Marcell Jansen im Interview

"Das war nie mein Fußball"

2015 hat Profifußballer Marcell Jansen seine Karriere überraschend beendet — doch losgelassen hat ihn der Sport nie: Im Interview spricht er über sein neues Leben und die Identitätskrise im Fußball.
10.03.2017, 18:00
Lesedauer: 8 Min
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Von Manfred Ertel
"Das war nie mein Fußball"

Da jubelte er noch auf dem Platz: Marcell Jansen im Mai 2015.

Imago/DeFodi

2015 hat Profifußballer Marcell Jansen seine Karriere überraschend beendet — doch losgelassen hat ihn der Sport nie: Im Interview spricht er über sein neues Leben nach dem Profisport, seine Zeit beim HSV und die Identitätskrise im Fußball.

Marcell Jansen ist angekommen in seinem neuen Leben, das merkt man sofort. Der Ex-Nationalspieler und ehemalige HSV-Profi ist entspannt und gelöst, als er am frühen Vormittag, zur besten Trainingszeit, im Café vor seinem Hamburger Lifestyle-Sanitätshaus am Stephansplatz zum Interview antritt. „Mein Leben ist, so wie es dann gekommen ist, für mich genau richtig“, sagt Jansen. Das war nicht ohne weiteres zu erwarten, als er im Sommer 2015 überraschend seine Karriere beendete. Nach 242 Bundesligaspielen und 25 Toren, nach 45 Spielen für die deutsche Nationalmannschaft, mit der er zweimal WM-Dritter und einmal EM-Zweiter wurde, hatten ihm die Hamburger keinen neuen Vertrag mehr angeboten.

Statt für viel Geld ins Ausland zu wechseln oder in einem anderen Klub in Deutschland neu anzufangen, machte er mit 29 Jahren kurzerhand Schluss. „Wer so etwas macht, hat den Fußball nie geliebt“, empörte sich Fußballmanager und Ex-Bundestrainer Rudi Völler. Aber Jansen hatte schon keinen Hehl daraus gemacht, dass es für ihn „mehr als Fußball“ gebe. Seinem Lieblingssport ist er treu geblieben, als Experte in den Medien. Und als Kritiker aktueller Trends. Jansen geht es zu viel um Geld und Kommerz, zu wenig um Identifikation und Tradition: „Da passiert mir zu wenig, das ist auch ein ganz klares Problem beim HSV“.

Wann haben Sie das letzte Mal Fußball gespielt?

Marcell Jansen: Ich spiele so oft es geht mit Freunden, zur Zeit meistens in einer Halle in Öjendorf am Stadtrand. Mein Kumpel holt mich dann ab, immer Montags, das ist fast schon ein bisschen Tradition und macht riesig Spaß. Ich brauch das auch.

Spüren Sie sonst Entzugserscheinungen nach elf Jahren Profifußball?

Wenn man wie ich mit vier Jahren angefangen hat, Leistungssport zu treiben, und den Körper über viele Jahre eigentlich jeden Tag belastet hat, dann meldet sich der Körper, weil er ganz nervös ist und gar nicht versteht, was nach 25 Jahren Sportstress plötzlich los ist. Der schreit förmlich danach, deshalb muss man sorgfältig „abtrainieren“. Und natürlich jucken die Füße, wegen des Spaßes am Fußball. Das wird immer so bleiben.

Marcell Jansen ist Ex-Nationalspieler.

Marcell Jansen ist Ex-Nationalspieler.

Foto: Manfred Ertel

Hört sich an, als wenn Ihnen irgendwas fehlt.

Was mir fehlt, ist die Kabinenluft. Mit den Jungs in der Kabine zu sitzen, vor und nach dem Training, gemeinsam im Trainingslager zu sein als Mannschaft, das macht egal ob in der Bezirksliga, in der Champions League oder in der Nationalmannschaft den Fußball aus. Und was mir immer fehlen wird, auch wenn ich noch fünf Jahre drangehängt hätte, ist dieser Tag, wenn Du im Stadion aufläufst, dieser Rasengeruch, wenn 70.000 Leute da sind und du bei so geilen Vereinen spielen durftest wie ich, auch gerade hier in Hamburg.

Als Sie aufhörten, waren Sie noch im besten Fußballalter, in dem andere Kicker noch mal für Millionensummen nach China gehen. Haben Sie Ihre Entscheidung schon mal bereut?

Nee, überhaupt nicht. Fehlen wird mir Fußball immer. Denn Fußball ist das Schönste, was es gibt, wenn man als Spieler auch eine Identifikation hat mit dem Verein, der Stadt, den Leuten. Die habe ich die ganzen Jahre beim HSV gehabt und vorher in der Jugend bei Borussia Mönchengladbach, auch bei den Bayern, selbst wenn die Zeit sehr kurz war. Das sind alles Traditionsvereine.

Aber?

