WM-Qualifikationsspiel in Österreich DFB-Team hat wenig zu gewinnen

Wien. Heute Abend wird es ernst. Nach dem leichten Auftakt gegen die Färöerl muss die DFB-Elf in Wien gegen Österreich bestehen. Der Gegner gilt nicht als Fußball-Riese, aber Bundestrainer Joachim Löw redet von ihm so, als ob er einer wäre.
11.09.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Frank Hellmann

Wien. Es ist ein Versehen gewesen, gewiss. So viele Fotografen, Kameraleute und Berichterstatter drängelten sich plötzlich in den arg verwinkelten und schlecht belüfteten Presseraum des Ernst-Happel-Stadions, dass jemand in der Enge den Lichtschalter ausdrückte.

Joachim Löw hat beiläufig darüber hinweggelächelt, denn noch ist die Lage ja nicht so, dass der 52-Jährige deswegen einsam im Dunklen sitzen bleibt. Doch dass da einer die überbordende Last der Erwartungen spürt, trat selten so deutlich zum Vorschein wie bei Löws Auftritt vor dem WM-Qualifikationsspiel in Österreich (heute 20.30 Uhr/live ARD).

Als die Beleuchtung wieder funktioniert, hat der aus seiner Zeit bei Tirol Innsbruck und Austria Wien als Österreich-Kenner geltende Bundestrainer wahre Elogen auf einen auf Fifa-Ranglistenplatz 49 geführten Widerpart gehalten, den die deutsche Nationalmannschaft vor fast genau einem Jahr in der EM-Qualifikation noch mit 6:2 aus der Schalker Arena geschossen hatte. "Österreich hat sich enorm weiterentwickelt und ist absolut konkurrenzfähig", beschied Löw mit ernster Miene. "Das wird ein Spiel auf Augenhöhe." Dass bis ins Jahr 1986 zurückgeblättert werden muss, um in den Annalen einen Sieg der Alpenrepublik zu finden – 4:1 zur Eröffnung des umgebauten Praterstadions – verschwieg der Badener wohlweislich.

Den Charterflug von Hannover nach Wien-Schwechat hatte Löw am Vormittag nach eigenem Bekunden dazu genutzt, "die Lektüre zu studieren", und dabei ist ihm aufgefallen, dass ihm weiter lange Mängellisten vorgehalten werden. Eine miserable Chancenverwertung, eine furchtbare Freistoß- und Eckenbilanz etwa. Die fehlende Effizienz hatte der Offensiv-Liebhaber Löw zwar gleich nach dem Sieg gegen die Färöer gerügt, doch in den Vergleichen gegen Schweden, Irland und eben Österreich – "hartnäckige Konkurrenz" (Löw) auf dem Weg zur nächsten WM – könnten solche Versäumnisse fatal sein. "Wir brauchen zu viele Chancen. Wir müssen unsere Aktionen konsequenter zu Ende spielen", verlangt Löw, der einen "aggressiven Abnutzungskampf" erwartet. Sein Team müsse "Kaltschnäuzigkeit lernen". Neue Begrifflichkeiten einer neuen Ära.

Löw hat sich mit seinem taktischen Fehlgriff aus dem EM-Halbfinale in die Bringschuld manövriert; viele Fußball-Weise verlangen nun als Entschädigung nach dem WM-Titel. Löw ahnt, dass dies einen Teufelskreis ergeben könnte und versicherte deshalb prophylaktisch: "Niemand denkt an Brasilien." Viel zu weit weg sei die WM 2014. "Wir sollten uns darauf besinnen, kleinere Schritte zu machen." Speziell eine Sechser-Qualifikationsgruppe sei bereits "ein Langstreckenwettbewerb."

Und war es nicht mit Sami Khedira einer seiner Anführer, der nun im Interview mit dem "Kicker" kritisierte, dass die zu frühe Fokussierung aufs EM-Finale wie ein Bumerang wirkte? Khedira wörtlich: "Der entscheidende Punkt war wohl, dass wir uns zu sicher waren und schon ein bisschen Richtung Finale gegen Spanien geschaut haben." Eine Darstellung, zu der Löw erstaunlicherweise nun nebulös "Interpretationsmöglichkeiten" andeutete.

Welchen Spieler er Khedira in Wien, wo die DFB-Auswahl im Juni 2011 nur dank eines Last-Minute-Tores von Mario Gomez 2:1 siegte, an die Seite stellt, blieb offen: eher nicht den offensiven Mario Götze, sondern vermutlich den genesenen Toni Kroos. Oder Lars Bender. Auch für die linke Abwehrseite, wo Marcel Schmelzer einsatzfähig wäre, wollte Löw noch keinen Entscheid verkünden. Alle Mitglieder des deutschen Kaders sind wieder bei Kräften.

Die Auswahl nächtigt übrigens in einem feudalen Wellnesshotel gleich neben dem Stephansdom, doch von der Entspannung, die sich die meisten Touristen dieser Tage in der sonnenüberfluteten Donaumetropole gönnen, kann bei der DFB-Delegation nicht die Rede sein. Mag Löw seine Wertschätzung für die Arbeit des Kollegen Marcel Koller noch so oft wiederholen – es ändert nichts daran, dass ein Ländermatch gegen Österreich genau zu jenen Spielen gehört, "in denen manchmal wenig zu gewinnen ist". Dafür umso mehr zu verlieren. Auch wenn deswegen gewiss nicht mehr die Lichter im deutschen Fußball ausgehen würden.

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