Lukas Podolski in Topform Ein Kerl unter Schwiegersöhnen

Santo Andre. Seine Karriere in der Nationalmannschaft neigte sich schon dem Ende zu. Das konnte man jedenfalls denken. Doch pünktlich zur WM-Endrunde meldet sich Lukas Podolski selbstbewusst und in guter Form zurück.
10.06.2014, 00:00
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Ein Kerl unter Schwiegersöhnen
Von Marc Hagedorn

Seine Karriere in der Nationalmannschaft neigte sich schon dem Ende zu. Das konnte man jedenfalls denken. Zu viel mehr als dem Gute-Laune-Bär taugte Lukas Podolski in den vergangenen zwei, drei Jahren im Kreis der Besten kaum noch. Doch plötzlich ist alles anders: Selbst seine Kritiker loben die neue Art des Offensivmannes.

Neulich hatte Lukas Podolski mal wieder seinen Spaß. Sein Verein, der FC Arsenal, hatte dafür gesorgt. Podolski, und mit ihm Landsmann Per Mertesacker und der spanische Mittelfeldstratege Mikel Arteta, waren von Arsenal-Fans via Twitter scharf attackiert worden. Über Podolski etwa hieß es, dass er kein Scheunentor treffe. Und was machten Arsenal und Podolski? Schafften ein Scheunentor auf den Trainingsplatz und schalteten die Filmkamera an. Herausgekommen ist ein Stück besten britischen Humors: Podolski schießt und schießt; erst vorbei, dann an die Kante, schließlich trifft er doch das Scheunentor. Womit der Kritiker widerlegt war.

Wie dem strengen Arsenal-Fan geht es zurzeit auch in Deutschland vielen, die Podolski eigentlich längst abgeschrieben haben nach immerhin 147 Länderspielen seit Karrierebeginn im Jahr 2004. Erst am Wochenende erklärte Günter Netzer, der seit Ewigkeiten an Podolski herummäkelt: „Es ist bei Poldi eine Ernsthaftigkeit eingetreten.“ Und das tut dem Spieler offenbar gut.

Was ist passiert? So genau kann man das eigentlich gar nicht sagen. Hinter dem ehemaligen „Prinzen us Kölle“ liegt eine bestenfalls mittelmäßig zu nennende Spielzeit in England. Erst fiel der inzwischen 29-Jährige nach einem Muskelbündelriss monatelang aus, dann wechselte ihn sein Trainer Arsène Wenger meist nur ein oder aus. Auch im FA-Cup-Finale, in dem Arsenal endlich eine neun Jahre währende titellose Zeit beendete, spielte Podolski nur eine Nebenrolle. Immerhin acht Tore schoss er in nur 20 Spielen in der Liga.

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Offenbar hat sich der Wechsel auf die Insel vor zwei Jahren heute mittlerweile doch gelohnt. Bundestrainer Joachim Löw jedenfalls sieht einen klaren Zusammenhang zwischen Podolskis neuer Stärke und der englischen Liga. Er habe das Gefühl, dass Podolski – genau wie Nebenmann Andre Schürrle – in Sachen Robustheit und Intensität zugelegt habe.

Dabei war Podolski noch nie ein Leisetreter. Im Gegenteil: Er war das eine Lausbubengesicht des Sommermärchens 2006, Bastian Schweinsteiger das andere. Doch während „Schweini“ in der Folge das Meiste richtig machte, entschied sich „Poldi“ meist falsch. Sein Gastspiel beim FC Bayern war ein Flop, in Köln, wo immer alles etwas lauter und größer ist als anderswo, drohte das einstmals größte Talent als Stadtheiliger in der Mittelmäßigkeit zu verschwinden. Zwar schoss Podolski in der Nationalmannschaft weiterhin regelmäßig seine Tore, aber nie wurde er den Verdacht los, besonders gern gegen die Liechtensteins, Aserbaidschans und Finnlands dieser Fußballwelt zu treffen. Was spielte es da für eine Rolle, dass er auch bei Welt- und Europameisterschaften stets Tore erzielt hat …

Und nun dies: Beim 2:2 im Test gegen Kamerun sorgte Podolski als Vorlagengeber für Andre Schürrle für das zweite Tor. Beim 6:1 gegen Armenien traf er einmal selbst und legte drei weitere Treffer auf. Der Bundestrainer lobte ihn hinterher beinahe überschwänglich. „Wenn Lukas seine Dynamik entwickelt, seine Schnelligkeit ausspielt und in die Tiefe geht, dann ist er kaum zu halten“, sagte Löw.

Dazu strahlte Podolski in beiden Testspielen eine ungeheure Präsenz aus, trat breitschultrig auf, kommunizierte mit den Mitspielern, Gegnern und Fans, ballte immer wieder die Faust und fletschte die Zähne. In einer deutschen Mannschaft, die viele Anhänger für eine Ansammlung von netten Schwiegersöhnen halten, wirkt Podolski wie ein echter Kerl. Das kann nur gut sein fürs große Ganze.

Ob er in Top-Form sei, wurde Podolski nach dem Armenien-Länderspiel gefragt. „Das kann sein“, entgegnete der große Lausebengel, dem es an Selbstvertrauen auch in den schwierigen Jahren eigentlich nie gemangelt hat. Der Titel seiner Homepage ist Programm. Er lautet: „In Pod we trust“ – „Wir vertrauen auf Poldi“. Sehr gut möglich inzwischen, dass auch Joachim Löw dies tun wird, wenn die deutsche Mannschaft am 16. Juni zu ihrem ersten WM-Spiel gegen Portugal antritt.

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