Ich wollte immer nur in Vereinen spielen, die eine ehrliche Aufgabe für mich waren und kein Projekt, das ich mal für ein, zwei Jahre machen wollte, um danach einfach weiterzuziehen. Das aber ist der Fußball, wie er sich heute entwickelt. Eigentlich stehen nur noch die Marken oder die Vereinsnamen oben drüber, aber es ist egal, wie das Ganze mit Leben erfüllt wird. Das war nie mein Fußball.

Werden Sie auf der Straße noch erkannt?

Ja, und ich habe Glück, dass die Reaktion immer angenehm ist. Das zeigt mir, dass ein bisschen was hängen geblieben ist. Und es richtig war, nicht nach China oder in die Türkei wechseln, um dort schnell noch mal die Kohle mitzunehmen.

Der HSV hatte Ihnen im Sommer 2015 keinen neuen Vertrag angeboten, hat Sie das geärgert?

Damals gar nicht, weil mich dieser ständige Kurswechsel, dieses ständige Theater im Verein schon irritiert hatte und ich mich als Typ wie als Spieler hätte komplett unter Wert verkaufen müssen. Es hieß ja, wir brauchen einen Umbruch, wir müssen Geld sparen, um dann im nächsten Jahr das doppelte auszugeben für andere Spieler, die nicht annähernd so viele Länderspiele gemacht haben wie ich. Aber damals schon mehr verdienten.

Hätte der Klub mit Ihnen viel Geld sparen können?

Wenn man damals bis Zwei gezählt und gesagt hätte, lass uns mal reden, denn Identifikation ist ja nicht so verkehrt bei einem Traditionsverein und das mit Spielern, die so etwas auch leben, dann wäre ich der Letzte gewesen, der die Tür zugeschlagen hätte. Tatsächlich ist es aber so gewesen, dass der damalige Sportchef Knäbel nicht mal den Weg zu meinem Berater geschafft hat.

Was sind Sie heute außer Ex-Fußballer?

Vielleicht Visionär? Man kann das nennen, wie man will. Fußball wird immer Teil meiner Geschichte sein, aber jetzt versuche ich mit gleichem Ehrgeiz einen anderen Weg zu gehen und Erfolg zu haben. Mein Anspruch ist es, durch Visionen für junge Menschen Arbeitsplätze zu schaffen und etwas zu bewegen, in den Bereichen, Sport, Lifestyle, Gesundheit und IT. Es sollten schon Themen sein, die einen Bezug zu mir selber haben. Und irgendwann kann man das dann alles schön auf eine Homepage packen.

Eine Seite gibt es schon, die von Ihrem Lifestyle-Sanitätshaus. Wie passt Lifestyle mit Rollatoren und Stützstrümpfen zusammen?

Die Idee hatte mein Freund und früherer Physiotherapeut bei Borussia Mönchengladbach, Michael Risse, schon vor sechs, sieben Jahren. Wir waren sehr erstaunt über das angestaubte Dasein von Sanitätshäusern. Schwarz, weiß, hässlich, man will man da nicht rein, außer man ist krank. Wir haben nicht verstanden, warum das in diesem Begräbnisumfeld stattfindet. Weil Hilfsmittel ja etwas ganz wichtiges sind, entweder weil man sie haben muss oder weil sie helfen können, um gesund zu bleiben.

Eine eher überraschende Erkenntnis für einen Leistungssportler.

Warum? Einlagen zum Joggen zum Beispiel haben ja nix mit Kranksein zu tun. Weil der Mensch Schuhe trägt, hat er nicht mehr genügend Fußmuskulatur, dadurch haben wir ein Problem mit unserem Fundament, den Füßen, und das beheben wir nur über eine wirkliche ehrliche, individuelle Analyse und dann mit einer Top-Einlage, vom Business-Schuh, über den Laufschuh bis zur Ballerina und den High-Heels für Frauen. Das geht weiter zu Kompressionsstrümpfen, die nett aussehen und hochwertig sein können, oder zu Trainingsprogrammen für zuhause. Ich möchte Trends nicht nur erkennen, sondern rechtzeitig mit guten Ideen und Projekten besetzen. Wir betreuen inzwischen 200 Leistungssportler, auch Fußballer.

Zum Beispiel?

Michael Risse hat mich durch meine Karriere begleitet, Miroslav Klose hat alle seine Tor-Rekorde mit unseren Einlagen geschossen, Claudio Pizarro gehört dazu oder früher Oliver Neuville. Es geht aber nicht nur um Prominente, sondern auch um die Oma oder den Nachbarn, der joggen will und immer wieder Probleme hat. Es kann nicht sein, dass einem Nationalspieler alle Türen offen stehen, es aber keine Anlaufstellen gibt, wo sich normale Kassenpatienten gut informieren und versorgen lassen können.

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Was ist Ihre nächste Vision?

