DFB DFB erneuert Vorwürfe gegen Amerell

München. Der Deutsche Fußball-Bund hat die Vorwürfe gegen den ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichter Manfred Amerell wegen sexueller Belästigung erneuert. Dessen Anwalt griff unterdessen den DFB an.
16.02.2010, 14:43
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München. Der Deutsche Fußball-Bund hat den ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichter Manfred Amerell schwer belastet und strafrechtliche Schritte nicht ausgeschlossen.

 

"Unabhängig voneinander haben mehrere Personen in den Anhörungen zu Protokoll gegeben, von Herrn Amerell in der Vergangenheit bedrängt und/oder belästigt worden zu sein", teilte der DFB am Dienstagabend mit. Dem bisherigen DFB-Funktionär wird vorgeworfen, mindestens einen Referee sexuell belästigt zu haben. Amerell bestreitet die Anschuldigungen. "Zusammenfassend bleibt nach Sichtung des Abschlussberichtes festzuhalten, dass es sich bei den im Raum stehenden Vorwürfen allen Aussagen zur Folge um keinen Einzelfall handelt", hieß es in der Presseerklärung des Verbandes. Amerell habe "seine Pflichten als Mitglied des Schiedsrichterausschusses klar verletzt".

Ob strafrechtliche Schritte eingeleitet werden, liege "zunächst in der Entscheidung der Betroffenen", erklärte der DFB. Als Konsequenz aus der Affäre kündigte der Verband an, dass die bisherigen Strukturen im Schiedsrichterwesen einer kritischen Prüfung unterzogen werden sollen. Hierfür will der DFB eine Kommission einsetzen, der unter anderen die früheren Bundesliga-Referees Herbert Fandel und Hellmut Krug angehören sollen.

Eine der dringendsten Maßnahmen sei eine Reform des derzeitigen Beobachtungssystems, "das die Begleitung und die Bewertung eines jungen Schiedsrichters über einen langen Zeitraum durch eine einzelne Person zur Folge haben kann". Ziel sei es, Abhängigkeitsverhältnissen effektiver vorzubeugen. Zudem soll künftig ein Vertrauensmann als unabhängiger Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Die aktiven Schiedsrichter sollen ein stärkeres Mitspracherecht bekommen, so der DFB.

"Wir wollen ein starkes Schiedsrichterwesen, in dem Fehlverhalten Einzelner nicht systematisch unter den Teppich gekehrt werden kann", erklärte DFB-Präsident Theo Zwanziger. Im Fall Amerell gehe es "nicht um die Bewertung sexueller Neigungen", sagte Zwanziger. "Wir wollen nicht, dass sexuelle Orientierung diskriminiert wird. Der DFB setzt sich für einen offenen, toleranten Umgang miteinander ein. Gerade durch mehr Offenheit im Umgang mit diesem Thema können wir künftig verhindern, dass Dinge heimlich passieren oder tabuisiert werden."

Es sei unzulässig, "die betroffenen Personen in den Kontext Homosexualität zu stellen", schrieb der DFB. "Sie haben vielmehr mutig entschieden, Vorgänge öffentlich zu machen, über die zu lange geschwiegen wurde. Schiedsrichter wie Michael Kempter verdienen unseren höchsten Respekt und ich hoffe sehr, dass er von allen Fußballfans die uneingeschränkte Unterstützung bekommt, die er verdient hat", erklärte Zwanziger. Der 27 Jahre alte FIFA-Referee Michael Kempter hatte sich im Dezember an den DFB gewandt.

Zuvor hatte Amerells Anwalt Jürgen Langer schwere Vorwürfe gegen den DFB erhoben. "Zur Stunde ist weder meinem Mandanten noch mir der konkrete Inhalt der Beschuldigungen bekannt", hatte der Münchner Jurist erklärt und den DFB nachdrücklich aufgefordert, Einsicht in die Ermittlungsakten zu gewähren. Nach Abschluss der internen Untersuchungen von DFB-Justiziar Jörg Englisch am Montag hatte Zwanziger in einem Interview der "Bild"-Zeitung den Rücktritt Amerells als "absolut notwendig" bezeichnet. "Amerell wird stark und intensiv belastet", sagte der DFB-Boss.

Amerell-Anwalt Langer warf dem größten Sportfachverband der Welt die Missachtung juristischer Grundsätze vor. In der DFB-Zentrale in Frankfurt/Main sei ihm am vergangenen Mittwoch "jegliche Auskunft verwehrt" worden. Tags darauf sei ein Anruf "ohne Erwiderung" geblieben. Am Montag hätten ihm DFB-Direktor Stefan Hans und Englisch mitgeteilt, dass "der interne Vorgang beim DFB abgeschlossen sei und eine Gewährung von Akteneinsicht nicht erfolgen werde", schrieb Langer in einer Stellungnahme der Kanzlei Paproth Metzler Partner.

Deshalb habe er das DFB-Sportgericht angerufen, "um die Rechtmäßigkeit der Ablehnung der Akteneinsicht überprüfen zu lassen". Der DFB-Kontrollausschuss sei gebeten worden, "Ermittlungen einzuleiten, ob das Recht auf Akteneinsicht in die beim DFB geführten Verwaltungsakten zu Recht verweigert wurde", hieß es weiter.

Der DFB reagierte am Abend und teilte mit: "Weil Herr Amerell ohnehin bereits seinen Rücktritt erklärt hat und der Fall damit für den DFB auf der Verwaltungsebene abgeschlossen ist, haben wir seinem Anwalt deshalb auch keinen Einblick in die Akten gewährt." Amerell habe aber die Möglichkeit, "von den rechtstaatlichen Mitteln Gebrauch zu machen und im Rahmen eines solchen Verfahrens Akteneinsicht zu bekommen".

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