Neue wissenschaftliche Studie "Der FC Bayern wird bevorzugt"

Der Bayern-Bonus: Nun ist er wissenschaftlich verbrieft. Eine Studie dreier Wissenschaftler bestätigt, was Fans schon lange zu wissen glaubten. Schiedsrichter bevorteilen unbewusst stärkere Mannschaften.
19.04.2016, 00:00
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Von Jörg Niemeyer

Der Bayern-Bonus: Nun ist er wissenschaftlich verbrieft. Eine Studie dreier Wissenschaftler bestätigt, was Fans schon lange zu wissen glaubten. Schiedsrichter bevorteilen unbewusst stärkere Mannschaften.

Es war eine Geschichte, die im März vergangenen Jahres ganz Fußball-Deutschland beschäftigt hatte: Werders Geschäftsführer Thomas Eichin hatte sich darüber beschwert, dass die Bundesliga-Schiedsrichter vor den Stars des FC Bayern zu sehr kuschen würden. Bayerns Sportvorstand Matthias Sammer konterte wütend damit, dass dem ehemaligen Eishockey-Spieler und -Manager Eichin wohl ein Puck zu viel an den Kopf geflogen sei. Ein fast schon witziger Schlagabtausch, wenn er denn nicht so viel ernsten Hintergrund gehabt hätte: hier der Vorwurf der vermeintlich Benachteiligten, dort die Empörung der vermeintlich Bevorteilten.

Ist es Zufall, dass ein gutes Jahr später und genau zum DFB-Pokal-Halbfinale zwischen den Bayern und Werder nun die fast unglaubliche Pointe dieser Auseinandersetzung folgt? Eigentlich haben es die Fußball-Fans außerhalb von München ja schon immer gewusst: Die Bayern genießen, wenn es um strittige Fragen auf dem Platz geht, einen Bonus. Der Haken an der Sache: Das war bislang nicht nachzuweisen. Bislang. Denn jetzt tritt das Autoren-Trio mit Eberhard Feess, Helge Müller und Paul Bose mit einer Studie an die Öffentlichkeit, die den Bayern-Bonus belegt.

„Wir waren selbst überrascht von einem so starken Status-Effekt der Bayern“, sagte Müller, „und auch darüber, dass es tatsächlich nur dieses eine Team gibt, das so einen Status hat.“ Der Sportökonom aus Aachen und seine Kollegen waren selbst davon ausgegangen, dass sie keine systematischen Effekte würden nachweisen können. Doch sie konnten.

Anlass für die noch unveröffentlichte Studie war das Auftaktspiel der WM 2014 zwischen Brasilien und Kroatien. „In dieser Partie hatte es viele merkwürdige Entscheidungen zuungunsten der Kroaten gegeben“, sagte Müller dem WESER-KURIER am Vorabend des Pokal-Halbfinales, das er auf jeden Fall sehr aufmerksam und nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Fußball-Fan am Fernseher verfolgen werde.

Die damalige Vermutung der Wissenschaftler: Schiedsrichter bevorzugen unbewusst starke Mannschaften. „Die Theorie, dass die starken Teams gegenüber den schwachen bevorteilt werden, gibt es in den Kneipen ja schon länger“, sagte Müller. Nun also werde die Theorie durch belastbare Daten einer empirischen Untersuchung bewiesen. Und das Material, das die Wissenschaftler in den vergangenen zwölf Monaten analysiert haben, ist umfangreich – genauer gesagt: Es umfasst Daten aus allen 4284 Bundesliga-Spielen zwischen 2000 und 2014.

In der Datenbank der Deutschen Fußball-Liga (DFL), die mit ihren Einträgen die Grundlage der Studie bildete, sind die Schiedsrichterentscheidungen aller 4284 Begegnungen den Kategorien „richtig“, „falsch“ oder „strittig“ zugeordnet. Feess, Müller und Bose werteten alle Tor- und Elfmeterentscheidungen aus, die nicht in die Kategorie „strittig“ gefallen sind. Und sie kamen beispielsweise zu der klaren Erkenntnis, dass von zu Unrecht verweigerten Elfmetern in signifikanter Weise Top-Mannschaften häufiger profitierten als schwächere Teams. Für die Festlegung, wer Top-Team ist und wer Außenseiter, legten die Autoren die „Ewige Tabelle der Bundesliga“, also sämtliche Platzierungen aller Klubs seit der Saison 1963/64, zugrunde.

Die Zahlen der Wissenschaftler sprechen eine deutliche Sprache: Während im Mittel aller Mannschaften in Situationen nicht gegebener Elfmeter in 15 Prozent der Fälle ein Strafstoß hätte gegeben werden müssen, war das bei den Bayern erheblich seltener der Fall. „Aber wir glauben nicht, dass Schiedsrichter absichtlich falsch entscheiden“, betonte Müller. Das Ergebnis der Studie sei keine Einschätzung, sondern basiere auf Fakten.

Gleichwohl sei es, so Müller, für Unparteiische möglicherweise hilfreich, sich dieser Zahlen bewusst zu werden. „Die Gefahr einer Fehleinschätzung könnte geringer werden“, sagte er, räumte zugleich jedoch ein, dass dann die Gefahr einer Überregulierung der Schiedsrichter aufkommen könnte. Es ist demnach denkbar, dass die Ergebnisse der Studie in der Praxis noch erhebliche Auswirkungen haben werden. Auf Interesse seitens des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) seien sie gestoßen, eine Anfrage liege bereits vor.

Ob die Spieler versuchen sollten, die Ergebnisse der Studie auszunutzen? „Unser Fokus lag nicht auf der Beantwortung dieser Frage“, sagte der Wissenschaftler Müller. Der Fußball-Anhänger Müller hat sich gleichwohl seine Gedanken gemacht. „Ein Abwehrspieler, der die Erfahrung macht, dass gegen ihn auch bei elfmeterwürdigem Einsteigen oftmals kein Strafstoß verhängt wird, steigt vermutlich robuster ein als ein Verteidiger mit umgekehrtem Erfahrungsschatz.“ Die Studie, das steht schon fest, wird ein Nachspiel haben. In drei bis fünf Jahren werde, so Müller, „die superspannende Frage“ überprüft, ob die jetzigen Ergebnisse Bestand haben oder nicht.

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