Hamburgs Fußball am Abgrund

Der Zweifel frisst die Hoffnung auf

Der Hamburger SV steht vor dem Abgrund: Am letzten Bundesliga-Spieltag droht dem "Dino" der erste Abstieg der Vereinsgeschichte. Eine Bestandsaufnahme.
21.05.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Hendrik Buchheister

Um die Befürchtungen einer Millionenstadt zusammenzufassen, reichen ein paar Meter weißer Stoff, Sprühdosen mit blauer und schwarzer Farbe und Basiskenntnisse der Dichtkunst. Am Dienstagnachmittag treten die Spieler des Hamburger SV im Volkspark aus dem Kabinentrakt und gehen die paar Meter zum Trainingsplatz.

Die letzte öffentliche Einheit steht an, bevor die Mannschaft nach Malente in Schleswig-Holstein aufbricht, um sich in aller Abgeschiedenheit auf das Saisonfinale am Samstag gegen Schalke vorzubereiten. Rund 50 Fans sind da, um den Spielern Mut zu machen – oder eben in schwarzen und blauen Buchstaben auf einem weißen Stoffbanner am Zaun des Trainingsplatzes ein finsteres Szenario zu prognostizieren. „Samstag muss Herz, Kampf und Glück auf unserer Seite sein. Sonst geht Ihr als die größten Deppen in die Vereinsgeschichte ein!!“ Zwei Ausrufezeichen.

Die größten Deppen, das ist es also, was den Spielern droht, die in dieser Saison beim HSV angestellt sind. Sie hätten einen historischen Makel zu verantworten, nämlich den ersten Bundesliga-Abstieg. Gegen Schalke braucht die Mannschaft einen Sieg und muss auf die Konkurrenz hoffen.

Seit dem ersten Anpfiff 1963 gehören die Hamburger zur Bundesliga. Das letzte verbliebene Gründungsmitglied. Der FC Bayern sammelt Meisterschalen und Pokale, der HSV Sekunden, Minuten, Stunden und Tage. Sie werden angezeigt auf einer Digital-Uhr in der Nordwest-Ecke des Stadions und messen die Erstliga-Zugehörigkeit des Klubs. Die scheinbar unendliche Mitgliedschaft in der höchsten Spielklasse macht die Identität des Vereins aus, der sich Bundesliga-Dino nennt und einen Plüsch-Dinosaurier mit etwas zu tiefem Körperschwerpunkt als Maskottchen hat. Wegen dieser Folklore wäre der Abstieg mehr als ein sportlicher Tiefschlag. Er würde den Markenkern des Hamburger SV zerstören.

Lotto King Karl, Musiker, Stadionsprecher und beinahe ähnlich elementarer Bestandteil des Inventars wie die Uhr, will die Hoffnung nicht aufgeben. Der Verein könne in den finalen Stunden des Abstiegskampfes auf das Wohlwollen der gesamten Republik zählen. Glaubt er. „Wir haben einen Auftrag des ganzen Fußball-Landes“, sagt er. Denn die ewige Zugehörigkeit zur Spitzenklasse sei einer der wenigen Rekorde, der nicht in Besitz des FC Bayern sei. Und je größer das Gegengewicht zu den Münchnern, desto besser für die Bundesliga, das ist die These von Lotto King Karl. Sportlich können sich die Mannschaften längst nicht mehr messen. 8:0 gewannen die Bayern in dieser Rückrunde gegen den HSV.

Der Abstieg, sagt Lotto King Karl, wäre superschlimm. Nicht so sehr für ihn selbst, er würde auch in der zweiten Liga vor den Heimspielen seine Stadt- und Vereinshymne „Hamburg, meine Perle“ singen. Sondern für den Verein und seine Bedeutung als ewiger Erstligist, als einziger Klub, der immer da war. Noch hält er durch und hofft: „Ich leide bis zum Schluss und darüber hinaus mit, mit vollem Masochismus“, sagt Lotto King Karl. Fußball kann weh tun, und wer dem HSV anhängt, muss besondere Freude an Schmerzen haben.

