EM-Favoriten und Geheimtipps

Frankreich gegen den Rest Europas

Feiert Frankreich nun auch bei der Fußball-Europameisterschaft? Oder schnappt sich ein anderes Team den Titel? Hier gibt es einen Überblick über die Top-Favoriten und mögliche Geheimtipps.
10.06.2021, 06:26
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Frankreich gegen den Rest Europas
Von Malte Bürger
Frankreich gegen den Rest Europas
Daniel Cole/dpa

Mit einem Jahr Verspätung ist es nun also soweit: Die 16. Fußball-Europameisterschaft geht über die Bühne. 24 Nationalmannschaften nehmen an der Endrunde teil, in zehn europäischen Städten sowie im vorderasiatischen Baku geht es um die Krone des Kontinents. Mehr denn je wird es darauf ankommen, wer nicht nur das beste Team beisammen hat, sondern wer auch den mal mehr, mal weniger ausgeprägten Reisestress gut verkraftet. Favoriten gibt es in den sechs Vorrunden-Gruppen einige, doch wer geht am Ende tatsächlich den ganzen Weg?

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Frankreich (Gruppe F)

Wer als amtierender Weltmeister ins Turnier startet, gehört zweifelsfrei auch zu den Top-Favoriten, wenn es um den Titel in Europa geht. Die Franzosen bieten einen exzellenten Kader auf, insbesondere Kylian Mbappé und Antoine Griezmann könnten diesem Fußball-Sommer ihren Stempel aufdrücken. In der Offensive ist mit Rückkehrer Karim Benzema zudem ein weiterer großer Name vertreten. Darüber hinaus hat N'Golo Kanté gerade erst im Champions-League-Finale bewiesen, welch wichtiger Defensivakteur und unangenehmer Gegenspieler er sein kann. Und die Liste an Weltklasse-Spielern ließe sich in diesem Star-Ensemble munter fortführen. „Was die Qualität und Quantität angeht, habe ich das Glück, hochkarätige Spieler zu haben“, sagt auch Nationaltrainer Didier Deschamps. Mit einer starken Mischung aus Erfahrung, funktionierenden Automatismen und unbändiger Titelgier wird sein Team auch dieses Mal nur schwer zu schlagen sein.

Portugal (Gruppe F)

Es war durchaus eine kleine Überraschung, als Portugal vor fünf Jahren den EM-Titel holte. Die Wiederholung dieses Kunststücks wird schwer, zumal in der Vorrunde direkt Frankreich und Deutschland als Gegner warten. Aber es gibt da eben einen gewissen Cristiano Ronaldo. Mittlerweile ist der Offensivspieler 36 Jahre alt, was ihn dennoch nicht daran hinderte, für Juventus Turin in der abgelaufenen Saison der Serie A 29 Tore zu erzielen. Derartige Zahlen sind Glück und Gefahr zugleich. Ronaldo kann Portugal weit bringen, aber vielleicht ist die Abhängigkeit vom Topstar auch zu groß. Andererseits gibt es in der Offensive noch João Félix (Atlético Madrid), Bernardo Silva (Manchester City), Diogo Jota (FC Liverpool) oder André Silva (Eintracht Frankfurt). Zum Mittelfeld gehören Bruno Fernandes (Manchester United), Danilo Pereira (Paris Saint-Germain) oder Renato Sanches (OSC Lille). Auch Dortmunds Verteidiger Raphaël Guerreiro hat hinlänglich bewiesen, dass er ein guter Fußballer ist. Ist die portugiesische Mannschaft tatsächlich wieder eine Mannschaft, kann die Selecao erneut weit kommen.

England (Gruppe D)

Trainer Gareth Southgate spürt den Druck in der Heimat – schließlich finden das Halbfinale und das Endspiel der EM im Londoner Wembley-Stadion statt. Und da soll seine Mannschaft doch bitteschön dabei sein, alles andere wäre eine Enttäuschung. „Ja, das wäre es wohl“, sagte der 50-Jährige selbstbewusst. „Ich denke, wir müssen realistisch sein, wir müssen mit dieser Erwartungshaltung leben.“ Bei der WM vor drei Jahren wurde England Vierter, allzu häufig haben die "Three Lions" allerdings in der Vergangenheit ihre hoch gesteckten Ziele nicht erreicht. Southgate übernahm 2016 das Nationaltraineramt und hat seither eine neue Begeisterung für das Team entfacht. „Wir merken die Vorfreude rund um die Mannschaft, und das ist großartig“, sagte er. „Wir sind jetzt relevant.“ Im Kader um Führungsfigur Harry Kane stehen allerlei Spieler, die schon starke Leistungen gezeigt haben, aber ein womöglich noch viel größeres Entwicklungspotenzial besitzen. Vielleicht kommt dieses Turnier für diese Generation daher fast noch zu früh. Doch die Chancen stehen so gut wie lange nicht für die Engländer, mal wieder ein gewichtiges Wörtchen bei der Titelvergabe mitzureden.

