2. Bundesliga FC St. Pauli mit skurrilster Tribüne der Liga

Hamburg. Der Kran und die in den Himmel ragenden Betonpfeiler versperren ein wenig die Sicht. Ansonsten ist der Blick auf das Spielfeld wunderbar. Fußball-Zweitligist FC St. Pauli hat die wohl skurrilste Tribüne der Republik.
01.03.2010, 11:45
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Hamburg. Der Kran und die in den Himmel ragenden Betonpfeiler versperren ein wenig die Sicht. Ansonsten ist der Blick auf das Spielfeld wunderbar. Fußball-Zweitligist FC St. Pauli hat die wohl skurrilste Tribüne der Republik.

Es ist der dritte Stock des angrenzenden Wirtschaftsgymnasiums. Seit im Oktober 2009 die altehrwürdige Haupttribüne des Millerntor-Stadions abgerissen wurde, ist der wegen seiner außergewöhnlichen Fan-Szene bekannte Kiez-Club um eine Verrücktheit reicher: Das zuvor von der Tribüne verdeckte Gymnasium bietet kostenlose Fensterplätze bei Zweitliga-Spielen.

«Nicht auf die Stühle stellen, knien ja», regelt Lehrerin Susanne Bach das Geschehen. Ihre fünfte Klasse der benachbarten Rudolf-Rost- Gesamtschule ist heute zu Besuch gekommen. Nun grölen sich die Kids die Seele aus dem Leib, Totenkopfflaggen wehen aus den Fenstern: Die Braun-Weißen empfangen Arminia Bielefeld. «Wir fühlen uns wie VIPs», scherzt Schulleiter Ulrich Natusch, der das Ganze organisiert.

«Leider ist es wohl das letzte Mal.» Denn die neue West-Tribüne nimmt Konturen an. Dort, wo noch Baumaterial im Matsch liegt, soll im Sommer das neue Stadionteilstück stehen. Pfiffig haben Lehrer und Schüler des Gymnasiums, das auch eine Berufsschule beherbergt, «die drei strategisch günstigsten Räume in Höhe Mittellinie» Fan-tauglich gemacht. Im Kunstraum gibt es Saft, Bier und Kuchen. Wer keinen der begehrten Fensterplätze erwischt, steht in Reihe 2 auf einem Stuhl. «Bei Freitagsspielen wurde hier schon mal richtig abgefeiert», sagt Schüler Torben Möller, der seit Oktober zu jedem Heimspiel kommt. «Sonntags ist es ruhiger, Montag müssen wir ja wieder zur Schule.» Dann erzielt Arminia das 1:0. «Buhhh», tönt es aus vielen Kehlen.

«Einige sind eingefleischte Fans, andere kommen wegen des Spaßes. Wir sind Teil des Events», betont Natusch den lockeren Charakter der Zusammenkunft von Jung und Alt. Auch ein Rollstuhlfahrer ist anwesend. Plötzlich herrscht helle Aufruhr. Genau gegenüber, in der Ecke der Gegengeraden, erscheint groß auf dem Stadionmonitor die Fensterfront des Gymnasiums. «Da bin ich», kreischt ein Steppke. «Wir sind Nachbarn, die sich gut verstehen», lobt Natusch das Verhältnis zwischen Schule und Kiez-Club. Er weiß, dass diese tolle Story bald ein Ende haben wird. Im Sommer droht die Schule zudem im Schatten der neuen, pompösen Tribüne zu versinken. Dennoch macht ein aus dem Fenster wehendes Transparent die Verbundenheit deutlich: «Das Wirtschaftsgymnasium St. Pauli grüßt Spieler und Fans! Ahoi!» (dpa)

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