Bei vielen Fans aber hat sich Resignation ausgebreitet angesichts des Niedergangs in den vergangenen Jahren. Selbst Uwe Seeler, Hamburgs hauptamtlicher Sich-Sorgen-Macher, nimmt den drohenden Sturz in die zweite Liga mit einer gewissen Gleichgültigkeit zur Kenntnis. Bei so vielen Fehlern dürfe man sich nicht wundern. Viele wollen sich nicht mehr mit dem Klub beschäftigen, von dem sie einmal dachten, es sei ihr Klub.

Dazu kommt: Hamburg in der Zweitklassigkeit, die zweitgrößte Stadt Deutschlands, weltbekannt durch den Hafen, Olympia-Anwärter – das klingt falsch in den Ohren der Einheimischen. Sollte der HSV absteigen, träfe das auch das Selbstbewusstsein der Stadt.

Willi Schulz hat zwei Vereine. Den HSV, für den er zwischen 1965 und 1973 mehr als 200 Spiele machte, und den FC Schalke 04, wo seine Karriere begonnen hatte. Schulz ist in Wattenscheid geboren, spricht die Sprache des Ruhrgebiets, auch nach vielen Jahren im Norden. Wenn er „Engagement“ meint, sagt er: „Angaschemang“. Er hört sich an, als hätte ihm der ehemalige Fußball-Kommentator Werner Hansch die Stimme geliehen. Schulz, 76 Jahre alt, verdient sein Geld mit Versicherungen. Er sitzt im Besprechungszimmer seiner Firma in Norderstedt, an der Wand hängen in blauen Plastikrahmen Urkunden für gute Vertriebsergebnisse. Wenn am Samstag seine beiden Mannschaften aufeinander treffen, drückt er dem HSV die Daumen. Für Schalke geht es um nichts mehr, für die Hamburger um alles.

Schulz kennt sich aus mit Spielen, bei denen es um alles geht. Er hat im WM-Finale 1966 gegen England mitgewirkt und beim Halbfinale 1970 gegen Italien, das als Jahrhundertspiel in die Geschichte einging. Auch den Abstiegskampf kennt Schulz, mit dem HSV war er in der Saison 1972/73 mal Tabellenletzter. „Ich weiß, wie das ist, wenn den 18-Jährigen in der Kabine die Knie zittern“, sagte er.

Die wichtigste Tugend im Kampf um den Klassenerhalt ist aus seiner Sicht, nicht aufzugeben, wenn das 0:1 fällt, sondern die Ärmel hochzukrempeln und zu sagen: Jetzt erst recht! Das ganze Drumherum, die Menschen im Stadion, die Medien, das müsse man ausblenden als Profi. „Man muss einfach durch den Kanal“, sagt Schulz. In der Theorie kann Fußball simpel sein.

Jörn, 44 Jahre alt, braune Jacke von Jack Wolfskin, Fan schon seit der Kindheit, steht am Trainingsplatz. Nach dem Training im Volkspark verlassen die Hamburger Spieler den Rasen, auf dem Weg zum Kabinentrakt müssen sie an ihm vorbei. Er hat ein Plakat gemalt, darauf steht: „Don’t give up!“ Der Punkt des Ausrufezeichens ist die HSV-Raute. Den Spielern gibt er seine besten Wünsche mit für das Abstiegsfinale gegen Schalke, das schwerste Spiel der Klubgeschichte: „Gojko, mach’s noch mal“, ruft er Gojko Kacar zu, dem Mittelfeldspieler, der zuletzt drei Tore gemacht hat. „Slobo, alles Gute!“, ruft er Abwehrspieler Slobodan Rajkovic zu. „Zoltan, mach’ noch ein Ding“, ruft er Mittelfeldspieler Zoltan Stieber zu, der schon ziemlich lange kein Ding mehr gemacht hat. Die Spieler nicken nur kurz zurück. Sie sind in ihrer eigenen Welt, im Kanal. Die Stollen ihrer Fußballschuhe klicken auf dem Asphalt.

Für Jörn ist es wichtig, noch einmal beim Training zu sein. „Ich will ein Zeichen setzen, die Spieler sollen wissen, dass wir an sie glauben“, sagt er. Manchmal glauben Fans, ihren Teil zum Lauf der Geschichte beitragen zu können. Helfen zu können, dass Titel gewonnen und Abstiege vermieden werden. Am letzten Spieltag hofft Jörn auf Herz, Kampf und Glück, wie es auf dem Banner am Zaun steht. Damit die Spieler des HSV nicht als Deppen in die Vereinsgeschichte eingehen.

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