Diego beimVfL Wolfsburg Ein genialer Provokateur

Wolfsburg. Diesen Bluterguss, der seinen linken Rippenbogen ziert, empfindet Diego als eine Majestätsbeleidigung. Es war ein schmerzhafter Tritt, den der Spielmacher des VfL Wolfsburg versetzt bekam. Aber die Reaktion auf den harten Zweikampf im Heimspiel gegen Hannover 96 zeigt, wie aufbrausend Diego sein kann.
21.09.2010, 18:31
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Von Christian Otto

Wolfsburg. Diesen Bluterguss, der seinen linken Rippenbogen ziert, empfindet Diego als eine Majestätsbeleidigung. Es war ein schmerzhafter und ziemlich ungestümer Tritt, den der Spielmacher des VfL Wolfsburg von seinem Gegenspieler Constant Djakpa versetzt bekam. Aber die Reaktion auf den harten Zweikampf im jüngsten Heimspiel gegen Hannover 96 zeigt auch, wie aufbrausend Diego sein kann.

'Fußball ist eine Show. Wenn er das nicht kann, soll er es sein lassen', sagt der Brasilianer über den Ivorer und kanzelt dessen Foul als eine brutale Kung-Fu-Einlage ab. Dass sich Diego im selben Spiel früh eine Gelbe Karte eingehandelt hatte, weil er dem Schiedsrichter einen Vogel zeigte, gehört zu seiner Show. Und mit der macht er sich nicht nur Freunde. 'Es wäre gut, wenn sich Diego auf seine Arbeit konzentrieren würde', findet Hannovers Trainer Mirko Slomka und übt angesichts der Denunzierung seines Schützlings Djakpa leise Kritik.

Die Arbeit des Diego Ribas da Cunha, für die er als bestaunter Ballkünstler in die Bundesliga zurückgekehrt ist, hat höchst unterschiedliche Facetten zu bieten. Über seine Tricks und schönen Tore wundert sich seit den Galaauftritten im Werder-Trikot kaum noch jemand. Aber nach der Verpflichtung des Dribbelkünstlers, der in der vergangenen Saison bei Juventus Turin nicht wie gewünscht zum Zuge gekommen ist, war in Wolfsburg schnell klar: Hier hat einer ein großes Ego und enormen Nachholbedarf mitgebracht. 'Diego will vorangehen, aber manchmal will er auch zu viel', gesteht Dieter Hoeneß.

Vor dem heutigen Gastspiel des VfL beim Hamburger SV (20 Uhr), in dem Diego trotz seiner Verletzung wieder zaubern möchte, gab es hausinterne Abstimmungen mit dem exzentrischen Ball-Virtuosen. Eine Mannschaft trainieren zu dürfen, in der mit Torjäger Edin Dzeko und Diego zwei absolute Ausnahmekönner spielen, das klingt nach einer wunderbaren Aufgabe. Aber Steve McClaren, der neue Chefcoach des VfL Wolfsburg, hat schnell erkannt, dass der Diego-Transfer sowohl sein Spielsystem als auch die Hierarchie des Teams von Grund auf verändern dürfte.

Grenzwertige Auftritte

Sein neuer Regisseur, der den zu Galatasaray Istanbul abgewanderten Zvjezdan Misimovic ersetzt, teilt das Rampenlicht nur ungern. Und seine zuweilen aufreizende Art, die Gegenspieler zu narren, bringt nicht nur Vorteile. 'Mit seiner Spielweise düpiert er Kollegen, aber er provoziert sie auch', sagt VfL-Boss Hoeneß. Zwei Tore in drei Spielen stehen im Fall von Diego zudem zwei grenzwertigen Auftritten gegenüber. Sowohl in der Partie bei Borussia Dortmund, als er sich ein übles Foul gegen Sebastian Kehl leistete, als auch bei seinen abfälligen Gesten im Heimspiel gegen Hannover 96 hätte sich Diego über einen Platzverweis nicht beschweren dürfen.

Auf die Frage, ob Diego bei seinen Auftritten ein Opfer der tretenden Konkurrenz oder auch ein Täter ist, geben seine Mitspieler erstaunlich kritische Antworten. Selbst der sonst eher zurückhaltende VfL-Kapitän Dzeko hat sich zu Wort gemeldet. 'Wir müssen mit Diego sprechen', meint der Bosnier, der großen Spaß an den gemeinsamen Auftritten mit dem Brasilianer hat.

Dzeko zeigt auch Interesse daran, möglichst selten auf die Pässe eines gesperrten Diego verzichten zu müssen. Wie das Duo auf lange Sicht harmoniert, dürfte von den taktischen Vorgaben von McClaren, aber auch von der Lernfähigkeit des Spielmachers abhängen. Auf dem Weg zum ganz großen Star muss Diego erkennen, dass sich sein Hang zu spektakulären Dribblings mit den Stärken von Dzeko nur schwer in Einklang bringen lässt. Der Torjäger lebt davon, mit schnellen Zuspielen in die Spitze versorgt zu werden, und mag es nicht, wenn seine Mitspieler ihn mit zeitraubenden Einzelaktionen im Mittelfeld auf dem Weg zum Erfolg ausbremsen.

Noch stehen die Wolfsburger unten in der Bundesliga-Tabelle und suchen weiter nach der richtigen Strategie. Sie träumen von einer Rückkehr in die Champions League, die der VfL-Geldgeber Volkswagen von ihnen erwartet. 'Wir werden aber noch viel arbeiten müssen', findet selbst Grafite, der dank der gerade vollzogenen Systemrückkehr zum Konterfußball mit zwei Stürmern sein Comeback geben durfte. Der Bundesliga-Torschützenkönig von 2009 wird wieder mehr rennen, aber sich auch daran gewöhnen müssen, dass er eine ziemlich große Portion des Ruhms künftig an seinen Landsmann Diego abzugeben hat.

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