Maschine. Das gilt sogar für Cristiano Ronaldo.

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