Fußball-Europameisterschaften 2016 Der Abend der besonderen Tore

Dank der Treffer von Shkodran Mustafi und Bastian Schweinsteiger gewinnt Deutschland 2:0 gegen die Ukraine.
12.06.2016, 23:02
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Der Abend der besonderen Tore
Von Marc Hagedorn

Dank der Treffer von Shkodran Mustafi und Bastian Schweinsteiger gewinnt Deutschland 2:0 gegen die Ukraine.

Es war in den vergangenen Tagen viel von Einsatz, vom Willen, ganz allgemein von Tugenden die Rede gewesen, wenn die Nationalspieler und der Bundestrainer über den Einstieg in dieses Turnier gesprochen hatten. Einen „Abnutzungskampf“ hatte Joachim Löw für das deutsche Eröffnungsspiel gegen die Ukraine prognostiziert. Nach den ersten 90 Minuten für die DFB-Elf muss man sagen: So ähnlich es gekommen. Die deutsche Mannschaft gewann zwar mit 2:0 (1:0), aber es war ein Sieg, der viel Arbeit und vor allem anfangs und ganz am Ende ein paar Nerven gekostet hatte – und einen starken Manuel Neuer im Tor erfordert hatte.

Und es brauchte zwei besondere Tore von Spielern, die eigentlich ganz andere Rollen spielen sollen, als sie es jetzt tatsächlich tun. Bastian Schweinsteiger stand wie erwartet nicht in der Startelf, wird aber in den nächsten Spielen immer mehr Einsatzzeiten bekommen. Jetzt erst recht. Als er kurz vor Schluss eingewechselt wurde, gab es donnernden Applaus, und dann war es Schweinsteiger, der das erlösende 2:0 machte.

Auch der andere Torschütze hatte eine ganz besondere Geschichte. Shkodran Mustafi hätte normalerweise nicht in der Startelf gestanden. Aber da Mats Hummels immer noch nicht fit genug ist, verteidigte Mustafi neben Abwehrchef Jerome Boateng. Nach 19 Minuten tauchte Mustafi, Profi beim FC Valencia, dann aber vor dem anderen Tor auf. Toni Kroos und Mesut Özil hatten sich nach einem Foul an Thomas Müller zur Ausführung eines Freistoßes bereit gemacht. Kroos war es schließlich, der den Ball an den Fünfmeterraum heranspielte. Dort gewann Mustafi, für einen Innenverteidiger mit einer Körpergröße von 1,84 Meter eher klein geraten, das Kopfballduell mit dem fünf Zentimeter größeren Sydorchuk, und es stand 1:0 für Deutschland. Der Treffer hatte Symbolcharakter: Er war mit Wille und Durchsetzungsvermögen zustande gekommen.

Ohne diese einst als deutsche Grundtugenden gepriesenen Eigenschaften wäre es in Lille auch schwer geworden, gegen die Ukraine zum Erfolg zu kommen. Löw hatte zehn Weltmeister in die Startelf gestellt, nur Linksverteidiger Jonas Hector war vor zwei Jahren nicht dabei gewesen. Das war ein klares Zeichen: Löw setzte auf Erfahrung und verzichtete auf Experimente.

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Die Ukrainer verteidigten mit zwei Viererketten. „Wir sollten spielerisch überlegen sein“, hatte Toni Kroos am Tag vor der Partie gesagt. So war es auch. Wenn die Deutschen den Ball hatten, zogen sich alle ukrainischen Spieler in die eigene Hälfte zurück. Das verschaffte Löws Mannschaft zwar viel Ballbesitz, je nach Spielphase zwischen 65 und 72 Prozent. Doch gute Torchancen sprangen dabei vor der Pause nur selten heraus. Einmal verzog Hector, dem der Ball gegen das Schienbein sprang (14.), einmal scheiterte Sami Khedira nach tollem Zuspiel von Kroos an Torwart Pyatov (29.), einmal konnte sich Müller nicht entscheiden, ob er Kopf oder Fuß nehmen sollte (41.). Die Ukrainer, die nur vier Gegentore in zehn Qualifikationsspielen kassiert hatten, machten die Mitte zu, zwangen die Deutschen zum Spiel über Außen und hielten mit viel Körpereinsatz dagegen.

Eine brisante Frage zur deutschen Mannschaft war gewesen: Wie anfällig würde sie über die Außenbahnen sein? Also dort, wo der Gegner seine beiden besten Einzelspieler hatte. Nämlich Andriy Yarmolenko von Dynamo Kiew, dessen Marktwert auf 25 Millionen Euro beziffert wird, der über rechts gegen Hector kam, und Yevhen Konoplyanka vom FC Sevilla, der links mit Benedikt Höwedes zu tun hatte. Tatsächlich waren es diese beiden Flügelspieler, die der deutschen Abwehr die meisten Probleme bereiteten und zwar von Beginn an.

Schon nach fünf Minuten luchste Jarmolenko Mustafi den Ball ab und brachte Kovalenko in Position. Den Schuss des zentralen Offensivmannes parierte Neuer, der als Kapitän aufgelaufen war, aber großartig. Nach 27 Minuten war Neuer erneut gefordert. Einen Kopfball von Khacheridi lenkte Neuer mit einem tollen Reflex über die Latte. Nach 37 Minuten wäre aber auch der vielleicht beste Torwart der Welt geschlagen gewesen. Jarmolenko hatte Konoplyanka, seinen Partner von der gegenüberliegenden Seite, frei gespielt, und nur dank einer artistischen Rettungsaktion von Boateng hieß es nicht 1:1.

In der zweiten Halbzeit musste Neuer dann noch gegen einen Freistoß von Rakitskiy klären (57.). Zu diesem Zeitpunkt beherrschte die DFB-Elf aber längst das Spiel. Die Ballbesitzquote nahm weiter zu, und je mehr die Ukrainer ihre Ordnung verloren, desto häufiger kamen die Deutschen zum Abschluss. Aber sowohl Julian Draxler (48.) als auch Khedira aus der Distanz (61.) scheiterten an Pyatov. Draxler, weitaus auffälliger als seine Mittelfeldkollegen Özil und Müller, köpfte drüber (68.). Götze schloss zu schwach ab (75.), Müller scheiterte an Pyatov (76.). Der eingewechselte Andre Schürrle verzog auch noch (82.). Das zweite Tor, das inzwischen hochverdient gewesen wäre und alle Zweifel genommen hätte, hoben sich die Deutschen bis ganz zum Schluss auf. Es wäre fast noch schief gegangen: Nach einem Abschlag von Pyatov überköpfte Mustafi seinen eigenen Torwart (88.), aber der Ball landete neben dem Tor.

Ex-Bundesliga-Profi Slaven Bilic, später als Cheftrainer der kroatischen Nationalmannschaft mehrfach Gegner der deutschen Elf, hatte vor dem Spiel in einem Interview gesagt: „Deutschland beeindruckt mich nicht.“ Sie erinnere ihn mit ihrem Ballbesitzfußball vielmehr an den „FC Bayern in seinen schlechten Zeiten“. Nach dem Auftakt gegen die Ukraine ist dieses Urteil nicht mehr haltbar. Aber ganz daneben lag Bilic auch nicht: Um Europameister zu werden, muss noch einiges besser werden.

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