DFB-Team feiert WM-Triumph Die Nacht der Weltmeister

Rio de Janeiro. Nach einem Endspiel, das an Intensität und Spannung kaum zu übertreffen war, ist die deutsche Nationalmannschaft in Rio Weltmeister geworden. Die Spieler machten die Nacht zum Tag, sie feierten mit ihren Freunden und Familien.
15.07.2014, 00:00
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Die Nacht der Weltmeister
Von Marc Hagedorn

Nach einem Endspiel, das an Intensität und Spannung kaum zu übertreffen war, ist die deutsche Nationalmannschaft in Rio Weltmeister geworden. Die Spieler machten die Nacht zum Tag, sie feierten mit ihren Freunden und Familien. Es flossen Tränen, und es gab Glückwünsche aus aller Welt, sogar aus dem All. Die Mannschaft von Joachim Löw hat Unglaubliches geleistet. Das Protokoll einer Nacht voller Emotionen und schräger Gesänge.

In der Mixed Zone, dort, wo sich die Fußballer und Reporter gegenüberstehen, um sich über das soeben gespielte Spiel auszutauschen, herrschte das übliche geschäftige Treiben. Vielleicht ein bisschen entspannter diesmal, vielleicht ein wenig lockerer und mit ein paar mehr flotten Sprüchen als sonst. Aber dass diese Spieler, die hier nun Rede und Antwort standen, zwei Stunden zuvor Fußball-Weltmeister geworden waren, konnte man daraus nicht ableiten.

Erst als die Umkleidekabine fast leer war, änderte sich das Bild. Vier Spieler fehlten noch. Und dann kamen sie, beziehungsweise zunächst hörte man sie nur. „So ein Tag, so wunderschön wie heute“, schmetterte ein Gesangverein aus vier schrägen Stimmen. Dann öffnete sich die Tür zur Mixed Zone – und Manuel Neuer, Per Mertesacker, Sami Khedira und Mesut Özil erschienen. Und tatsächlich, sie alle sangen, sogar der schüchterne Mesut Özil für einen Moment.

Mertesackers Plastiktüte

Auf der Hälfte der Strecke stimmte Khedira, bekanntlich Profi in Spanien bei Real Madrid, den Schlachtruf der dortigen Fans an: „Campeones, Campeones“. Danach übernahm wieder Per Mertesacker die Chorleitung. Er trug eine Plastiktüte, ein Ball steckte darin – und ganz viel Lebensfreude in diesem Menschen. „Die Nummer 1, die Nummer 1, die Nummer 1 der Welt sind wir“, grölte Mertesacker zur Melodie von „When the saints go marching in“. Gute 30 Sekunden dauerte der Auftritt der vier Rabauken, dann hatten sie die Mixed Zone durchpflügt, ohne ein Interview geben zu müssen. Aber warum auch viele Worte machen an so einem Abend, der von Bildern, Gesten und Eindrücken lebt.

Was war das für eine Freude auf dem Rasen des Maracanã gewesen, als Schiedsrichter Nicola Rizzoli die Partie abgepfiffen hatte. Wer noch konnte, der jubelte. Alle anderen legten sich erst mal nieder. Im Boxen gab es diese legendären Fights zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier in den 70er-Jahren. „Thrilla in Manila“ hieß der dritte und entscheidende Kampf auf den Philippinen, der wohl der intensivste, schmerzhafteste und dramatischste Boxkampf aller Zeiten war. Ali und Frazier waren beide schwer gezeichnet, waren beide nahe der Ohnmacht. Ein Schlag nur, schon der nächste, hätte den K.o. bedeuten können.

So ähnlich war es auch über 120 Minuten auf dem Rasen des Maracanã zugegangen. Zwei gleichwertige Mannschaften, zwei überragende Mentalitäten lieferten sich ein Duell, das auf diese eine entscheidende Aktion zusteuerte. Argentinien hätte sie haben können, Deutschland hatte sie schließlich, als Mario Götze in der 113. Minute eine wunderbare Vorarbeit von André Schürrle in Argentiniens Tor unterbrachte.

Man sah danach Fußballer, die an die Grenze ihrer Belastbarkeit oder im Falle von Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm wahrscheinlich sogar noch darüber hinaus gegangen waren. „Ich hatte das der Mannschaft gesagt“, erzählte Bundestrainer Joachim Löw hinterher, „ich habe ihr gesagt: Ihr müsst so viel geben wie nie zuvor.“ Und das tat sie.

Jérôme Boateng zum Beispiel dürfte das Spiel seines Lebens ausgerechnet in einem WM-Finale abgeliefert haben. Ein absolut perfektes Timing. Der Innenverteidiger des FC Bayern stand so oft richtig, unterband so oft argentinische Chancen, gewann so viele Zweikämpfe (83,3 Prozent), dass man ganz entgegen der sonstigen Erfahrungen mit ihm diesmal fast sicher sein konnte, dass nicht viel anbrennen würde. Zur Krönung seiner Leistung grätschte er Sergio Agüero spät im Spiel so geschickt den Ball ab, dass ihm das halbe Stadion applaudierte. „Da ging nur noch umdrehen und ab, hinterher“, schilderte Boateng später diese Szene, die leicht in einer argentinischen Führung hätte enden können.