(zögert) Es gibt ein paar, über die ich noch nicht sprechen kann. Außerdem muss man unterscheiden, ob ich investiere und beim Aufbau helfe, und welches meine eigene Idee ist. Ich unterstütze zum Beispiel ein Hamburger Start-Up, eine Fußball-App mit Live-Ticker, News und Informationen rund um den Fußball, einem Quiz, einem Tipp-Spiel und anderem mehr. Die App soll sich weiterentwickeln auch auf andere Sportarten, und da versuch ich zu helfen.

Sie sind das Gesicht der HSV-Stiftung "Hamburger Weg", die gesellschaftliche Verantwortung für Kinder und Jugendliche in der Region übernehmen will. Was heißt das?

Fußball ist nicht immer nur Erfolg, so wie es im Leben nicht nur Erfolg gibt, sondern auch Schattenseiten. Da wollen wir unterstützen, zum Beispiel durch Hilfe für Geflüchtete oder bei der Inklusion von behinderten Kindern und Jugendlichen, gerade auch im Sport. Die Stiftung war für mich von Tag Eins an beim HSV immer sehr präsent. So etwas kannte ich nicht von anderen Vereinen. Jeder von uns Spielern wurde einem sozialen Projekt zugeschrieben. Der Verein ist absoluter Vorreiter wie er das schafft, in der Stadt soziale Projekte umzusetzen, das hat mich immer bewegt. Ich hatte viel Glück und Erfolg, ich möchte auch etwas zurückgeben.

Sie hängen sehr an Ihrer Geburtsstadt Mönchengladbach, haben sich aber für Hamburg als Heimat entschieden, warum?

Wenn es im Fußball sportlich nicht läuft, wechselt man schnell Verein und Stadt und kommt eigentlich auch nie wieder zurück. Weil so große Emotionalität im Spiel ist, findet man eine Stadt entweder geil oder scheiße. Bei mir war das von Anfang an anders. Mir ging es auch um die Möglichkeiten, die einem eine Stadt bietet. Und Hamburgs Energien haben mich fasziniert. Ich habe von Anfang an gewusst, dass ich hier meinen Weg gehen kann, mit meinen Ideen und verrückten Sachen, die ich im Kopf habe. Hamburg ist eine starke Stadt, vielschichtig, offen, flexibel. Hier kannst du was lernen, was erreichen und gute, ehrliche Leute kennenlernen. Und der Weg zum Rheinland ist ein Katzensprung.

Können Sie sich eine Rückkehr in den Profifußball vorstellen?

Ich würde das nicht ausschließen. Aber das müsste dann in einer visionären Form sein, um etwas aufzubauen. Und da weiß ich ehrlicher Weise nicht, welche Position das in einem Profi-Fußballverein sein sollte.

Im Profi-Fußball wachsen die Millionensummen für Transfers, Ablösesummen und Gehälter ins Unermessliche, wo soll das enden?

Da muss man wirklich aufpassen. Wir wissen doch alle, wo der Fußball herkommt. Der wurde nicht in der Champions-League erfunden, sondern auf der Straße geboren, wo wir uns mit Jacken und Klamotten die Tore gebaut haben. Wo wir in der Schulpause mit Blechdosen durch die Gegend geschossen haben, weil wir keinen Ball hatten...

Dortmunds Trainer Tuchel hat gesagt, der Fußball müsse aufpassen, dass er den Bezug zu den Menschen nicht verliert, für die gespielt wird.

Da hat er absolut Recht. In der Kreisliga oder Bezirksliga, da ist dieser Bezug zu den normalen Menschen, die das Vereinsleben leben und lieben, noch gegeben. Denn Vereinsleben bedeutet eben nicht, heute spiele ich hier und morgen dort. Das schaffst Du nur über Spieler, die nicht nur ein durchlaufender Posten sind. Da trägt jeder Verein Verantwortung, dass diese Identifikation aus dem Klub heraus an die Fans auch weitergegeben wird.

PERSÖNLICH

Hamburg ist für mich...

....meine Heimat geworden.

Familie bedeutet mir....

...viel: Rückhalt und Arbeit, die man investieren muss, damit es Familie und Rückhalt bleibt.

Kinder sind...

...irgendwann mal ein großer Wunsch von mir.

Hunde sind...

...meine absolute Leidenschaft.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist...

...der Elbstrand, weil ich da den Auslauf für meine Hunde habe.

Tolle Autos spielen....

....für mich keine große Rolle. Für die Touren nach Gladbach gibt es ein Diesel-Leasingauto, ganz unauffällig, in Hamburg fahr ich Smart, da investiere ich lieber in Start-Ups.

Meine Lieblingsbeschäftigung ist...

...für meine Unternehmen unterwegs zu sein.

Der HSV wird nicht absteigen weil...

....es vielleicht zwei oder drei Vereine gibt, die einen schlechteren Job machen.

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