Spanien (Gruppe E)

Die beiden vergangenen Großereignisse endeten mit einer riesigen Enttäuschung: Bei der EM 2016 und auch der WM zwei Jahre später schied Spanien bereits im Achtelfinale aus. Dabei war der europäische Fußball doch jahrelang von eben jener Mannschaft dominiert worden. Zuletzt zeigte die Formkurve aber wieder steil nach oben, nicht zuletzt durch die 6:0-Gala gegen Deutschland in der Nations League. Kurios: Im aktuellen Kader von Coach Luis Enrique steht kein einziger Spieler von Real Madrid. Dafür gibt es allerlei junge Talente, die Beweis eines radikalen Neuanfangs sind. Enrique hat in den vergangenen Monaten viel experimentiert, wie genau seine Stammformation also aussehen wird, ist noch ein wenig unklar. Ferran Torres (Manchester City) dürfte aber wohl dazu gehören. Der 21-Jährige hat das Zeug dazu, der große Star dieser EM zu werden. Wie groß seine Offensivqualitäten sind, musste nicht nur die deutsche Auswahl beim erwähnten Debakel erfahren. „Wir haben das Potenzial, noch viel weiter zu wachsen", sagt Enrique und glaubt zumindest schon einmal an eine gute Gruppenphase, in der Schweden, Polen und die Slowakei warten: "Ich weiß nicht, was passieren wird, aber ich bestreite nicht, dass wir Favoriten sind, aber nicht wegen unserer Leistung, sondern wegen der Leistungen unserer Vorgänger. Ich habe keine Angst vor dieser Herausforderung.“

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Belgien (Gruppe B)

Ein Geheimfavorit sind die Belgier längst nicht mehr, dem Ersten der Fifa-Weltrangliste fehlt mit seiner "goldenen Generation" trotzdem noch der ganz große Wurf. Viel dürfte während der EM davon abhängen, wie groß die Spätfolgen der Verletzung von Mittelfeld-Regisseur Kevin de Bruyne (Manchester City) aus dem Champions-League-Finale sind. Und ob Torjäger Romelu Lukaku (Inter Mailand) seine starke Liga-Form nun auch bei der Europameisterschaft zeigt. Findet der WM-Dritte von 2018 wieder zu seinem Rhythmus, wird es für jeden Gegner gefährlich.

Niederlande (Gruppe C)

Seit der WM 2014 war das deutsche Nachbarland bei keinem großen Turnier mehr dabei, könnte nun mit seiner jungen Mannschaft aber durchaus überraschen. "Wir sind keine Favoriten, aber in guter Verfassung", sagt Trainer Frank de Boer. "Ich denke, wir können jeden schlagen, aber da muss alles zusammenkommen. Wir streben nach dem Höchsten, das wäre der Titel, aber das wird nicht einfach werden." Fehlen wird Topstar Virgil van Dijk (FC Liverpool) aufgrund eines Kreuzbandrisses, Torhüter Jasper Cillessen (FC Valencia) verpasst die EM wegen eines positiven Coronatests.

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Italien (Gruppe A)

Bei der WM 2018 fehlte Italien, nach diesem Tiefpunkt übernahm Roberto Mancini das Traineramt. Der 56-Jährige baute nicht nur eine neue Mannschaft auf, sondern führte diese prompt in der EM-Qualifikation zu zehn Siegen in zehn Spielen. Die ganz großen Stars fehlen im Kader, doch Marco Verratti, Nicolo Barella, Gianluigi Donnarumma, Federico Chiesa, Ciro Immobile und Lorenzo Insigne wecken die Hoffnung, dass auch nach den Gruppenspielen gegen die Türkei, Wales und die Schweiz etwas möglich ist.

Dänemark (Gruppe B)

Der Glaube an eine Sensation ist da. So, wie sie 1992 schon einmal gelang. Dänemark könnte in diesem Jahr das Überraschungsteam der Europameisterschaft werden. „Wir haben in den letzten drei Jahren nur zwei Spiele verloren – jeweils gegen Belgien, die aktuelle Nummer eins der Welt“, sagt etwa Stürmer Yussuf Poulsen von RB Leipzig, der jüngst auch beim 1:1 im Test gegen Deutschland traf. „Man muss groß träumen – und die Frage, die wir uns stellen müssen, ist ,Warum nicht wir?'“, meint Torhüter Kasper Schmeichel, dessen Vater Peter 1992 ebenfalls das dänische Tor hütete. Nicht nur innerhalb der Mannschaft herrscht Zuversicht, auch die heimische Bevölkerung ist elektrisiert und fiebert mit der vermeintlich besten Mannschaft seit dem legendären Titelgewinn mit. In der Vergangenheit hat die dänische Nationalelf häufig bewiesen, dass sich die vermeintlich Großen gegen sie schwertun – nun muss ihr dies auch bei der EM gelingen. Dann ist vieles möglich.

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