Endete sie aber nicht, und so waren gegen Mitternacht deutscher Zeit Bilder möglich, die zu Herzen gingen. Manuel Neuer und Miroslav Klose schmusten an der Eckfahne. Über den Torschützen Mario Götze hatte sich eine achtstöckige Jubeltraube gebildet. Bastian Schweinsteiger ließ zum AC/DC-Klassiker „You shook me all night long“ die Hüften kreisen. Nach und nach kamen die Freundinnen der Spieler in den Innenraum, die Frauen und die Kinder. Christoph Kramer, der so unverhofft in die Startelf gerückt war und so unglücklich und so früh wieder ausgewechselt werden musste, starrte regungslos in die Ferne. Toni Kroos, der nun zu Real Madrid wechselt, ging es ähnlich.

Mats Hummels lag platt am Boden, seine Freundin Cathy setzte sich einfach auf ihn drauf, in der Hand eine Miniaturausgabe des WM-Pokals, die er aber gar nicht anfassen wollte. Er hatte ja jetzt das Original. Der Schalker Julian Draxler, vielleicht ein Mann für die Zukunft, weinte, als er seine Freundin aus dem Publikum in den Innenraum führen durfte. Manuel Neuer und Roman Weidenfeller, die deutsche Nummer 1 und 2 im Tor und damit eigentlich Rivalen, hatten sich gemeinsam mit ihren Partnerinnen in eine große Deutschland-Fahne eingewickelt. Und ewig blitzten die Handys.

Flicks Überzeugungsarbeit

Zeit für Bilder. In der Kabine mussten die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident für Erinnerungsfotos herhalten, die umgehend ihren Weg ins Internet fanden. Sie wurden dort in Windeseile weiterverteilt. Der FC Arsenal beglückwünschte seine drei Weltmeister Mesut Özil, Per Mertesacker und Lukas Podolski. Der Astronaut Alexander Gerst twitterte eine Grußbotschaft aus dem All. Hollands Altstar Edgar Davids, Bodo Illgner, der Weltmeistertorwart von 1990, selbst Hugo Almeida, Werders Ex-Stürmer aus Portugal, verschickten Glückwünsche. Pop-Star Rihanna, erklärter Fan von Miroslav Klose und Mesut Özil, tauchte sogar bei der deutschen Mannschaftsfeier im Hotel auf.

Von überall aus der Welt also kamen schöne Worte für eine Mannschaft, die bei all ihrer bekannten Qualität doch auch für sensationelle Wendungen und völlig überraschende Erkenntnisse gesorgt hatte. Was galt denn vor dem Turnier als die größte deutsche Schwäche? Die Abwehr. Jetzt beendete sie das Turnier mit nur vier Gegentoren in sieben Spielen. Davon fielen die beiden Gegentreffer in den K.-o.-Spielen erst in den Schlusssekunden. Und wer war als der große Wackelkandidat ausgeguckt worden? Benedikt Höwedes, der stattdessen aber sieben mindestens solide Auftritte abgeliefert hatte und neben Philipp Lahm als einziger Feldspieler keine einzige der 690 Turnierminuten für Deutschland verpasst hatte.

Was galt sonst noch als deutsche Schwäche? Die ungefährlichen Standards. Abgehakt, kein Team war bei dieser WM gefährlicher als Deutschland nach ruhenden Bällen. „Da hat der Hansi fantastisch gearbeitet“, lobte Löw ausdrücklichen seinen Assistenten Hansi Flick, der eine Vorliebe für Standardsituationen hat und lange gebraucht hatte, auch den Bundestrainer davon zu überzeugen.

Für eine große Unbekannte hatten die Beobachter auch den Teamgeist gehalten. Umso mehr, als im Nachgang der EM 2012 trotz anderslautender Beteuerungen zuletzt herausgekommen war, dass es mit der Stimmung, vor allem zwischen der Dortmunder und der Münchner Fraktion, nicht weit her gewesen sein soll. Wie würde es diesmal funktionieren? Die Antwort gab Bastian Schweinsteiger: „Das Besondere an dieser Mannschaft sind ihre Auswechselspieler.“ Nicht zufällig waren es im Finale mit André Schürrle und Mario Götze zwei eingewechselte Spieler, die für das entscheidende Tor verantwortlich waren. Und weil alles einfach so schön passte, sagte Schweinsteiger auch noch diesen Satz: „Wir kennen ja alle Kevin Großkreutz. Ich hätte nicht gedacht, dass er ein so guter Typ ist.“

Das sagt auch alle Welt über Thomas Müller – vielleicht mit Ausnahme einer kolumbianischen Reporterin. Die hatte wissen wollen, wie schade es für ihn, also Thomas Müller, denn sei, dass er nicht Torschützenkönig der WM geworden ist. Und was sagte Müller? „Des interessiert mi net, der Schoißdreck.“ So wurde es ein ausgelassener Abend. Die fehlende Prise Pathos steuerte Manuel Neuer bei, der jetzt auch offiziell als der beste Torwart der Welt gilt. Er sagte: „Irgendwann werden wir aufhören zu feiern, aber ab jetzt werden wir jeden Morgen mit einem Grinsen aufstehen.“ Weil sie Weltmeister sind.

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